Debatte
"Zeit"-Herausgeber Florian Illies sieht angesichts von Donald Trumps zweiter Präsidentschaft die Zeit gekommen, dass sich die Europäer von den US-Amerikanern emanzipieren. "Ja, es ist an der Zeit, dass die halbe Milliarde an Europäern ihr eigenes Selbstbewusstsein wiederentdecken, ihre Stärke, ihre Geschichte – und endlich aufhören, bei Europa nur an die EU-Verordnungen zum Krümmungsgrad von Bananen zu denken." Das schreibt der Bestsellerautor und Monopol-Gründer in einem "Zeit"-Essay. Weiter heißt es darin: "Wer Donald Trump, J. D. Vance, Pete Hegseth oder Marco Rubio zuhört, der weiß: Wer solche Freunde hat, braucht keine Feinde mehr." Illies' Vorschlag: "Wir sollten der amerikanischen Regierung im Allgemeinen und Donald Trump im Besonderen das entziehen, was sie am dringendsten brauchen: unsere ungeteilte Aufmerksamkeit." Kurz gesagt: "Amerikaner, macht bitte, was ihr wollt. Aber wir sind dann mal gedanklich weg." Jahrzehntelang habe der Westwind aus den Vereinigten Staaten "verlässlich alle Segnungen und Verwerfungen des Kapitalismus" herübergeweht, schreibt Illies - "jeden neuen Musikstil, jede neue Kunstrichtung, jede neue Studentenbewegung, jede neue Weltdeutung". Kulturell und popkulturell seien Amerikas Produkte von liberalen Universitäten, Verlagen, Film- und Plattenstudios "meist die eine Stufe origineller, witziger, tiefsinniger und: besser" gewesen. "Nun aber, wo sich der Wahnsinn in Washington für vier Jahre häuslich eingerichtet hat, ist endlich der richtige Moment für Europa gekommen, um es wieder selbst mit dem Weltgeist zu versuchen. Das hat in den 2000 Jahren vor Hemingway und dem Big Mac eigentlich auch ganz gut geklappt." Mit der Regierung Donald Trumps sei nicht nur die US-Politik empörend, auch die Konsumkultur habe ihren Reiz verloren, weil sie wie infiziert wirke "vom Trump'schen Ungeist der Illiberalität", meint der "Zeit"-Mitherausgeber. "Wer Instagram nutzt, weiß, dass Mark Zuckerberg seinen Kniefall vor Trump gemacht hat, wer bei Amazon kauft, weiß, dass Jeff Bezos den Präsidenten zu seiner Hochzeit eingeladen hat – und jeder Teslafahrer möchte täglich ins Lenkrad beißen, weil aus seinem fahrenden Nachweis von Coolness und Klimabewusstsein urplötzlich ein Unterstützungsfahrzeug für den Kettensägenirrsinn Elon Musks geworden ist." Natürlich sei sein Rundumschlag "genauso maßlos übertrieben wie der willfährige Import von Ideen und Produkten in den sieben Jahrzehnten davor", betont Illies. "Aber vielleicht ist es doch der richtige Impuls, um damit anzufangen, nun unser eigenes Wertesystem hochzuhalten – und in die USA zu exportieren. Also Humanismus statt Menschenverachtung, Gewaltenteilung statt Willkür, Respekt statt Einschüchterung." Süffisant schreibt der 53-Jährige schließlich: "Was also tun, wenn Trump die Einfuhrzölle auf französischen Champagner und Cognac um lockere 200 Prozent erhöhen will? Uns freuen. Denn dann können wir den herrlichen französischen Champagner, von dem bislang etwa 10 Prozent in die USA gingen, endlich ganz alleine trinken und müssen ihn nicht mehr mühsam über den Atlantik schiffen." Champagner statt Starbucks und den europäischen Binnenmarkt anheizen, das müsse die Devise sein, meint Illies. "Danke für Andy Warhol. Danke für den Big Mac und für das iPhone. Danke auch für Francis Ford Coppola, für Stanley Kubrick und Quentin Tarantino. Danke für Angela Davis, Joan Mitchell und Susan Sontag. Danke für Scott Fitzgerald, für Aretha Franklin, Edward Hopper und auch für die Levi's Jeans. Und jetzt: Tschüss."
Bücher
Schon wieder ein Schlüsselroman aus dem Berliner Kunstbetrieb? Nach Christoph Peters' "Innerstädtischer Tod", den Galerist Johann König verbieten lassen will, und Jonathan Guggenbergers "Opferkunst" lässt sich offenbar auch Johannes Groschupfs Roman "Skin City" als Kunstbetriebssatire mit realen Vorbildern lesen. "Großkünstler wie Jonathan Meese, Neo Rauch oder Cornelia Schleime kommen vor", zählt Christian Schröder im "Tagesspiegel" auf, "und ein prominenter Anwalt, 'Goldhelm' genannt, fällt auf Lippold rein, der sich nun als Kunstberater ausgibt. Der leutselige Jurist hat eine Ausstellung aus New York nach Berlin geholt, besitzt gute Drähte in die Politik und lässt sich unschwer als Peter Raue identifizieren." Auch der Bunker der Boros-Sammlung gehöre zu den Schauplätzen des Romans.
NS-Raubgut
Jörg Häntzschel freut sich in der "SZ", dass die kommende Regierung ein Restitutionsgesetz angehen will, statt wie die Ampel auf Schiedsgerichtsverfahren zu setzen. "Einem Schiedsgericht müssen beide Seiten zustimmen. Die einseitige Anrufbarkeit muss also über einen juristisch kreativen Umweg hergestellt werden: Die deutschen Museumsträger geben eine pauschale Erklärung ab, in jedem Fall einem Verfahren zuzustimmen. Bund und Länder haben dies nun getan. Für die Kommunen aber haben bisher nur deren Verbände wie der Städtetag zugestimmt. Sobald das erste städtische Museum eine Restitutionsforderung erhält, könnten also erneut langwierige Debatten beginnen, ob man sich diesem Schiedsgericht wirklich zu unterwerfen hat."
Architektur
Der in der Schweiz lebende Milliardär und mögliche Mitinvestor Klaus-Michael Kühne sieht kaum noch Chancen zur Rettung des Hamburger Elbtower-Bauprojekts. "Ich glaube nicht, dass es sich realisieren lässt", sagte der 87-Jährige dem "Spiegel". Es hake nach wie vor bei der Finanzierung. Auch fehlten Mieter. Seine Kühne-Holding würde sich mit maximal 100 Millionen Euro an dem Projekt beteiligen. "Benötigt werden 400 Millionen, doch außer uns gibt es nur einen weiteren Investor", sagte Kühne. Der Elbtower war ursprünglich ein Vorhaben der mittlerweile insolventen Signa Prime Selection AG des österreichischen Bauunternehmers René Benko. Nach den ursprünglichen Plänen sollte der vom Büro des britischen Stararchitekten David Chipperfield entworfene Elbtower mit mehr als 60 Stockwerken und einer Höhe von 245 Metern das dritthöchste Gebäude Deutschlands werden. Ende Oktober 2023 hatte das beauftragte Bauunternehmen Adolf Lupp aus Hessen bei 100 Metern Höhe die Arbeit eingestellt, weil Rechnungen nicht gezahlt worden seien. Gegenwärtig verhandelt der vorläufige Insolvenzverwalter alleinig mit einem Konsortium rund um den Immobilienunternehmer Dieter Becken über einen Verkauf. Die Exklusivitätsvereinbarung läuft Ende April aus. "Es kann gut sein, dass der Elbtower eine Ruine bleibt", sagte Kühne. "In ein, zwei Jahren käme dann die Stadt zum Zuge und würde sie abreißen." Neben Geld braucht das Projekt auch noch Mieter. Dafür prüft die Stadt derzeit nach eigenen Angaben einen Einzug des geplanten Naturkundemuseums der Leibniz-Gemeinschaft. Diese, die Universität und die Stadt hatten 2020 vereinbart, dass bis voraussichtlich 2027 in Hamburg ein neues Naturkundemuseum entstehen soll. Ergebnisse der Prüfung sollen im April vorgelegt werden. Sowohl Bürgermeister Peter Tschentscher (SPD) als auch die Zweite Bürgermeisterin Katharina Fegebank (Grüne) haben bereits erklärt, dass sie sich einen Einzug des Museums vorstellen können - sofern er wirtschaftlich darstellbar ist. Kühne betonte aber auch: "Der Einzug des Naturkundemuseums ist nicht in trockenen Tüchern."
Aktivismus
Die Klimaaktivisten der Gruppe "Just Stop Oil" wollen ihren Protest beenden, nachdem sich die britische Regierung verpflichtet hat, neue Lizenzen für Ölbohrungen zu verbieten. Das berichtet unter anderem die "Financial Times". "Just Stop Oil" hatte vor allem in England mit spektakulären Aktionen in Museen auf sich aufmerksam gemacht. Mitglieder hatten etwa 2022 in der Londoner National Gallery ein berühmtes Sonnenblumen-Gemälde mit Tomatensuppe beworfen und klebten ihre Hände an der Wand fest. Andere Aktivisten haben mit Hammer und Meißel auf den Schaukasten eines Exemplars der Verfassungsurkunde Magna Carta in der British Library eingeschlagen.
Film
Die britische Oscar-Gewinnerin Helen Mirren hat sich in einem Interview gegen die Besetzung des britischen Geheimagenten James Bond mit einer Frau ausgesprochen. "Das ganze Konzept von James Bond ist durchtränkt und geboren aus tiefem Sexismus", sagte die 79-Jährige der Tageszeitung "Evening Standard". Statt eines weiblichen Bonds wäre Mirren für Filme über echte Geheimagentinnen. "Frauen waren schon immer ein wichtiger und unglaublich wichtiger Teil des Geheimdienstes", sagte Mirren. "Ich würde also echte Geschichten über außergewöhnliche Frauen erzählen, die in dieser Welt gearbeitet haben." Im Februar hatten die langjährigen Produzenten der James-Bond-Reihe, Barbara Broccoli und Michael G. Wilson, angekündigt, dass sie die kreative Kontrolle an Amazon MGM Studios übergeben. Für den nächsten Film, der einen Neustart markiert, wurde das erfahrene Produzentenduo Amy Pascal und David Heyman verpflichtet. Pascal ist für ihre Arbeit an den "Spider-Man"-Filmen bekannt. Heyman war Produzent der Harry-Potter-Reihe. Nach dem Abschied von Daniel Craig aus der Reihe wird ein neuer Bond-Darsteller gesucht. Trotz großer Fan-Zustimmung hat sein Vorgänger Pierce Brosnan (71) kein Interesse an einer Rückkehr als James Bond. "Das ist jetzt der Job eines anderen Mannes", sagte der ehemalige 007-Darsteller der Deutschen Presse-Agentur in London. "Ich wünsche allen nur das Beste."