Debatte
"Was soll das ständige Gerede über Immigranten, wenn Deutschland und Europa viel wichtigeren Problemen entgegensieht?", fragt sich der Künstler Wolfgang Tillmans in einem Instagram-Post, über den die "Berliner Zeitung" berichtet. "In dem aktuellen Posting scheint Tillmans um eine sehr einfache Sprache bemüht", schreibt Timo Feldhaus. "Während er sonst auf Englisch schreibt, spricht er seine 352.000 Follower nun auf Deutsch an, in klarer, fast umgangssprachlicher Diktion. Tillmans ist einer der einflussreichsten Künstler der Gegenwart. Aus seinen Worten spricht ein Plädoyer für ein starkes Europa, zwei Mal betont er das Finden 'neuer Lösungen': 'Ohne Europa ist Deutschland Staub im Wind'."
Dass der Galerist Johann König den Roman "Innerstädtischer Tod" von Christoph Peters verbieten lassen will, weil er und seine Frau sich darin wiedererkennen, beschäftigt weiter die Feuilletons. Marc Reichwein zieht in der "Welt" eine Parallele zu Maxim Billers 2007 endgültig verbotenem Roman "Esra", gegen den die Ex-Freundin des Schriftstellers und deren Mutter erfolgreich klagten: "Allerdings dürften sich die Fälle 'Esra' und 'Innerstädtischer Tod' dahingehend unterscheiden, dass die klagenden Personen bei 'Esra' keine Personen der Zeitgeschichte waren, wie es Johann König ist, der im Kunstbetrieb und darüber hinaus in einer Medienöffentlichkeit und nicht zuletzt durch Social-Media-Kanäle eine öffentliche Figur ist, von der man sich inspirieren lassen kann." Bei der juristischen Beurteilung werde der Umstand abzuwägen sein, dass das literarische Werk von Peters keineswegs ein Johann-König-Schlüsselroman sei: "Auch andere Personen der Zeitgeschichte wird man in dem Roman wiederentdecken, so etwa den AfD-Politiker Alexander Gauland in Gestalt der Romanfigur Hermann Carius. Die Verschlüsselung von Figuren, in denen man reale Vorbilder wiedererkennen kann, aber nicht 1:1, ist ein übliches und häufig praktiziertes literarisches Verfahren; aktuell etwa auch im Politthriller 'Der Kobaltkanzler' von Hans-Ulrich Jörges praktiziert." Wie weit weg von der Wirklichkeit muss Literatur sein, fragt Marie Schmidt in der "SZ". "Bisher ist eine etwaige Ähnlichkeit der Figur in Peters’ Roman zu Johann König (oder anderen Figuren des Kunst- und Kulturbetriebs) noch nicht weithin öffentlich wahrgenommen worden. Die Literaturkritik hat sich eher mit der Entsprechung seiner Charaktere zu denen in den 70 Jahre alten Romanen von Wolfgang Koeppen beschäftigt." Für Monopol kommentiert Daniel Völzke den Fall.
Museen
An diesem Wochenende endet die Sonderausstellung zum Palast der Republik im Berliner Humboldt Forum - Generalintendant Hartmut Dorgerloh will die Erinnerung an den Ort auch danach wachhalten. "Die Geschichte des Ortes ist und bleibt ein wichtiges Thema für das Humboldt Forum", sagte er im RBB-Inforadio. Der einstige DDR-Bau stand ebenso wie das Berliner Stadtschloss an der Stelle des heutigen Museums. "Wir haben im Haus die Spuren aus der Geschichte des Schlosses und des Palastes der Republik", betonte Dorgerloh. "Wir sind jetzt am Überlegen, wie können wir das verdichten, wie können wir das deutlicher machen?" Im Rahmen der Ausstellung seien etwa viele Interviews mit Zeitzeugen geführt worden. Dieser Teil der Erinnerungsarbeit solle fortgesetzt werden, sagte der Leiter. Zudem habe das Humboldt Forum zahlreiche Schenkungen erhalten - persönliche Souvenirs oder Fundstücke aus dem Palast der Republik. "Da müssen wir schon überlegen, wie wir die besser präsent machen." Vor dem Gebäude soll demnächst ein Bronzemodell des Palastes aufgestellt werden. Die Ausstellung "Hin und weg - Der Palast der Republik ist Gegenwart" lief seit Mai 2024 und endet am kommenden Sonntag.
In Norwegen eröffnet dieser Tage eines der nördlichsten zeitgenössischen Kunstmuseen der Welt. Das privat initiierte PoMo im ehemaligen Hauptpostamt der Stadt Trondheim ist zukünftig unter anderem die Sammlung der Unternehmer- und Sammlerfamilie Reitan zu sehen. Monopol-Redakteurin Saskia Trebing hat das neue Haus schon inspiziert und berichtet im Radiomagazin "Fazit" bei Deutschlandfunk Kultur über ihre Eindrücke und das Verhältnis zwischen privaten und öffentlichen Institutionen in Norwegen.
Kann Kunst wirklich die Gesundheit fördern? In der Schweiz gibt es jetzt Museumsbesuche auf Rezept. Niklas Maak sieht den Trend in der "FAZ" mit gemischten Gefühlen: "Gerade von der Gegenwartskunst wurden lange Qualitäten und Effekte erwartet, die mit medizinischen Begriffen allenfalls als Schocktherapie beschrieben werden könnten: Es galt geradezu als Zulassungsbedingung für den White Cube, dass das dort Gezeigte Sehgewohnheiten bricht, etwas schmerzhaft infrage stellt, verstört. Doch der Zeitgeist weht aus verschiedenen Richtungen gegen diese Idee von Kunst als produktiver Verstörung."
Ausstellungen
Warum haben immersive Ausstellungen ein so großes Publikum, fragt sich ein fassungsloser Alexander Menden in der "SZ". Um der Sache auf den Grund zu gehen (ein zweideutiges Bild im Zusammenhang mit dem Untergang eines Schiffes), hat er die Schau "Titanic. Eine immersive Reise" in Köln besucht. Und blieb genauso fassungslos wie zuvor. "Am seltsamsten fühlt es sich aber an, in der 'immersiven Galerie' in einem eigens mit Einstiegslücke versehenen Rettungsboot-Nachbau Platz zu nehmen und dem Dampfer gleichsam aus der Perspektive der Überlebenden beim Sinken zuzusehen. Den stärksten Eindruck hinterlassen dabei die an die Wand projizierten, immer verzweifelter werdenden Morse-Nachrichten des Funkers der Titanic und die Antworten von Schiffen, die viel zu weit entfernt sind, um einzugreifen. Die Todesschreie der im Wasser Treibenden ersparen die Ausstellungsmacher dem zahlenden Publikum. Wer hätte danach noch Lust, sich im Shop mit 'Titanic'-Malbüchern für zehn Euro oder der 'Badeente Titanic-Offizier' für 12,90 Euro einzudecken?"
"Pornostar, Sängerin, Mutter, Abgeordnete des italienischen Parlaments, Futter für die Boulevardpresse, Geheimagentin, Muse" - so stellt "Cultured" die schillernde Ilona Staller vor, die unter den Namen La Cicciolina bekannt geworden ist, unter anderem als Frau von Jeff Koons. Grade wurde "Memorie" neu aufgelegt, ein Buch mit Fotos und Anekdoten aus ihrem Leben. Obwohl die Beziehung zwischen ihr und Koons sehr schwierig war, sagt Staller im Gespräch mit dem Magazin, sei sie immer noch stolz auf ihre Rolle in dem gemeinsamen Kunstwerk "Made in Heaven". "Die Ehe des Paares zerbrach nach zweieinhalb Jahren und der Geburt des gemeinsamen Sohnes Ludwig. Es kam zu einem erbitterten Sorgerechtsstreit, bei dem Koons Staller der internationalen Kindesentführung beschuldigte, nachdem sie trotz eines Gerichtsbeschlusses, der besagte, dass das Kind in der Obhut des Vaters bleiben sollte, mit Ludwig nach Italien zurückgeflogen war. Nach fast 15 Jahren vor Gericht und als Ludwig fast erwachsen war, gewann Staller schließlich den Fall. Der Sieg war besonders beeindruckend, weil, wie ihr Anwalt Luca Di Carlo (der den Spitznamen Anwalt des Teufels trägt) mir per E-Mail mitteilte: 'Ich habe sie freigesprochen, obwohl sie das Verbrechen begangen hat.' Heute lebt der 31-jährige Ludwig in New York, wo er zusammen mit seinem Vater als zeitgenössischer Künstler arbeitet. Nachdem er 2022 eine Kollektion von NFTs herausgebracht hat, die von einigen der ikonischsten Werke von Koons inspiriert sind, entwickelt er derzeit eine eigene Ausstellung, erzählt mir Staller stolz."