Debatte
Der autokratische Populismus bedient sich immer heftiger bei den Techniken avantgardistischer Kunst, besonders Putin und Trump. Die Künstlerin Hito Steyerl und der Soziologe Ulrich Bröckling ordnen für die ARD-Kultursendung "ttt" das Phänomen ein. "Vor allem in der Gegenwartskunst sehen wir jetzt als Reaktion auf all diese Prozesse eine wirkliche Rolle rückwärts", sagt Steyerl. "Künstler und Künstlerinnen beschäftigen sich mit sehr traditionellen Handwerken und Materialien. Daran ist im Grunde nichts auszusetzen. Nur wenn die Gegenwart dabei verloren geht, dann verwandelt sich das Ganze in eine Art Eskapismus, der teilweise auch reaktionäre Züge hat." Die Disruption der Tech-Oligarchen folge dem Prinzip der sogenannten kreativen Zerstörung, sagt die Medienkünstlerin. "Das ist etwas, was der Wirtschaftswissenschaftler Schumpeter schon in den 20er-Jahren erfunden hat, das etwas besonders produktiv sein kann, wenn es zerstört wird, kaputt gemacht wird. Das hat er als Produktivkraft entdeckt, und ich fürchte, dass Disruption heute genau diesem Modell folgt. Erstmal alles kaputtmachen und dann schauen wir weiter, da ergeben sich sicher irgendwelche Chancen daraus."
"Zeit Campus" hat sechs Kunststudis gefragt: Welcher Künstler ist überbewertet? Neben Caravaggio, Jackson Pollock und Van Gogh wird auch Lars Eidinger genannt. "Es geht mir aber eigentlich nicht darum, Einzelpersonen an den Pranger zu stellen", sagt Kunstgeschichtsstudentin Mara Unger. "Für mich ist Eidinger eher das Symptom eines generellen Problems. In der Kunstgeschichte wurden schon immer männliche und weiße Perspektiven bevorzugt. Das gilt leider auch noch 2025." Kunstpädagogik-Studentin Wanda Berger hält Gerhard Richter für überschätzt: "Er gibt sich oft, als wäre er zu Höherem berufen und sagt Dinge wie: 'Meine Kunst ist schlauer als ich' oder 'Kunst ist die höchste Form von Hoffnung'. Das sind Weisheiten, die wie von einem Teebeutelspruch-Texter klingen. Richter verkörpert für mich den alten, stereotypen Großkünstler, den Genius, der sich seiner Arbeit komplett verschreibt und blind für seine Privilegien ist. Doch wie viele Künstlerinnen und Künstler können wirklich so arbeiten? In ihr riesiges Atelier gehen, sich da ihrer Kunst komplett hingeben und dann den Erfolg kassieren."
Kunstmarkt
Lange Zeit schauten deutsche Kunsthändler und Galeristen neidisch nach Österreich, weil dort zum Beispiel Messeteilnahmen staatlich gefördert werden. Nun ist es andersherum. In Deutschland gilt seit Anfang des Jahres eine ermäßigte Mehrwertsteuer für den Kunstmarkt, was Österreich einen Wettbewerbsnachteil verschafft, schreibt Olga Kronsteiner im "Standard": "Der Knackpunkt ist die hierzulande für Kunst anfallende Mehrwertsteuer von 13 Prozent, die deutlich höher ist als bei konkurrierenden Teilnehmern aus Deutschland (sieben Prozent), der Schweiz (8,1 Prozent), Großbritannien (fünf Prozent) oder auch Frankreich (5,5 Prozent). Bei Veranstaltungen wie der aktuell anberaumten Stage Bregenz oder der Spark Art Fair Vienna kämen beispielsweise Ankäufe bei deutschen Galerien folglich theoretisch günstiger als bei heimischen Teilnehmern: sofern über Deutschland fakturiert und offiziell eine Abholung vor Ort vereinbart wird." In Österreich sei eine Novellierung in Aussicht. Wann die neue Regierung sich aber damit beschäftigt, sei unklar, so Kronsteiner.
Der sogenannte "Intelligence Report" von "Artnet" schaut auf "The Year Ahead 2025" – um erstmal zurückzublicken: Im Jahr 2024 seien Verkäufe in mittleren Preissegmenten (100.000 bis eine Million US-Dollar) gestiegen, während Top-Auktionen einen drastischen Rückgang erlebten. Der Fokus verschiebe sich auf jüngere Käufer aus der Millennial- und Gen-Z-Generation, die durch Popkultur und digitale Trends beeinflusst werden. Online-Verkäufe nehmen zu, während regionale Veränderungen den globalen Markt neu gestalten, besonders im Nahen Osten. Das gesamte Kunst-Ökosystem müsse sich an diese Veränderungen anpassen, schreibt Chefredakteurin Naomi Rea in der Vorstellung des datenbasierten Berichts.
Fotografie
Noch mehr Lars-Eidinger-Bashing: In Eva-Sophie Lohmeiers "54books"-Besprechung eines Buches und der Ausstellung mit Handyfotos im K21 in Düsseldorf kommt der Künstler gewordene Schauspieler schlecht weg: "Und nun kommt Lars Eidinger mit seinem Telefon. Ohne Absicht, ohne Bildsprache. Ohne Kenntnis des Mediums, seiner Geschichte, Grenzen und Tücken. Mit einem Instagram-Account, wie ihn jeder zweite Berliner Hipster führt. Aber mit einem Namen. Er bekommt zwei Bücher und eine Einzelausstellung – ein Buch und eine Einzelausstellung mehr als Brooklyn Beckham. Und niemand (außer Boris Pofalla, der ihn ausgerechnet in der WELT angemessen eintütete) sagt mal, was das eigentlich für ein Mist ist."
Museen
Der "Guardian" gratuliert der Tate Modern zu ihrem 25. Geburtstag. Sie habe das Gesicht Londons verändert, aber trotz vieler Erfolge sei das Jubiläum nicht ungetrübt, schreibt Vanessa Thorpe: "Doch der kühle Märzwind bringt auch ernüchternde Nachrichten. Tate, die Mutterorganisation, führt derzeit ernsthafte Überlebensgespräche mit dem Ministerium für Kultur, Medien und Sport. Sie hofft darauf, dass die Zentralregierung ihr helfen wird, während sie nach einem 'finanziell tragfähigen Modell' sucht. Aus dem jüngsten Jahresbericht geht auch hervor, dass die Treuhänder ein Defizitbudget für dieses Haushaltsjahr genehmigt haben."
Porträt
Cemile Sahins jüngster Roman "Kommando Ajax" ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert, in der "taz" stellt Alicja Schindler die Buchautorin vor, die auch als bildende Künstlerin arbeitet, aber alle gängigen Klischees vermeidet: "Schon als Kind hat Sahin mit einer Mini-DV-Kamera gefilmt, eine Kunstlehrerin bestärkte sie später darin, sich am renommierten Central St. Martins College in London für die konzeptuelle Filmklasse zu bewerben. Heute verfügt Sahin über ein riesiges Archiv mit Videoaufnahmen. 'Das ist super sortiert, ich bin ein organisierter Mensch.' Die Hauptordner sind nach Jahreszahlen benannt, die Unterordner nach Themen. Sahin schreibt To-do-Listen, ihr Arbeitstag beginnt um 8 und sie geht früh ins Bett, denn die Künstlerin begreift ihre Arbeit als Handwerk: 'Je mehr man macht, desto besser wird man.'"