Designerin Dilara Findikoglu

Venus im Chaos

Schau von Dilara Findikoglu bei der London Fashion Week, Februar 2025
Foto: Courtesy Dilara Findikoglu

Schau von Dilara Findikoglu bei der London Fashion Week, Februar 2025

Viele Promis und Modeexperten lassen die Londoner Fashion Week inzwischen mangels Relevanz aus. In diesem Jahr haben sie aber etwas Spektakuläres verpasst: Die Show von Dilara Findikoglu, die Botticellis "Venus" ein visionäres Update gönnte

Die Londoner Fashion Week war immer die kleinste der "vier Großen". Eine neue Statistik von Lefty.io zeigte jetzt: Die Pariser Modewoche allein bekommt online mehr als doppelt so viel Aufmerksamkeit wie die entsprechenden New Yorker und Londoner Events zusammen. Die britische Metropole hat in der Darstellung den kürzesten Balken, der nur knapp über den Boden reicht. 

Sobald Marken international erfolgreicher werden, gehen sie nach Mailand oder Paris. Etwa Willy Chavarria, der neue Star unter den US-amerikanischen Modedesignern, der seine Herrenkollektion dieses Jahr das erste Mal in der französischen Hauptstadt zeigte statt in New York City. 

In Paris ballt sich nun alles, der Show-Plan wird länger und dichter. Presse, wichtige Kunden und vor allem das Geld, sind dort. London, der Safe Space der aufstrebenden, experimentellen Designer, muss sich durchkämpfen. "Was klar ist: Mit der zunehmenden Konzentration der Energie der Fashion Weeks auf Paris und Mailand müssen New York und London ernsthaft darüber nachdenken, wie sie ihre Veranstaltungen wirkungsvoller und weniger verschwenderisch gestalten können – in Bezug auf Zeit, Geld und Ressourcen", sagt Imran Amed von Business of Fashion. 

Provokant, disruptiv und zeitgemäß

Einige wichtige Pressevertreter kommen gar nicht mehr angeflogen – wenn man eine Modewoche überspringt, dann nicht selten die in London. Doch gerade diese Saison hätte man eine Show verpasst, die vielleicht ein Meilenstein war. 

Die britisch-türkische Designerin Dilara Findikoglu fiel schon auf und aus der Reihe, als sie noch an der renommierten Hochschule Central Saint Martins (CMS) in London studierte. Weil ihre Entwürfe bei deren jährlicher Modenschau abgelehnt wurden, veranstaltete sie zusammen mit weiteren Studierenden das Guerilla-Event "Encore CSM". Schon damals sagte sie dem Magazin "Dazed": "Ich möchte dazu beitragen, das Bewusstsein für die Dinge in der Branche zu schärfen und den künftigen Generationen helfen, achtsam mit der Massenproduktion umzugehen und weniger oberflächlich zu sein, wie es bei der Mode im Allgemeinen der Fall ist."

2016 dann eröffnete Dilara Findikoglu ihr gleichnamiges Label. Türkische Handwerkskunst verbindet sie hier mit feministischen, religiösen und politischen Themen. Punk, Goth und Rock’n’Roll treffen auf viktorianische Elemente. Ihre Designs, wie auch ihr Umgang mit der etablierten Modewelt, sind provokant, disruptiv und genau dadurch so zeitgemäß und begehrenswert. 

Begräbnis der toxischen Männlichkeit

Modeliebling Julia Fox, Model Alex Consani, Sängerin Charlie XCX und Schauspielerin Chloë Sevigny sind nur wenige der berühmten Findikoglu-Fans, die ihre Mode auf roten Teppichen oder zu Late-Night-Shows tragen. Auch Madonna, Lady Gaga, Doja Cat und Rihanna wurden schon in ihren Entwürfen abgelichtet. 

Letztes Jahr lud die Designerin wieder zu ihrer jährlichen Halloween-Party ein. Das Thema: Begräbnis der toxischen Maskulinität. Als "ihre eigene Met Gala" bezeichnete sie das Event, dessen Dress-Code sie präzise definiert und viele Besucher eigens eingekleidet hatte. Korsetts trafen auf Kopfschleier aus Seidenorganza, Flechtmuster, Spitze, transparenten Tüll und schweren Samt. Dazu Strapse, Krawatten und Herrenhemden, Nieten und Ösen, schwarzes Netz, Leder und brutale Silberketten. 

Und damit ist man schon sehr tief in Dilaras Kosmos. Die Kollektion, die sie diese Saison während der Londoner Modewoche zeigte, erhielt einige Findikoglu-Klassiker. Doch sie war auch von einem klaren roten Faden durchwoben, ihre Inspirationsquelle waren so durchdacht, dass sie unübersehbar ein neues Design-Level erreicht hatte.

 

In "Venus in Chaos", so der Titel der Kollektion, gehe es darum, "Schönheit durch Zerstörung zu finden. Es geht um mein Leben - und um das Leben von allen", so die Designerin nach er Schau. Als eine "göttliche, weibliche Meuterei" beschrieb sie die 30 Looks, die so delikat wie furchteinflößend durch die dunkle Lagerhalle schritten. 

Alles kreiste um die römische Göttin Venus, deren Bildnis ein Symbol für die weibliche Befreiung darstellt. Die Show begann mit einem Korsett-Kostüm aus schwarz-schuppigem Leder und abstehender Schulterpartie. Durchgehende Schnür-Elemente zurrten den Körper des Models fest zusammen, ließen das aufreizende Ensemble zu einer Rüstung werden, die seine Trägerin fest umschloss. Es folgte eine Art Panzer-T-Shirt aus eng aneinander sortierten Muscheln und Reihen aus Sicherheitsnadeln. So kämpferisch wie zerbrechlich, so zart wie frivol. 

Ein Kostüm aus dunkelgrauem Anzugstoff inklusive Nonnen-ähnlicher Kopfbedeckung und Mikro-Minirock wurde auf den Laufsteg geschickt. Schwarze transparente Stoffschichten, Beinkleider zwischen Leggings und Tattoos, dazu kurze Anzug-Jäckchen. Die wirklich atemberaubenden Looks waren jedoch die, aus denen Sandro Botticellis Gemälde "Die Geburt der Venus" sprach. Einmal wehte das sanft wellige Haar der Göttin in silbernen Glitzer-Striemen über den Torso eines Models, dann wieder war ein Körper ganz in die rote Lockenpracht gehüllt. 

Als würde Venus Hedi Slimane tragen

Haare als Kleidungsstück – ein wiederkehrendes Element in aktuellen Modekollektionen. Ein weiterer Venus-Look begann mit einem silbernen Kopfteil, das an Overear-Kopfhörer erinnerte. Es folgte ein transparentes Oberteil, auf dem die Frisur des Vorbilds nur die nötigsten Stellen in Form einer glitzernden Stickerei verhüllte. Eine schwarze, enganliegende Hüftjeans ergänzte das Outfit. "Sie sieht aus, als würde die 'Geburt der Venus' Hedi Slimane tragen, und ich liebe sie", schrieb Modekritikerin Alexandra Hildreth zu dem Look. 

Das Ensemble war eines, das nach der Show viral ging. Modekritikerin Kim Russel stellte Botticellis "Venus" der Findikoglu-Version gegenüber und kommentierte: "Dilara existiert in einer Zeit, in der wir sie so dringend brauchen. Sie ist die Essenz, aus der Träume gemacht sind. Sie ist die Substanz, die unser Bedürfnis nach Schönheit und Kunst stillt. Wir müssen sie fördern und unterstützen."

Schnürungen durchzogen die gesamte Kollektion. Haare wurden zu Korsagen geflochten und zu Jacken gestapelt. Hosen saßen extrem tief, wurden zu purpurnen Samtjäckchen und Converse-Sneakern kombiniert. Der lässige Indie-Sportschuh verpasste einigen höchst dramatischen Kreationen eine "Ist mir egal"-Attitüde, die die Findikoglu-Stimmung gut zusammen fasst. 

Die Vision allein reicht

Den Schluss bildeten eine Abendrobe aus pastellenen Federn und ein aus hellbraunem Leder gefertigtes Kleid. Letzteres war mit roten Tribal-Mustern tätowiert, die eine Art okkultes Nervensystem nachzeichneten. 

Kein einziges gimmick war in dieser Kollektion verwendet worden, wie es in der Modewelt seit mehreren Jahren häufig vorkommt. Dilara Findikoglus Vision allein reicht. Sie scheint auf die beste Art nicht von dieser Welt zu sein und lädt das Publikum einmal im Jahr dazu ein, ihr Universum zu betreten. Ein "Behind the scenes"-Foto zeigt die Designerin, wie sie vor einem Moodboard steht und eine tiefsitzende Jeanshose an Botticellis Venus zeichnet. Darauf muss man erst mal kommen.