Ikebana-Kunst in München

Alles wächst, gedeiht, trocknet und vergeht

Die traditionelle Kunst des Blumensteckens steht eigentlich für kosmische Ordnung. Das Meister-Schüler-Duo Kosen Ohtsubo und Christian Kōun Alborz Oldham ringt dem Ikebana im Kunstverein München nun etwas Subversives ab

Es klingt tatsächlich wie Regen, drückt man sich vorsichtig durch die trockenen Weidenzweige. Sie gehören zur Installation "Willow Rain" von Kohsen Ohtsubo, die im Münchner Kunstverein an einem Gitter von der Decke hängt. Grün und säuerlich riecht es hier. Die Ruten reiben sich aneinander und am Körper, rauschen, rascheln und schieben die Grobheit der eigenen Existenz in den Vordergrund. Jederzeit könnte etwas brechen, und dann? Ist dann die Kunst kaputt? Oder die Destruktion in der Installation schon angelegt?

"Flower Planet" heißt die Ausstellung des japanischen Ikebana-Meisters Kosen Ohtsubo und seines Schülers Christian Kōun Alborz Oldham, die momentan in Münchner zu sehen ist. Ein recht eindimensionaler Name für das komplexe, grenzgängerische Vorhaben, das Direktorin und Kuratorin Maurin Dietrich hier in die geschichtsträchtigen Räumlichkeiten in den Bögen des Hofgartens holt. Und das so gar nicht das erfüllt, was gemeinhin mit dem Begriff Ikebana – der Kunst des Blumensteckens – assoziiert wird. In seiner traditionellen Ausformung bringt diese die Schönheit der Natur in den Lebensraum der Menschen. Jede Pflanze und ihr Arrangement symbolisieren dabei die kosmische Ordnung innerhalb eines kompliziert codierten Systems. 

Doch statt eklektischer, bedeutungsschwerer Blütenkonstellationen fremdartiger Pflanzen finden die Besucher und Besucherinnen entfremdet Vertrautes – zunächst nur auf Fotos. Der Kunstverein München hat einen Hang zu historisch kleinteiliger Arbeit, und so verwundert es wenig, dass auch eine Ikebana-Ausstellung mit Archivbildern beginnt – und was für welchen. 

Süßkartoffelkeime als Aliens

Ein rauchender Mann mit einem von Mullbinden umwickelten Gesicht sitzt vor einem Magazin an einem Tisch. Sowohl die Person als auch die Zeitung sind von Süßkartoffelkeimen bedeckt, die wie pelzige Alienwürmer an ihm heraufzukriechen scheinen. Auf anderen Aufnahmen schieben sich stachelige Blüten unter einer rechteckigen Fläche Nimbus-gleich in eine flache Pfütze auf dem schäbigen Asphalt, schlängeln sich Blütenpeitschen wie Haare aus der Wellblechwand eines baufälligen Gebäudes. 

Die Bilder sind merkwürdig, faszinierend, ungewöhnlich, betörend, schmutzig und von absonderlicher Schönheit. Ungerahmt auf lehmbraunem Textil gehängt, schafft die Präsentation einen geordneten Einstieg, zieht den historischen Kontext auf, in dem das verwinkelte, anspruchsvolle Werk der beiden Künstler entsteht.

Kosen Ohtsubo, 1939 in Ashio Dozan in der japanischen Präfektur Tochigi geboren, interessiert sich schon als Teenager für Ikebana. 1960 zieht er nach Tokio, beginnt unter dem Ryusei-Meister Kasen Yoshimura zu studieren. Aus Angst vor der erwartbar schlechten finanziellen Situation als Ikebana-Künstler verlässt er die Schule für ein Ingenieursstudium an der Denki Universität, bricht dieses jedoch ab und kehrt als Lehrling zu Yoshimura zurück. 

"Die Vorstellungen von schönem Ikebana sprengen"

Von Anfang an bricht Kosen mit den Konventionen der Disziplin, nutzt statt teurer Schnittblumen Materialien aus Supermärkten, Mülltonnen, Gärten oder Bauernhöfen. Ohtsubo möchte "die Vorstellungen von schönem Ikebana sprengen" – und erlangt damit ab den 1970er-Jahren große Bekanntheit in Japan.

Seine Installationen sind unkonventionell, grenzüberschreitend, subversiv. Als Abschlussarbeit präsentiert er die Abfälle seiner Mitstudierenden in einem Beutel. "1/5 x the rubbish of the Ikebana exhibition of Ryusei school ‘71" steht darauf. Auch dieses Motiv hängt im Vorraum der Ausstellung, wobei Direktorin Dietrich betont, dass die Bilder in unregelmäßigen Abständen gewechselt werden. So bleiben auch die insgesamt 69 Fotos, die aus seinem Archiv für die Ausstellung ausgesucht wurden, nicht statisch museal verhaftet – alles ist Metapher. 

In den Aufnahmen selbst stapeln sich Rettiche, welkt der Kohl, werden Gesichter mit heilenden Blättern abgedeckt: Was aussieht wie eine Martin-Margiela-Modeanzeige, ist in Wirklichkeit ein Kommentar auf die durch Brandwunden versehrte japanische Bevölkerung nach dem Zweiten Weltkrieg. Auf einem Foto ragt, getaucht in Cyberpunk-artige Lichtverhältnisse, Gemüse aus Stahlregalen in kühle Räumlichkeiten, irgendwo zwischen dystopischem Film und einer Installation von Steve Bishop. "Ich sah dieses Bild und dachte mir: Was ist das? Sowas habe ich noch nie gesehen", berichtet Dietrich. Gezeigt hatte es ihr Christian Kōun Alborz Oldham vor vielen Jahren. Dietrich war damals als Assistenzkuratorin an den Berliner KW tätig, während sich Oldham dort für eine Residency aufhielt. 

Die Repräsentanz des kosmischen Gleichgewichts

Der 1993 geborene US-Amerikaner stolpert 2013 in einer Zeitschrift über eine Arbeit von Ohtsubo. Er kontaktiert den fast 50 Jahre älteren Ikebana-Virtuosen und zieht schließlich zur Ausbildung bei ihm nach Japan. Parallel zum Erlernen der Pflanzen-Kunst beginnt Oldham mit dem Archivieren der Bilder und Materialien aus einem halben Jahrhundert der Praxis des Meisters.

Der installativen Pflanzen-Kunst ist die Vergänglichkeit eingeschrieben. Die Arbeiten sind ephemer, existieren teils nur wenige Stunden und verweigern sich so jeglicher Logik des Kunstmarktes. Nicht mal die Fotografien kommen als Editionen, sie sind unendlich oft vervielfältigbar. 

In den Aufnahmen manifestiert sich so nicht nur die begrenzte Lebenszeit der Werke und das intensive, fast pflegerische Lehrer-Schüler Verhältnis zwischen Ohtsubo und Oldham, sondern auch die verworrene Autorenschaft. Viele der Bilder entstanden an Ikebana-Schulen, an den Installationen waren zahlreiche Lernende beteiligt, die Aufnahmen wurden teils von professionellen Fotografen angefertigt. Ohtsubo geht noch weiter, dehnt die Beteiligung am Werk bis hin zu den Menschen, die die Pflanzen anbauten, sie in den Supermarkt brachten und verkauften. Und da ist natürlich die Natur selbst, die sie produzierte. Der Repräsentanz des kosmischen Gleichgewichts entkommt auch der deviante Meister nicht.

Datteln als klebrige Metapher

Dabei repräsentiert die Genesis der "typisch japanischen" Kulturtechnik eher das kosmisch Verworrene. Erstmals im 6. Jahrhundert als Hauskunst erwähnt, wird sie bis heute größtenteils von Männern praktiziert, denen das Verfahren lange vorbehalten war. Dabei stammt das Verfahren ursprünglich aus Indien und China. Die vermeintlich "heimische" japanische Kunst vereint nicht nur Aspekte zu Identität und Aneignung: auch Geschichten früher Handelsrouten, koloniale Verhältnisse und Fragen nach kultureller Repräsentanz sind mit ihr verknüpft. 

Das verworrene Knäuel des Universums wird im Hauptraum des Kunstvereins dann wortwörtlich sichtbar. "Linga München" heißt die Installation Ohtsubos. Auch hier bilden Weidenruten die Grundlage einer kugelartigen Sphäre. Geschnitten hat der Ikebana-Meister die Zweige ganz lokal, im Finanzgarten um die Ecke. Von den Wänden strecken sich Werke Oldhams in den Raum: "Datelines", so der Name der amorphen Drähte, auf denen sich aufgespießte Datteln aneinanderpressen. 

Sie schieben sich in Ritzen der Wände – oder wachsen aus ihnen heraus. Der Titel erhebt die zerbrechlichen, skulpturalen Raumerweiterungen zur eigenwillig-klebrigen Informationsmetapher. Natur und Kultur, Menschen, Tradition und Zukunft: Alles wächst, gedeiht, trocknet und vergeht, alles ist verbunden.

Die Kunst, sie lebt

Die Soundinstallation Oldhams basiert auf der ersten Sprachmaschine, die im Deutschen Museum München ausgestellt ist. Die kleinteiligeren Skulpturen der beiden Künstler im hinteren Teil des Raumes lassen Calla-Blüten aus alten Wärmflaschen sprießen; die Schönheit erwächst aus dem Schrott. Die Dichte des komplexen Bedeutungssystems ist so hoch, man kann es unmöglich komplett erschreiben.

"Oh, guck mal, die kannte ich noch gar nicht", sagt Direktorin Dietrich im Vorbeigehen und zeigt auf den Untergrund der Zweigskulptur, einem Gemisch aus Erde, Blütenblättern und undefinierbarer organischer Materie. Trotzig und zerbrechlich sprießen dort ein paar neue, hellgrüne Keimlinge aus dem Chaos. Wo die Samen herkamen, ist unwichtig. Sie sind da und sie wachsen. Die Kunst des Ikebana, sie lebt. Zumindest noch ein paar Wochen.