Debatte um Nürnberger Opernhaus

Wie schmeckt der Pausensekt in NS-Ruinen?

Die Kongresshalle auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände in Nürnberg
Foto: Timm Schamberger/dpa

Die Kongresshalle auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände in Nürnberg

Auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände soll ein Interimsbau für das Nürnberger Opernhaus entstehen. Doch wie müsste diese Kulturstätte mit dem NS-Erbe umgehen? Und wie soll das alte Opernhaus saniert werden? Ein Debattenbeitrag

Nürnberg hat eine ganze Reihe baufälliger Bauten. Eines davon ist das Opernhaus im Stadtzentrum, ein anderes die Kongresshalle auf dem ehemaligen Reichsparteitagsgelände (RPG). Seit mehreren Monaten werden beide Gebäude in einem Atemzug genannt. Vergangenen Mittwoch entschied der Nürnberger Stadtrat, das Opernhaus zu renovieren und einen Interimsbau auf dem Gelände des RPG zu errichten. In Anbetracht der Tatsache, dass die Stadt Nürnberg mehrere Jahrzehnte gebraucht hat, um sich einer kritischen Erinnerungskultur um das Reichsparteitagsgelände zu nähern, scheint es überraschend, dass nun ausgerechnet dieser politisch kontaminierte Ort als geeigneter Standort für den Interimsbau einer Oper bestimmt wurde. Die Debatte über Sinn und Unsinn dieses Standortes wurde deshalb in den vergangenen Wochen auch geführt.

Während Jo-Achim Hamburger, Mitglied des Gremiums "Kuratorium Reichsparteitagsgelände" und Vorsitzender der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg kritisch bemerkte, dass jenes Kuratorium in die Entscheidung nicht involviert gewesen sei, plädierte die freie Wählergemeinschaft Politbande, die seit 2020 mit einem Sitz im Stadtrat vertreten ist, für diesen Standort, allerdings unter der Voraussetzung, anstelle eines Interimsbaus dort einen Neubau zu errichten. In Düsseldorf wurde vor wenigen Tagen ähnliches beschlossen; statt das dort befindliche ebenfalls baufällige Opernhaus kostenintensiv zu renovieren, entschied man sich gleich für einen zeitgenössischen Neubau.

Während man sich in Düsseldorf jetzt auf die Suche nach einem Standort macht, steht dieser für den Interimsbau in Nürnberg nun also fest. In oder neben der Kongresshalle auf dem ehemaligen Gelände der Reichsparteitage soll eine Leichtbaukonstruktion entstehen, die Platz für Bühne und Zuschauer birgt. Was nach dieser temporären Nutzung mit dem Bau passieren soll, ist noch unklar. Sowohl ein Abriss als auch eine Weiternutzung als Kulturort sind im Gespräch.

Darf Wagner auf dem Gelände gespielt werden?

Der Einwand der Politbande scheint daher plausibel: Warum schätzungsweise insgesamt 900 Millionen für einen temporären Bau sowie die Generalsanierung eines im Grunde jetzt schon viel zu kleinen Opernhauses verwenden, wenn durch dieselbe Summe auch ein ganz neues Haus entstehen könnte? Der Politbande schwebte denn auch kein Opernhaus im klassischen Sinne vor, sondern eine spartenübergreifende kulturelle Begegnungsstätte. Zudem schlug sie vor, den Neubau in der Kongresshalle notwendigerweise an eine verstetigte künstlerische und kritische Auseinandersetzung mit dem nationalsozialistischen Erbe zu koppeln. Ein Staatstheater auf dem Gelände des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes sei so immer auch Mahnmal gegen den menschen- und kulturverachtenden Nationalsozialismus.

Diesen Vorschlag belächelten die politischen und kulturellen Entscheidungsträger Nürnbergs, obgleich sie nicht davor zurückschreckten, sich dennoch für den problematischen Standort zu entscheiden, und zwar ohne sich hinreichend Gedanken über die zwangsläufigen Konsequenzen dieser Entscheidung zu machen. Denn welche Komponisten sollen zukünftig an diesem provisorischen Ort erklingen, ohne ein schales Echo zu hinterlassen? Nippt es sich umschlossen von den gigantomanischen Ruinen des Reichsparteitagsländes genau so genüsslich am Pausensekt wie Unter den Linden? Darf Wagner auf dem RPG-Gelände gespielt werden, oder sollte man sich ausschließlich für ehemals verfemte Komponisten entscheiden?

Dass der Spielplan an einem solchen Standort sehr bewusst und umsichtig kuratiert werden muss, sollte außer Frage stehen. Ist dies einer Stadt zuzutrauen, die das RPG jahrelang bedenkenlos als Autorennstrecke nutzte? Fest steht nur: Die Entscheidung für einen Interimsbau der Oper auf dem RPG ist halbgar, denn eine tragfähige Entscheidung darüber was langfristig mit dem RPG geschehen soll, wurde damit abermals vertagt.

Wie das Nürnberger Opernhaus sanieren?

Ein weiterer, nicht minder brisanter Aspekt wurde in der Debatte bisher nur ansatzweise thematisiert: 700 Millionen Euro sollen für die Renovierung des alten Opernhauses ausgegeben werden, doch die Frage, was genau dort eigentlich renoviert werden soll, ist nicht geklärt. Das Nürnberger Opernhaus, das unter dem Namen Staatstheater Nürnberg firmiert, wurde zwischen 1901 und 1905 gebaut und geht auf einen Entwurf des Berliner Architekten Heinrich Seeling, zurück, der sich seit Ende des 19. Jahrhunderts mit mehreren Theaterbauten hervorgetan hatte. Für den Nürnberger Bau erhielt Seeling zunächst die Vorgabe, sich am sogenannten Alt-Nürnberger Stil zu orientieren. Eine Vorgabe, die nicht unumstritten blieb und Seeling zur mehrmaligen Überarbeitung seines Entwurfs veranlasste. Herausgekommen ist dabei schließlich eine historistische Außenfassade, die unterschiedliche Stilelemente aufweist.

Bei der Innenausstattung hingegen entschied Seeling sich ganz für den Jugendstil. Vegetabile Formen, Laubengänge und großformatige Fresken prägten das aufwändig gestaltete Innere des Hause, das bei seiner Fertigstellung zu den teuersten Theaterneubauten seiner Zeit gehörte. Dies sollte 30 Jahre später niemanden dazu anhalten, die "Umbauten" am Haus zu verhindern, die von Adolf Hitler persönlich in Auftrag gegeben wurden.

1933 war Nürnberg von Hitler zur Stadt der Reichsparteitage erklärt worden. Im Zuge dessen sollte auch das dortige Opernhaus dem NS-Repräsentationscharakter entsprechen. Der Jugendstil widersprach der nationalsozialistischen Ästhetik. NS-Architekt Paul Schultze-Naumburg ließ den Innenraum des Nürnberger Opernhauses also in kürzester Zeit komplett verändern. Sämtlicher Dekor wurde abgeschlagen, Fresken und Emporen entfernt, Flachdecken eingezogen, eine Führerloge eingebaut. Die Akustik verschlechterte sich dramatisch. Im Zuschauerraum, über der Bühne, wurde ein Relief des NS-Bildhauers Emil Hipp angebracht, und damit eines Künstlers, an dem Hitler besonderen Gefallen gefunden hatte. 1933 war Hipp mit dem Bau des Richard-Wagner-Nationaldenkmals in Leipzig beauftragt worden.

Das Opernhaus im Staatstheater Nürnberg
Foto: dpa

Das Opernhaus im Staatstheater Nürnberg


Neben Hipp war auch Hans Panzer, damaliger Professor für Bildhauerei an der Kunstgewerbeschule in München, am Umbau des Opernhauses beteiligt. Panzer, der unter anderem an der Innenausstattung eines KdF-Kreuzfahrtschiffs beteiligt war, schuf Reliefs für den Eingangsbereich sowie die Brüstungen der Ränge. Die Führerloge im Nürnberger Opernhaus dient inzwischen der Technikaufbewahrung, doch die Werke von Panzer und Hipp prägen die Innenausstattung des Zuschauerraums bis heute maßgeblich.

Der Innenraum der Oper steht heute unter Denkmalschutz, sollen die NS-Reliefs also ebenfalls restauriert werden? Oder wagt man eine Rekonstruktion des ursprünglichen Jugendstils? Oder aber sollte man eine völlige Umnutzung des Opernhauses überdenken und wären dekonstruktivistische Architekturentwürfe wie Daniel Libeskind sie für das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in Dresden schuf auch für den Neubau eines Opernhauses auf dem RPG denkbar? (Libeskind hat in seinem Entwurf den klassizistischen Bau des Museums durch einen gewaltigen Keil aus Stahl und Glas durchbrochen, und den Bau auf diese Weise in seiner ursprünglichen Formensprache dekonstruiert.)

Fragen, die bei der Debatte um die Renovierung der Nürnberger Oper von Anfang an hätten mit einbezogen werden müssen und ihre zukünftige Beantwortung wird einiges über das kulturelle und historische Bewusstsein Nürnbergs aussagen.