Coronavirus in Italien

Die unheimlich freie Sicht auf Botticelli

In Italien hat das Coronavirus das Leben so gut wie lahmgelegt. Unsere Autorin war bis vor Kurzem in Florenz - und erzählt, wie sie die heraufziehende Epidemie zuerst in den Uffizien spürte   

Das friedliche Florenz fühlt sich oft zu klein an für die jährlich mehr als neun Millionen Besucher. Die Straßen zu schmal, die Brücken zu eng, die geheimen Orte nicht abseits genug. Und deshalb war der erste Hinweis auf Gefahr: keine Schlange vor den Uffizien. Platz auf den kleinen Bänken zum Verschnaufen, freie Sicht auf Sandro Botticellis "Die Geburt der Venus", minutenlang. Es fehlte das in Florenz allgegenwärtige Gedränge, man machte sich Platz. Die Flure waren nicht verlassen, aber von murmelndem Misstrauen erfüllt. Hauptsache, keiner hustet. Menschentrauben in den Da-Vinci-Sälen sorgten für sichtbares Unbehagen – ist vielleicht doch nicht so wichtig, das Bild da mit der Maria. Schutzmasken wich man höflich aus - will sie jetzt sich oder uns nicht anstecken? Touristen versuchten zwiegespalten ihren Besuch zu genießen, während sie sich die Hände desinfizierten und auf die Uhr schauend überlegten, wie lange man wohl in den Uffizien gewesen sein muss, damit es zählte.

Um den 20. Februar wurde Italien das am stärksten von Covid-19 betroffene Land außerhalb Asiens, aber von der Toskana und damit von Florenz schien das Virus meilenweit entfernt. Wir verbrachten die ersten richtig sonnigen Tage auf der Treppe vor der Chiesa Santo Spirito, dicht an dicht. Am Sonntag, 23. Februar, war Carnival auf der konfetti- und menschengefluteten Piazza Santa Croce. Am Montagabend danach gab es nur noch ein einziges Stück Sciacatta in der Bäckerei bei Esselunga, dem italienischen Lidl. Die Frühstücksbiscottis waren geplündert, die Sojamilch vergriffen – und Italiener sind nicht scharf auf Soja im Caffè. Verdächtig. 

Am Dienstag dann wurde die Bedrohung spürbar, durch eine ungewohnte Leere in einem der bekanntesten Kunstmuseen der Welt. Wir wurden angesteckt unruhig, fühlten uns angeschlagen, spürten leichte Atemnot durch die Nervosität in der Luft. Fast erleichtert verließen wir das gewaltige Gebäude und liefen in die Via die Neri. Hier steht die bekannteste Panineria der Stadt, "All' Antico Vinaio", vier Filialen nebeneinander. Der Hunger auf die Sandwiches scheint unstillbar, die Schlangen verstopfen die Straße zur Mittagszeit erbarmungslos. Aber da war niemand. Still und verlassen lag sie vor uns. Die Leere, die den Sturm ankündigte.

Die Panik vor der Panik 

Der erste Corona-Patient wurde in ein florentinisches Krankenhaus eingeliefert. Ich stand im Conad vor den Regalen und hatte die Wahl zwischen der teuersten Burrata im Sortiment und einem einzigen übriggebliebenen Glas Pesto. Nur noch die Luxusnudeln lagen in den Regalen. Ich hatte keine Panik vor dem Virus, sondern Panik vor der Panik. Am nächsten Tag liefen uns in den Giardini Boboli nur vereinzelt andere Besucher über den Weg. Im Palazzo Pitti standen wir manchmal alleine mit den Aufsichtspersonen im Raum. Selbst während des Sonnenuntergangs blieb die Ponte Vecchio, sonst Kampfgebiet, beinahe unberührt.

Die Bewohner hatten die Stadt, in der man sich so oft eine Auszeit wünscht vom ewigen Ausweichen, plötzlich wieder für sich. Statt erleichtert und befreit fühlten wir uns überrollt von Warnungen und Schutzmaßnahmen. Gesichtsmasken und Desinfektionsgel waren innerhalb weniger Tage ausverkauft, auf jeder einzelnen Tageszeitung sprang einen das Wort "Corona" an, die Privatuni, an der ich studiert hatte, war eine der ersten, die geschlossen blieb.

Italien ist jetzt Sperrgebiet. Das Hamstern zahlt sich aus. Über 10.000 Italiener sind (Stand Mittwoch) mit dem Coronavirus infiziert, über 600 gestorben. Das ganze Land ist eine stiefelförmige Schutzzone. Die strikte Quarantäne lässt manche verzweifeln aber bringt auch hilfreiche digitale Ideen hervor: Die bekannteste und bestbezahlte  Modebloggerin der Welt, die Italienerin Chiara Ferragni, veröffentlichte vor zwei Tagen zusammen mit ihrem Ehemann Fedez ein Video, in dem sich die beiden an ihre 18,7 Millionen Instagram-Follower wandten. Sie riefen dazu auf, an ihrer Spenden-Kampagne teilzunehmen, mit der sie medizinische Ausrüstung für das San Raffaele-Hospital in Mailand finanzieren wollen. Über drei Millionen Euro sind bis jetzt zusammen gekommen, die Solidarität ist groß.


Krankenschwestern teilen ihre von den engen Atemmasken gezeichneten Gesichter und werden von der italienischen Instagram-Community gerepostet. Ärzte rufen dazu auf, das Virus endlich ernst zu nehmen, denn sie arbeiten dort, wo das ganze Ausmaß sichtbar wird. Die Krankenhäuser seien am Limit, es gebe nicht genug Platz oder Versorgungsmaterial. Sie bitten die Bevölkerung, sich an alle Vorschriften zu halten, jeder solle seinen Teil dazu beitragen, es nicht noch schlimmer werden zu lassen.

Florenz gleicht einer Geisterstadt. Anders lassen sich die Fotos nicht beschreiben, die ich nach meiner Abreise aus Florenz am 29. Februar ab und zu auf WhatsApp bekomme - wenn einer meiner Freunde sich nach draußen gestohlen hat. Die Bibliotheken sind zu, die Gelateria, jeder Sportverein, das Fitnesscenter, die Bars schließen zur Sperrstunde. Museen, Kino, Theater setzen aus.

Eine einzige Pizzeria ist noch geöffnet, “Da Michele“ am Mercato San Lorenzo, der Rest nicht, bis zum 3. April, mindestens. Aus dem Haus darf nur, wer dringend einkaufen muss oder kranke Verwandte pflegen, das mussten die Bewohner der Regierung schriftlich zusichern. Ohne extreme Selbstdisziplin und eine ausgeglichene Psyche dauert es nicht lang, bis einem zu Hause die Decke auf den Kopf fällt. Meine frühere Mitbewohnerin hat jetzt Online Classes, an denen sie teilnehmen muss. Aber was ist mit denen, die ihr Leben in keiner Weise mehr strukturieren können? Jede Routine fällt flach, menschlicher Kontakt genau so. Alles steht still, die Gedanken fangen an zu kreisen, Fluchtmöglichkeit gibt es nicht. Auch Botticellis Venus ist jetzt ganz alleine, denn die Uffizien sind seit Montag geschlossen.