Bewohnbare Skulpturen in Frankfurt

Das Baumhaus als Elfenbeintürmchen

Wie schläft es sich in einem Kunstwerk? Im Metzlerpark in Frankfurt am Main kann man in der Ausstellung "TinyBe" gerade in Skulpturen wohnen. Eine Probenacht im Baumhaus von Terence Koh

Um kurz vor halb sieben landet eine Krähe auf dem Bett. Ein dumpfes "Plopp", die Luftmatratze schwankt, dann schauen sich ein verschlafener Mensch und ein verdutzter Rabenvogel einen Moment lang in die Augen. Kurz regt sich ein Hitchcock-hafter Aufschrei in meiner Kehle (das letzte Mal, dass ich "Die Vögel" geschaut habe, ist noch gar nicht so lange her), da hüpft das Tier schon wieder vom Betttuch und schwingt sich in die turmhohe Linde nebenan. Auf dem weißen Laken bleiben zwei schlammige Krähenfüßchen als Abdruck zurück. Im Frankfurter Metzlerpark sind die ersten Hunde mit ihren Herrchen und Frauchen unterwegs. Etwas bellt, etwas winselt, eine flötende Amsel übertönt sogar den Verkehr, der sich das Mainufer entlangschiebt. Die Lindenblüten riechen schwer und süß nach Sommer. Ist das jetzt dieser Einklang mit der Natur? 

Die Nacht habe ich in einem Kunstwerk verbracht, in einem "Spiral Home", um genau zu sein, konzipiert vom kanadischen Künstler Terence Koh und ausgeführt von seinem Projektpartner Till Richter. Auf dem streng komponierten modernistischen Richard-Meier-Areal rund um das Frankfurter Museum für Angewandte Kunst huldigt der einstige Kunstwelt-Dandy und heutige Quasi-Eremit Koh der Improvisation und dem organischen Wachstum.

Hängematte oder Hotelbettwäsche

Ein spiralförmiger Weg führt zwischen Gemüsepflanzen, Kräutern und Mini-Apfelbaum zu einer Holzkonstruktion mit Wellplattendach. Ein ehemaliges Schiffssegel dient als Außenhaut, ein eingetopftes Nadelbäumchen als Krone. Eine geflochtene Hängematte verbindet die Wohnkunst, die ausschließlich aus gefundenen Materialien besteht, mit der riesigen duftenden Parklinde. Wer will und sich traut, kann hier sanft schaukelnd (und angegurtet) unter freiem Himmel schlafen, ansonsten kann man sich unterm Dach auf einer Luftmatratze mit blütenweißer Hotelbettwäsche einrichten.

Das angekündigte Unwetter ist in der Probenacht ausgeblieben, das Klopfen der Regentropfen auf dem Segel wirkt eher einschläfernd als beunruhigend. Ab und zu erinnert das Geräusch eines startenden Flugzeuges daran, dass sich die Menschen nach Abflauen der Pandemie in Deutschland wieder in Bewegung setzen. Die Jugendlichen, die bis vor Kurzem allabendlich im Metzlerpark gefeiert haben, sind wohl wieder in den Kneipen. Bis auf zwei Jogger, die was von Kunst murmeln, nimmt keiner besondere Notiz von der Skulpturenschläferin.

Monopol-Redakteurin Saskia Trebing in Terence Kohs "Spiral Home", in der Ausstellung "Tiny Be - Living in a Sculpture, Metzlerpark, Frankfurt am Main
Foto: Silke Hohmann

Monopol-Redakteurin Saskia Trebing in Terence Kohs "Spiral Home", in der Ausstellung "Tiny Be - Living in a Sculpture", Metzlerpark, Frankfurt am Main


Terence Kohs Werk gehört zur Ausstellung "TinyBe - Living in a Sculpture", die bis Ende September bewohnbare Skulpturen nach Frankfurt bringt. Auch in Darmstadt und Wiesbaden ist jeweils eine Position zu sehen. Die Initiatorin Cornelia Saalfrank hat mit ihrer Co-Kuratorin Katrin Lewinsky elf Künstlerinnen, Künstler und Kollektive ausgesucht, die sich mit dem kreativen Wohnen auf engstem Raum beschäftigen. Es gehe um die großen Fragen der Gegenwart, sagt Cornelia Saalfrank: Wohnungsnot, Kreislaufwirtschaft und die Besinnung darauf, was wirklich nötig ist. Im Hochhausschatten des Frankfurter Bankenviertels sollen alle Kunstwerke für Bescheidenheit stehen.

Ein ironischer Kommentar auf Gigantenarchitektur ist beispielsweise Christian Jankowskis "Bodybuilding", eine igluartige Betonglocke aus einer Serie, in der das Innere stets nach Profilen berühmter Architekten geformt ist (im Metzlerpark kann man auf dem Kinn von Ludwig Mies van der Rohe sitzen und bildlich gesprochen in seinem Gehirn in einer Hängematte liegen). Das studentische Kollektiv My-Co-X aus Berlin hat einen Pavillon aus selbstgezüchteten Pilzplatten gebaut, dessen Wände sich wie flauschiger Camembert anfühlen und nach Wald riechen. Das Künstlerduo Mia Eve Rollow und Caleb Duarte hat zusammen mit artist ambassadors mit Fluchterfahrung eine riesige möblierte Transportkiste gebaut, die an die Freiheit von Waren und die Reiseeinschränkungen für Menschen erinnert. In der Mitte ist ein rechteckiger Sockel aus Erde aufgeschüttet, der während der Ausstellung bearbeitet werden soll. Heimaterde vielleicht? Mutterboden? Die Metapher wiegen schwer in diesem Werk. 

Die visuell spektakulärste Intervention (und den unverfrorensten Angriff auf Richard Meiers architektonische Kühle) hat zweifellos Laure Prouvost geschaffen. Die Französin ließ zwei blumendekorierte Grashügel in Brustform aufschütten, bei dem sich einer als höhliges Schlafzimmer mit Fernseher und hübschem Teeservice neben dem Bett entpuppt. Die Brustwarzen sind aus pinkem Murano-Glas, durch das die Sonne strahlt. Aus einem der Nippel schießt ein Wasserstrahl in einen kleinen Teich. Der Körper ist hier Ernährer, Bunker und Landschaft zugleich. Und ein wenig mehr Weiblichkeit im Stadtraum kann in der Wirtschaftsmetropole Frankfurt sicher auch nicht schaden.

Vielen Menschen fehlen diese Rückzugsorte

"TinyBe" verbindet auf interessante Weise Urbanität mit Rückzugsräumen, einen öffentlichen Park mit Privatsphäre und Kunst mit Architektur. Aber die Botschaft ist ambivalent, denn natürlich ist es ein Luxus, sich freiwillig beschränken zu dürfen. Die Kunstwerke sind von außen kostenlos zu besichtigen, doch eine Nacht in der Skulptur kostet 364 Euro, die zweistündige "day experience" immer noch 166 Euro. So dürfte der Rückzug zum Wesentlichen mitten auf der Museumsmeile einem gutbetuchten Publikum vorbehalten bleiben, während sich in der Frankfurter Innenstadt an beinahe jeder Ecke betrachten lässt, wie vielen Menschen solche Rückzugsorte fehlen - der Künstler Cyprien Gaillard hat mit seiner Installation "Frankfurter Schacht" gerade darauf aufmerksam gemacht.

Dieser Clash mit der Realität macht deutlich, dass die bewohnbaren Skupturen auch kleine Elfenbeintürmchen sind. Aber im Idealfall können sie daran erinnern, dass Städte, wie wir sie kennen, nicht die einzige Möglichkeit sind, Menschen Raum zu geben.

Auch die Pflanzen nehmen sich jeden Tag mehr Platz

Terence Koh und Till Richter haben es zumindest geschafft, dass man ihr Spiralenhaus auch als Appell sehen kann, Provisorien zu würdigen und das Mini-Gärtchen als Ökosystem mit einfachsten Mitteln zu sehen. Während die Stadt erbarmungslos weiterwächst, nehmen sich auch die Pflanzen jeden Tag ein Stückchen mehr Raum. Der Wein rankt schon fast bis aufs Kopfkissen.

Was ich im Baumhaus geträumt habe, weiß ich übrigens nicht mehr. Träume in einem Kunstwerk sollte man eigentlich zwingend aufschreiben. Aber die Krähe auf dem Bett hat mich zu unsanft geweckt.