Medienschau

"Eine klug agierende Bergführerin"

artikelbild_monopol-medienschau

Documenta-Kuratorin Naomi Beckwith stellt sich in Kassel vor, die Sanierung des Berliner Gendarmenmarkts sorgt für Diskussionen, und der "New Yorker" feuert seinen Kunstkritiker: Das ist unsere Presseschau am Mittwoch

Documenta

Tobias Timm war für die "Zeit" bei der Vorstellung der ersten Ideen für die Documenta 16 durch die künstlerische Leiterin Naomi Beckwith in Kassel dabei und ist grundsätzlich zufrieden, aber beklagt dann doch, dass es sehr allgemein blieb: "Konkretere Hinweise dazu, was man in zwei Jahren auf der von ihr kuratierten Ausstellung sehen wird, wollte Beckwith auch auf Nachfragen aus dem Publikum noch nicht geben. Und so gerieten Beckwiths Ausführungen zuweilen etwas diplomatisch und unangreifbar – was die Kassler ihr nach den Aufregungen der vergangenen Jahre offenkundig nicht übelnahmen. Im Gegenteil: Das Publikum war hörbar begeistert von ihrer neuen, klug agierenden Bergführerin. Sie wolle im Sommer nach Kassel ziehen und vielleicht auch einen einheimischen Tanz lernen, sagte Beckwith am Ende. Der Applaus, der folgte, war laut und lang. Die Documenta scheint auf ihrer neuen Tour gut angeseilt." Für Monopol hat Saskia Trebing den Abend zusammengefasst und 9 Erkenntnisse mitgenommen.

Ausstellung

Als "Einstand nach Maß" beurteilt Stefan Trinks in der Printausgabe der "FAZ" die Ausstellungspremiere des neuen Generaldirektors Jonathan Fine am Kunsthistorischen Museum Wien (KHM). Der US-Amerikaner präsentiert mit "Arcimboldo – Bassano – Bruegel. Die Zeiten der Natur" bis 29. Juni eine Schau, die sich dem (mit 80 Werken weltweit größten) Bestand des KHM an Gemälden der venezianischen Malerfamilie Bassano widmet. Außerdem sind in der gemeinsam mit der Kuratorin Francesca Del Torre – auch sie ist neu am Haus – verantworteten Schau Werke von Giuseppe Arcimboldo, von Pieter Brueghel d. Ä. und anderen Künstlern der Epoche zu sehen. Dabei verknüpfe Fine "Kunst und Wissenschaft und befragt die historischen Hintergründe der Gemälde" – wobei man sich schon fragen muss, ob beides in einer Renaissancekunst-Ausstellung nicht selbstverständlich ist. Trinks bemerkt es ja selbst: "Und als müsste noch jemand überzeugt werden von der atemnehmenden Höhe des Naturstudiums in der Renaissance, hängt das KHM Dürers Gouache der 'Blauracke' und des 'Veilchens' neben Leonardo da Vincis Rötelzeichnung von 'Eichenzweigen und Färbe-Ginster' auf rötlich präpariertem Papier (...)". Auch Arcimboldos Collage-Kunst der aus Früchten und anderem zusammengesetzten Porträts fußten auf "präzisen Tierstudien", so Trinks. Am Ende fasse Arcimboldos Selbstbildnis "all dies noch einmal bündig zusammen" – und da ist es nicht nur um den begeisterten "FAZ"-Autor, sondern auch die Satzlogik geschehen: "Der betagte Maler porträtiert sich mit dem Gesicht eines Wurzelstocks mit kantig holzigem Spitzkinn und ebensolcher Nase, aus dessen Kopf Äste wie Geweihstangen wachsen, der aber im Gegensatz zum knorrig-winterlichen Äußeren neckische Accessoirs wie ein Paar Kirschen als leuchtend rote Ohrringe, einen rot-weißen Frühlingsblütenkranz um die Schultern und ein modisches Oberteil aus sommerlichen Getreideähren trägt". Okay, und Mode ist auch Ansichtssache. Zur Meinungsbildung sind die "Vier Jahreszeiten in einem Kopf" von 1590 auf der "FAZ"-Seite abgebildet.

Skulptur

Nein, die Trump-Administration will die Freiheitsstatue nicht an Frankreich zurückgeben, wie es der französische Europaabgeordnete Raphaël Glucksmann kürzlich gefordert hat. In der "SZ" hat Martin Zips die Hintergründe. "Miss Liberty begrüßt seit bald 140 Jahren vor allem jene, die auf dem Seeweg nach New York reisen. Für unzählige Geflüchtete war und ist sie ein Symbol der Zuversicht und des Neuanfangs. Mit dem derzeitigen Trump-Amerika, dessen Führung lieber auf Golfplätzen unter sich bleibt und Grenzen dichtmacht, hat sie freilich kaum noch etwas zu tun". Nun hat Trumps Sprecherin Leavitt zwar erklärt, Frédéric Auguste Bartholdis 1886 verschenkte Freiheitsskulptur werde auf keinen Fall retour gehen. Wenn dem so ist, denkt sich Zips, muss eben eine neue, europäische Variante her. "Geliebtes Frankreich, Nachbarland! Lass uns gemeinsam eine neue Grande Dame bauen. Eine, die höher ist als jeder TrumpTower", ruft der "SZ"-Redakteur uns zu.

Fotografie

Heute erscheint im Steidl Verlag Juergen Tellers Bildband "Auschwitz Birkenau", das 800 Fotografien sowie Texte und Interviews enthält, die Christoph Heubner mit Überlebenden des Konzentrationslagers geführt hat. Christiane Meixner, die das Buch für den "Tagesspiegel" betrachtet, kann den vom "Spiegel" vorgebrachten Vorwurf der "Ästhetisierung" des Schreckens in den Aufnahmen nicht nachvollziehen. "Nicht zuletzt streut Juergen Teller Ansichten der omnipräsenten Natur ein", schreibt Meixner. "Im Kontext der übrigen Motive verliert selbst ein Baumzweig vor grauem Himmel seine Unschuld." Dazu vermeide die schiere Masse der Fotos die "Gefahr visueller Ikonen: Jedes Motiv – ob Gaskammer, karges Gras zwischen den Bahngleisen oder die Neonlicht-Parkplatzschilder für heutige Besucher – wird beim Anschauen sogleich vom nächsten abgelöst". Meixners Fazit: Ein überwältigendes Buch, "eine Anmaßung. Und wenn einer das kann, dann Teller". Für Monopol hat Daniel Kothenschulte den Band besprochen

Kunstkritik

Der noch relativ neue Kunstkritiker des "New Yorker"-Magazins seit 2023, Jackson Arn, wurde nach Beschwerden über "unangemessene Annäherungen" bei der Feier zum 100. Jubiläum des Magazins im vergangenen Monat entlassen, meldet die "New York Times". Gäste berichten, dass Arn "betrunken" wirkte. Der Journalist wurde 2023 als Nachfolger des 2022 verstorbenen Peter Schjeldahl Kunstkritiker von "The New Yorker".

Stadtkultur

Zwei Jahre hat es gedauert, den Berliner Gendarmenmarkt zu sanieren, für 21 Millionen. Das Ergebnis findet Niklas Maak in der "FAZ" mit Loriot: "übersichtlich". Eine "graue Fläche ganz ohne Schatten, ohne Brunnen und ohne Grün", das sei in Zeiten des Klimawandels und der Hitzeentwicklung in Städten nicht zeitgemäß – eigentlich, schreibt Maak. Er gibt aber zu bedenken: "Die Überkronung der großen leeren Plätze mit Bänkchen und Gebüsch ist oft auch eine Disziplinierungsmaßnahme", wie in New York, wo Demos gegen Trump schon am Stadtmobiliar inklusive Hecken und Büschen gescheitert sind. Gelungen sei die Berliner Sanierung trotzdem nicht, so Maak, zumal das von den Verteidigern angeführte Label "denkmalgerecht" auch nicht ganz zutreffe. "Um 1930 war zwar ein großer Teil von Schinkels Theater befestigt, aber daneben gab es Kieswege, Rasenflächen, Brunnen und Gebüsch, dazu einen verträumten Kiosk. Warum wurde nicht dieser Zustand rekonstruiert", fragt Maak, "der doch Klimaaktivisten und Freunde des klassischen europäischen Platzes gleichermaßen zufriedenstellen könnte?"

Der Schriftsteller und Orientalist Navid Kermani hat den Eindruck, im Alltag vielen "Mini-Trumps" zu begegnen. So beobachte er in seinem Wohnviertel Eigelstein in der Kölner Innenstadt immer wieder Männer, die einfach irgendwo hinpinkelten, selbst wenn Kinder, Frauen, Passanten in der Nähe seien. "Es ist ihnen - Verzeihung! - scheißegal", sagte der 57-Jährige dem "Kölner Stadt-Anzeiger". "Und wenn man sie darauf hinweist, dass das widerlich ist, wird man auch noch beschimpft. Ich denke dann jedes Mal: Noch so ein Mini-Trump!" Oft handele es sich um ganz normale Männer im Geschäftsanzug. "Verwahrlosung ist offenkundig kein exklusives Problem der sogenannten Unterschicht oder einer fremden Kultur." Ebenso rücksichtslos sei es, E-Roller einfach quer auf dem Bürgersteig abzustellen. "Wieso macht man so etwas?" Oder dass jeder immer und überall glaube, saufen zu müssen. "Und wenn er gesoffen hat, sich eben zu erbrechen, was etwa in unserem Hauseingang inzwischen nicht mehr nur im Karneval geschieht." Die tiefere Ursache dafür sieht der Friedenspreisträger auch in einem überbetonten Individualismus: "Ein Mann wie Donald Trump ist einerseits Rollenmodell, andererseits aber auch Verkörperung von Verhaltensweisen und Antrieben, die sich in der Gesellschaft insgesamt ausbreiten."

Musik

Der Künstler Jonathan Meese und DJ Hell haben nach dem Album "Hab keine Angst, hab keine Angst, ich bin deine Angst" erneut gemeinsam Musik aufgenommen: "Gesamtklärwerk Deutschland" heißt das neue Werk. "Wo sich das Duo 2021 noch auf die musikalischen Vorgaben der richtungsweisenden deutschen Postpunk-Band Deutsch-Amerikanische Freundschaft berief, hat man sich aktuell dem deutschen Kulturgut Kraftwerk zugewandt", schreibt Christian Schachinger im "Standard". "Davon zeugt schon auf dem von Kunststar und Plattenfirmenboss Daniel Richter (Buback Tonträger) gestalteten Cover des Albums ein mitten in der deutschen Industrielandschaft wie der Kühlturm eines Kernkraftwerks aufgepflanzter leuchtrot und weiß gestreifter Leitkegel. Der kommt bei Baustellen im Straßenverkehr zum Einsatz. Er ziert auch die ersten Veröffentlichungen von Kraftwerk in den 1970er-Jahren. Deutschland, ewige Baustelle. Großes Tennis!"

Der Tod seines eigenen Vaters hat den deutschen Oscar-Gewinner Hans Zimmer bei der Komposition der Filmmusik für den Disney-Klassiker "Der König der Löwen" tief bewegt. Das Trauma, im Alter von sechs Jahren seinen Vater verloren zu haben, sei aus ihm herausgebrochen, sagte Zimmer der BBC. Eigentlich sei die Musik eine Liebeserklärung an seinen Vater. "Es war keine bewusste Entscheidung, automatisch habe ich ein Requiem für meinen Vater geschrieben", sagte Zimmer (67). Zimmer komponierte die Instrumentalbegleitung "… To Die For" für die Szene, in der Löwenkönig Mufasa im Beisein seines Sohnes Simba stirbt. Zu der Zeit der Arbeiten an der Filmmusik sei seine eigene Tochter gerade sechs Jahre alt gewesen, erzählte Zimmer der BBC. "Ich schreibe daran, und plötzlich stirbt der Vater", sagte Zimmer. Sein Vater sei gestorben, als er sechs Jahre alt war.  1995 wurde Zimmer für sein Werk zu dem Disney-Film mit dem Oscar für die beste Filmmusik ausgezeichnet.