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Wim Wenders über Sofortbilder

"Wedeln ist Unfug"

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Der deutsche Regisseur und Fotograf Wim Wenders über die Revolution, die das Sofortbild für seine Arbeit bedeutete, über Elend und Verheißung der Digitaltechnik und den Mythos vom Polaroidwedeln

Herr Wenders, können Sie sich noch mal in den Zustand versetzen, wie das war, als Bilderproduzent plötzlich mit der Möglichkeit von Polaroid ausgestattet zu sein?
Ich habe schon vorher fotografiert, aber nie Prints gemacht. Zwanzig Jahre hatte ich nur Kontaktabzüge. Plötzlich hatte man Bilder sofort zur Hand, um damit zu arbeiten. Man konnte sie in Drehbücher einkleben, an die Wand pinnen und auf den Schreibtisch stellen. Die waren so brauchbar.

War das Fotografieren selbst auch ein anderes?
Das Wort "entwickeln" hatte eine andere Bedeutung, das Bild hat sich vor den Augen entwickelt. Das war eine Sensation. Wenn man damit rumgereist ist, hatte man immer eine Traube von Kindern um sich, aber auch Erwachsene. Die wollten immer alle sehen, wie das dann kommt. Es wurde zu einem anderen Akt, weil man etwas produziert hat. Tatsächlich ein bisschen, wie eine Zeichnung zu machen. Aber lockerer, die Kameras hatten auch was Spielerisches. Vor allem die SX70 war ein kleiner Science-Fiction-Apparat, der komische Geräusche gemacht hat, eine Comic-Maschine.

Die Zehnerpacks für die Abzüge waren nicht billig. Hat die Verführungskraft meist über das Budget gesiegt?
Man musste sich gut überlegen, was man fotografiert. Man wurde auch viel zu oft verführt, noch ein Bild mehr zu machen, weil jemand eins haben wollte. Wenn man nicht aufpasste auf Motivsuche, war nach einer Stunde der ganze Vorrat weg. Aber zu der Zeit gab es keinerlei Video Control auf den Kameras. Man hat ja tatsächlich erst ein paar Tage später an den Mustern gesehen, was man da gedreht hatte. Wie sieht das Licht aus? Wie wird die Einstellung hinterher aussehen? Wenn man unterwegs war, war es wochenlang oft das Einzige, was man hatte. Bei "Alice in den Städten" haben wir alles erst in Deutschland entwickelt. Zwischendurch gab es nur die Polaroids als Beweismittel, was man gemacht hatte.

Sie wollten am Anfang Maler werden. Ein Polaroid hat als Unikat auch einen gewissen Werk-Charakter, gibt es für Sie diese Verbindung?
Ja, das geht sogar noch weiter zurück. Ich habe ganz früher Kupferstiche gemacht, ich konnte mir nur kleine Kupferplatten leisten, die auch ungefähr das Format von Polaroids hatten, und sie sahen auch nicht anders aus als Polaroids.

Die Limitierung durch fehlende finanzielle Mittel haben Sie immer wieder durchgestanden. Es ist bekannt, dass Sie teilweise überhaupt kein Geld hatten, trotzdem hat das ihr Oeuvre nie aufgehalten, wie ging das?
Ich war immer felsenfest davon überzeugt, dass Fotografieren und Filmemachen ein notwendiger, geradezu lebenswichtiger Akt ist, der zum Leben dazugehört. Ich habe nie akzeptiert, dass das ein Privileg sein soll. Filmen hat bereits zu meinem Leben gehört, als ich ein kleiner Junge war, damals mit Super-8. Ich habe ja meine ersten Filme komplett aus meinem Taschengeld finanziert und alles verkauft, was ich hatte, inklusive meines Saxofons, um meine ersten Kurzfilme machen zu können. Ich wollte nicht einsehen, dass man reich sein musste, um das zu machen. Das ging nicht, das fand ich ungehörig.

Die Befreiung von den finanziellen Zwängen kam jetzt für alle mit der Digitalisierung, die Sie aber auch durchaus skeptisch sehen.
Im Bereich des Films ist die Befreiung, die das Polaroid in der Fotografie dargestellt hat, erst mit der digitalen Technik gekommen. Das hat lange gedauert. Meine Theorie ist, dass das Werk nur existiert im Kopf dessen, der es sieht. Nur im Hin und Her zwischen dem einen, der etwas zeigt, und dem anderen, der es gezeigt bekommt. Erst da entsteht ein Bild. Und das ist nirgendwo handgreiflicher geworden als mit den Polaroids. Anhand dieser kleinen Objekte sieht man auch die Fallhöhe, die wir alle mitgemacht haben. Und die Verlust-Schnittmenge.

Was meinen Sie damit?
Von dem, wie wir heute mit Bildern umgehen, und dem, was das mal war. Die Konkretheit des Bildes und des Teilens. Im Verhältnis zur Unkonkretheit des virtuellen Teilens heute.

Den Technologien von heute sind Sie zugleich sehr offen gegenüber, Sie haben sich entschlossen der 3D-Technik zugewandt.
Das Instrumentarium, das Handwerkszeug ist dem angemessener geworden, was man zeigen will. 16- oder 35-mm-Kameras sind ja ziemlich rigide Instrumente. Eigentlich sind sie, von der Malerei kommend, für das Tafelbild gemacht. Letzten Endes ist ja auch das Kino nur eine Serie von Tafelbildern. Mit dem digitalen und dreidimensionalen Bild wurde das Tafelbild aufgehoben und aus dem Rahmen wurde tatsächlich ein Fenster, durch das man durchgucken  kann. Das war ja immer der Traum des Kinos, aber es war immer nur ein Make-Believe-Fenster. 3D hat es endlich zu einer Öffnung gemacht.

Wie stehen Sie zu VR?
VR ist hochinteressant, aber erstaunlicherweise kaum ein Erzählmedium und daher im Kino so schwer zu benutzen.

Weil es zu sehr aufs Erleben fokussiert?
Es ist zu sehr auf den Einzelnen fokussiert. Der Einzelne kann dann zwar für sich alleine etwas nachvollziehen, was der Erzähler, der das produziert hat, ihm in seine Brille schiebt. Aber es gibt nichts Furchtbareres, als mehrere Leute zusammen in einem Raum zu sehen, die VR-Brillen aufhaben. Es ist so ein Jammerbild, mehrere Menschen mit Brillen, die rumtasten. Es ist fast ein Bild von einer Art Fegefeuer. Es ist eigentlich die Hölle.

Ihrem Buch mit dem Titel "Sofort Bilder" stellen Sie eine Songzeile von den Kinks voran: "People take pictures of each other just to prove that they really existed."
Ja, in den 60ern war es ein Song, heute ist es Kunsttheorie. Gerade die Selfie-Fotografie ist ja ein Beweis, dass die Kinks Recht hatten. Das hätte man sich damals, als Polaroids aufkamen, nicht gedacht: dass es allen Ernstes mal Kameras gäbe, die eine Linse vorne und eine hinten hätten! Wenn man das jemandem erzählt hätte: In dreißig Jahren haben alle Leute Kameras, die nach vorne, aber auch nach hinten eine Linse haben. Die Kamera ist ja eigentlich per Definition das Ding, das sich auf die Welt richtet. Und nicht das Ding, das sich wie ein Spiegel auf den Fotografierenden richtet. Völlig absurd, dass heute jeder eine Kamera hat, die wie ein Spiegel funktioniert und nicht wie ein Auge. Das ist das Gegenteil der Idee einer Kamera.

Heute: "People take pictures of themselves just to prove that they really existed". Es hat ja auch etwas Tröstliches, dass man sich das durch Selfies immer wieder beweisen kann.
Etwas Tröstliches, und gleichzeitig etwas Klägliches.

Zum Schluss noch eine technische Frage zum Polaroid: Wedeln oder unter den Arm klemmen?
Wedeln ist Unfug. Bei der ersten Generation von Polaroid, wo man diese Entwicklerflüssigkeit abgezogen hat und dann so einen giftigen Haufen Chemie in der Hand hatte, war das Wedeln nicht ganz so dumm, weil das Foto feucht war. Aber beim SX70-Foto zu wedeln, war ein Missverständnis. Unter den Arm stecken ist schon besser, das hat den Entwicklungsvorgang etwas beschleunigt und die Bilder wurden von der Farbtemperatur tatsächlich auch ein bisschen anders: wärmer.

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