Museumssammlungen online

Eine eigene Welt der Bilder

Suchmaske der Online-Sammlung des Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
Foto: Courtesy MKG Hamburg / Screenshot Monopol

Suchmaske der Online-Sammlung des Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg

Viele Museen haben in den vergangenen Jahren ihre Sammlungen digitalisiert und online zugänglich gemacht - mit unterschiedlich spannenden Ergebnissen. Ein digitaler Spaziergang

Kunst-Entzug und Homeoffice: In Zeiten der Corona-Pandemie bleiben wenig Möglichkeiten, etwas Kulturelles in der physischen Welt zu unternehmen. Ich weiche deswegen auf den digitalen Raum aus und schlendere durch die Online-Sammlungen der Museen. 

Mein erster virtueller Stopp ist Frankfurt am Main. Der Button "Digitale Sammlung" auf der Seite des Städel Museums führt mich zu einer Suchmaske, hinter der sich ein gemischtes Konvolut an Werken verbirgt. Ich klicke auf eine Bronze-Plastik von Max Beckmann und sehe die Maße, Inventarnummer, Herkunft, den Ausstellungsort, Audiodateien und eine Beschreibung. Die angezeigten Daten in Online-Sammlungen speisen sich aus der Museumsdatenbank, in der Informationen zu den Objekten der Sammlung und im besten Falle jeweils eine hochwertigen Abbildung hinterlegt sind.

Wenn die Objekt-Informationen sorgfältig erfasst und nach Standards organisiert sind, können sie durch eine Online-Schnittstelle in die vorhandene Website ausgelesen werden. Unter den Eckdaten finde ich Audiodateien zum kunsthistorischen und religiösen Standpunkt in Beckmanns Werk. Weiter unten finde ich die Kategorie “Bezug zu anderen Werken”, unter der ich sortiert nach Motiv, Bildelement, Stimmung, Assoziation und Wirkung weitere Werke finde. Und so spaziere ich von Beckmann über Karl Schmidt-Rottluff, zu Bettina von Arnim – und von da aus weiter durch die Sammlung.

Die eigene Sammlung in Amsterdam

Danach geht es nach Amsterdam. Auf der Seite des Rijksmuseum finde ich hochwertige Gemälde geordnet nach Künstler*innen, Motiven wie der Teestunde oder auch nach Material. In der Sammlung "Fancy headgear" wähle ich eine Belle-Epoque-Lady mit zwei riesigen Pfauenfedern auf ihrem Hut aus und sehe neben einem hochauflösenden Scan ein komplettes Datenblatt inklusive Beschreibungstext. Die Werke können sogar als Print oder Poster gekauft werden.

In der kostenlosen Anwendung "Rijksstudio", können eigene Sammlungen erstellt werden und für andere Besucher*innen freigeben werden - mehr Partizipation, geht kaum. Das einzige Manko der Sammlung: Außer den Verknüpfungen à la "Ähnliche Bilder in diesem Farbton" gibt es wenig übergreifende Informationen zu den Werken, die Seite ist eher etwas zum Stöbern. Bei meiner ausführlichen Tour erstelle ich eine Sammlung mit Outfits fürs Homeoffice und wandere ins nächste große Kunstmuseum.

Spielerisch lernen in der Tate

Der Eingang zur digitalen Sammlung der britischen Tate Museen finde ich präsent auf der Startseite des Museums. Alle Werke sind zusätzlich zu einem knappen Datenbankauszug mit ziemlich langen Texten beschrieben. Im Gegensatz zum spielerischen Webportal des Rijksmuseum scheint diese Sammlung vom schlichten Design und der Textlänge her eher für ein konservativeres Publikum gebaut zu sein. Nachdem ich mein kunsthistorisches Expert*innenwissen über Marcel Duchamps Werk "Fountain" aufgebessert habe, ziehe ich weiter zu Anwendung "Tate Kids".

Hier gibt es Kurse zum Zeichnen oder Basteln, Texte zu Künstler*innen in leichter Sprache und, again, Selbsttests "Welche Kunstfee bist du?" (Partyfee - kein Spaß). Im Tate Museum bleibe ich also lieber Kind.

Um Inspiration für die nächste Haltestelle meines Spaziergangs zu finden, besichtige ich Google Arts and Culture. Die Google-Anwendung zeigt Sammlungen, hochauflösende Werkaufnahmen und kuratierte Konvolute. Es gibt Quiz-Spiele und Gimmicks wie "Welches Kunstwerk sieht so aus wie du?", 3D-Rundgänge durch Museen und Artikel zur Kunstgeschichte. Die Seite macht einfach Spaß, lädt zum Verweilen ein, und als ich sie das erste Mal vor ein paar Jahren entdeckt habe, habe ich mich länger darin aufgehalten als in so mancher analogen Museumsausstellung. Die Digitalisierung der Werke wird von Google unter Verwendung der Technik von Google-Street-View in Zusammenarbeit mit den Museen übernommen.

Künstliche Intelligenz trifft Kunst

Die Seite entstand durch einen Beschluss von Google, dass Google-Mitarbeiter*innen 20 Prozent ihrer Arbeitszeit auf Projekte verwenden können, die ihnen Spaß machen. Daraufhin haben 2011 einige Mitarbeiter*innen die Seite gebaut um neue digitale Anwendungen für Kunstvermittlung zu testen und gezeigt, was alles möglich ist, wenn technisches Know-How und künstliche Intelligenz auf Spaß an der Kunst treffen. 

Nachdem ich an der Fotografie-Sammlung des Museum Folkwang hängengeblieben bin, beschließe ich, mir die Sammlung auf der Museumswebsite anzuschauen. Trotz der Zusammenarbeit mit Google Arts and Culture haben einige Museen noch eigene Online-Auftritte. Das Folkwang Museum hat beispielsweise kürzlich große Teile seiner Sammlung online gestellt.

Das Wetter schlägt um auf meinem digitalen Spaziergang. Die Seite des Museum Folkwang sieht eher altmodisch aus, und überraschenderweise finde ich die hochwertigen Digitalisate nicht wieder. Investigativ versuche ich, Werke von Google Arts and Culture bei der Sammlung Online des Museum Folkwang zu finden und merke, dass ich kein Muster erkennen kann. Nach Information des Museum Folkwang wurden die bei Google angezeigten Digitalisate von Google-Mitarbeiter*innen erstellt, die des eigenen Online-Auftritts vom Hausfotografen. Die beiden Sammlungen seien "zwei verschiedene Paar Schuhe", so die Auskunft des Museums.

Auffällig ist aber dennoch der qualitative Unterschied zwischen den beiden Seiten, der auch bei näherer Betrachtung nicht kleiner wird. Die Daten zum Objekt sind auf der Seite des Folkwang unübersichtlich verteilt und dürftig, was merkwürdig ist, da das Museum wie viele andere Häuser die Datenbank MuseumPlus nutzt.

Ich komme nicht umhin mich zu fragen, wieso es in unserer digitalen Welt noch schlechte Websites gibt, wenn so viele schon vormachen, wie es richtig geht? Ein Grund hierfür könnte die rasante Entwicklung der digitalen Welt sein. Die Sammlung Online eröffnete bereits 2010 im Zusammenhang mit dem Kulturhauptstadtjahr und der Eröffnung des Museumsneubaus. Seitdem sind immer nur kleinere Veränderungen vorgenommen werden. Der für nächstes Jahr geplante Relaunch der Website soll auf dem neuen Design des Museum Folkwang beruhen, das von Marc Naroska entworfen wurde. Die Online-Vermittlung findet beim Museum Folkwang eher auf der kostenfreien Museum Folkwang-App, sowie sozialen Medien und Youtube statt.

Ein weiterer Grund für die eher altmodische Web-Präsenz könnten fehlende Ressourcen sein. Das Museum Folkwang hat den Aufbau der Sammlung aus hauseigenen Mitteln ohne Förderung realisiert.

Die Finanzierung fehlt

Ein prägnanter Unterschied zwischen Google und den meisten Museen ist nämlich die Finanzierungsgrundlage. Dazu kommt, dass Museen wirtschaftlich arbeiten sollen, da geht die Sammlungsarbeit manchmal unter. Für eine gute Online-Sammlung braucht es erst einmal eine gute Datenerfassung. Neue Datenbanksysteme müssen sorgfältig ausgesucht und bezahlt werden. Dann muss die Filemaker-Datenbank (oder schlimmer: die Word-Liste), in die neue Datenstruktur eingetragen werden, Objekte müssen fotografiert, vermessen beschrieben und erforscht werden. Dazu braucht es Zeit und Projektstellen oder viele Praktikant*innen. Auch für ein gutes Front-End braucht es fähige Informatiker*innen, also wieder Geld. Das Förderprogramm Digis finanziert seit 2012 Digitalisierungsprojekte in Museen, dieses Jahr zum Beispiel im Brücke Museum Berlin - mein nächster Stop.

Die Website des Brücke-Museums ist genauso bunt wie seine Bilder. Die Chefin Lisa Marei Schmidt hat, als sie 2017 die Stelle übernahm, die Neugestaltung der Webpräsenz nach den Werken der Brücke-Künstler und die Verwendung von leichter Sprache in allen Texten angestoßen. 

Auf der Startseite der Online-Sammlung findet sich neben den Werken auch eine Bedienungsanleitung für die Website. Die Anleitung liefert Transparenz wie keine der anderen Online-Sammlungen. Durch mein Studium kann ich etwas mit Inventarnummern, Normdateien und Bildrechten anfangen. Wer das bisher nicht kennt, bekommt es auf der Seite des Brücke-Museums in einfacher Sprache erklärt.

Auch die Werke sind sorgfältig aufgearbeitet inklusive Literaturverweisen. Unter dem Reiter "Perspektiven" finden sich wenige, aber wissenschaftlich geschriebene Artikel zum Werk der Brücke-Künstler, die unterschiedliche, auch nicht-kunsthistorische Stimmen, zu Wort kommen lassen. Momentan werden Online-Vermittlungsangebote vor allem auf Social-Media-Kanälen geteilt und auf die Sammlung verwiesen. Das soll sich aber in den nächsten Jahren ändern, so Isabel Fischer, die das Digis-Projekt im Brücke-Museum koordiniert.

Digitale Sammlungen erforschen

2018 hat das Museum bereits alle Gemälde inklusive Rückseiten erfasst. Jetzt sind die Papierarbeiten aus der Sammlung von 1905 bis 1913 dran - den Jahren in denen es die Brücke gab. Neben der Digitalisierung der restlichen Sammlung will das Brücke Museum auch in Zukunft mehr Arbeit in die Online-Vermittlung der Werke stecken.

Sammlungen online zu zeigen macht die Sammlungsarbeit transparenter. Im Bestand des Brücke-Museums befinden sich auch einige ethnographica, die die Brücke-Künstler gesammelt haben. Die Objekte wurden bis jetzt kaum erforscht und auch die Provenienz ist oft lückenhaft. Um diese Leerstände zu füllen, hat sich das Museum für eine Förderung beim Berliner Senat zur Aufarbeitung ethnographischer Sammlungen beworben. Auch die Provenienzforschung profitiert von digitalen Sammlungen. Durch Digitalisierungsprojekte wird transparent, was sich überhaupt in den Sammlungen befindet und die Forschung kann international betrieben werden.

Wo bleibt der Spaß?

Nach so viel Papierarbeiten brauche ich einen Genre-Wechsel. Mein nächster Halt ist die Online-Sammlung des Cooper Hewitt Museum in New York. Das Design ist modern und bunt und ein bisschen verwirrend. Die Objekte sind mit guten Fotos und grundlegenden Infos ausgestattet, aber neben ein paar kuratierten Konvoluten hat die Seite nichts, was mich besonders packt.

Und genau da ist auch der Haken an der digitalen Vermittlung. Zu einer guten digitalen Sammlung gehört nicht nur ein schönes Foto. Online-Präsentationen funktionieren anders als analoge Ausstellungen. So wie ich durch das Museum gehe, will ich mich auch dynamisch durch eine Online-Sammlung bewegen. Die Seite muss Spaß machen, zum Entdecken und Ausprobieren anregen. Ich werde mir sehr lange merken, dass ich aussehe wie die Madonna auf dem Gemälde von Francesco Albani, aber wahrscheinlich keinen der Fakten über Marcel Duchamp, die ich auf der Seite der Tate gelesen habe.

Das Konzept dahinter ist das 1999 von George E. Hein beschriebene meaning making, eine Strategie die besagt, dass der Lerneffekt höher ist, wenn wir Begrifflichkeiten aus unserer eigenen Umgebung in etwas wiederfinden - das Gesehene mit Bedeutung aufladen können. Hinzu kommt, dass es verschiedene Lerntypen gibt. Manche Menschen lernen eher durch visuelle Reize, andere durch das Hören, und wiederum andere Menschen lernen durch den Austausch über etwas, oder indem sie Dinge haptisch oder spielerisch erfassen können. Für ein gutes museumspädagogisches Programm werden am besten alle Lerntypen angesprochen.

Denn ein gutes Webdesign ist auch nicht alles. Während ich mich lustlos durch die Sammlungen der Staatlichen Museen zu Berlin klicke, frage ich mich, was passieren würde, wenn dieser Verbund eine riesige Finanzierung in die Hand gedrückt bekommen würde, um ihre Online-Sammlungen aufzuarbeiten. Die fällt momentan eher durch altmodisches Design, wenig Objekte und kaum Informationen auf. Möglicherweise würden sie von dem Geld eine/n gute Informatiker*in anstellen, die Objekte erfassen, digitalisieren und alles in modernen Design veröffentlichen. Dann würde die Seite aber aussehen wie die Sammlung vom Cooper Hewitt Museum - nämlich eher langweilig.

Barrierefrei, umweltfreundlich, nachhaltig

Digitale Kunstvermittlung könnte Kunst barrierefrei, umweltfreundlich und nachhaltig in unseren Alltag integrieren, aber dafür darf sie nicht mehr als bloße Blaupause der analogen Museumsarbeit gesehen werden. Für ein gutes Online-Format braucht ein Museum außer einer guten Datenbank, guter Grafik, wissenschaftlicher Objekt-Recherche eben auch mindestens eine Person, die das alles verknüpft - eine/n Kurator*in für die Online-Vermittlung. Nur weil jemand gute Ausstellungen im physischen Raum gemacht hat, heißt das nicht, dass die Person tolle Online-Kuration leisten kann.

Während ich durch die Seite des Sprengel Museums Hannover streife, fällt mir auf, dass alle Bilder Wasserzeichen tragen. Nicht alle Museen wollen ihre Werke frei zur Verfügung stellen. Da sich eine Online-Sammlung ohne schöne Bilder zum Stöbern ein wenig witzlos anfühlt, wandere ich weiter in die Berlinischen GalerieHier gibt es das gleiche Problem. Etliche Datensätze zeigen zwar die Grundinformationen zum Objekt, aber keine Abbildung. Das muss aber nicht unbedingt Geheimniskrämerei des Museums sein. Früher wurde beim Erwerb von Kunstwerken für Sammlungen selten auf den Erwerb der Nutzungs- und Verwertungsrechte geachtet. In dem Falle muss gewartet werden, bis der Urheber des Werkes mindestens 70 Jahre tot ist.

Bitte Zuhause ausprobieren!

Ganz anders ist es beim Museum für Kunst und Gewerbe in HamburgIch lese beim Betreten der Sammlung den Hinweis, dass alle Bilder, die mit dem Hinweis "Public Domain" gekennzeichnet sind, frei downloadbar und zu verwenden sind - "privat, wissenschaftlich, kreativ und kommerziell". Das MKG-Studio liefert sogar Ideen zur Weiternutzung der Werke. Ich statte dem Studio einen Besuch ab und finde Stickvorlagen, Ideen zur Schmuckherstellung und eine Anleitung zum Bedrucken von Stoff, die mich besonders anspricht. Die Idee ist, Werke aus der Sammlung mithilfe von Sonnenlicht auf Stoff zu druckenKlingt cool und sieht schick aus. Leider fehlt mir die Indodye-Farbe, sonst hätte ich direkt losgeprintet. Stattdessen schaue ich mir ein paar "Public Domain"-Jugendstil-Plakate an und drucke eins für meine Wohnung aus. Ein Stück Ausstellung für Zuhause. 

Und während ich ein Stück digitales Museum in meine analoge Bildersammlung integriere, beende ich meinen Spaziergang. Digitale Sammlungen bringen Transparenz für die Museen und Spaß für Besucher*innen, wenn sie gut gemacht sind und Vermittlungsarbeit leisten. Es ist natürlich schade, nicht ins Museum gehen zu können, aber wer will, kann sich von den digitalen Sammlungen trösten lassen, die die Kunst zu uns bringen.

Übrigens, das sollte noch erwähnt werden:  Wenn ich eine Kunst-Aktivistin wäre, wäre ich ein Guerrilla Girl.