Diversität im Museum

Von den Guerrilla Girls lernen

Guerilla Girls "Dieses Franzbrötchen repräsentiert die 400.000 grafischen Arbeiten im MK&G – Dieser Krümel steht für die Arbeiten von Frauen: 1,5%", 2022
Foto: © Guerrilla Girls, courtesy guerrillagirls.com

Guerilla Girls "Dieses Franzbrötchen repräsentiert die 400.000 grafischen Arbeiten im MK&G – Dieser Krümel steht für die Arbeiten von Frauen: 1,5%", 2022
 

Das Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg hat mit dem feministischen Kunstkollektiv Guerrilla Girls die eigene Sammlung auf Diversität überprüft. Die Kuratorin Julia Meer erläutert, wie dieser Bestands-Check das Haus verändert hat

Julia Meer, Sie haben als MK&G-Kuratorin bis September die Ausstellung "The F*word. Guerrilla Girls und feministisches Grafikdesign" gezeigt. Wie kamen Sie auf das für seine Institutionskritik bekannte Kollektiv?

Die Gruppe gehört mittlerweile zum Kanon. Als ich am Museum für Kunst und Gewerbe angefangen habe, war ich froh, bereits einige Arbeiten der Guerrilla Girls in der Sammlung zu finden.

Und doch haben Sie 2021 das Gesamtwerk der Gruppe angekauft.

Ja, das ist eine peinliche Anekdote. Ich saß in einer Auktion, in der einzelne Arbeiten der Guerrilla Girls angeboten wurden. Erst im letzten Moment dachte ich daran, dass die Gruppe ja noch aktiv ist – und sich explizit gegen diese und andere Strukturen des Kunstmarktes zur Wehr setzt. Ich habe die Gruppe angeschrieben. Sie war sehr freundlich und hat für das MK&G das Gesamtwerk von 1985 bis 2021 zusammengestellt. So haben wir – im letzten Moment – die aktivistischen Aktionen der Guerrilla Girls gefördert, anstatt ein Auktionshaus.

Also gab es erst den Ankauf und dann daraus ist die Ausstellung entstanden?

Die Frage nach Repräsentation weiblicher Gestalterinnen interessiert mich spätestens seit der Publikation "Women in Graphic Design", die ich gemeinsam mit Gerda Breuer herausgegeben habe. Zu Beginn meiner Arbeit im MK&G bin ich oft durch die Sammlung gelaufen und stellte fest, dass da verdammt wenig Frauen-Namen auf den Schubladen stehen. Als es dann eine Lücke im Ausstellungskalender gab, habe ich eine Ausstellung vorgeschlagen, die dem Impuls der Guerrilla Girls folgend unsere Sammlung kritisch in den Blick nimmt.

Gab es Widerspruch aus dem Haus?

Nein, Tulga Beyerle ist eine super Direktorin – mit allem, was sie hier bewegt und der Selbstverständlichkeit, mit der sie Transparenz zulässt und institutionelle Selbstkritik fördert. Ich freue mich darüber, in diesem Haus arbeiten zu dürfen.

Gab es bei der Planung Auflagen von Seiten der Gruppe?

Für die Ausstellung bin ich nochmal mit ihnen in Kontakt getreten und habe gefragt, wie sie am kuratorischen Prozess beteiligt sein möchten. Der einzige Wunsch war, einige Arbeiten übergroß zu zeigen und direkt auf die Wände zu tapezieren, statt sie zu rahmen.

Zusätzlich zum Werk der Guerrilla Girls hat die Ausstellung die Sammlung Grafik und Plakat des MK&G in den Blick genommen. Inwiefern spiegelt sich der Wunsch nach mehr feministischem Grafikdesign auch in der Ausstellungsgestaltung?

Sehr besonders ist das Schriftmeisterinnen-Buch von Franziska Morlok von Rimini Berlin, die die Ausstellungskampagne gemacht hat. Ihr Vorschlag war, eine Ausstellung in der Ausstellung zu konzipieren, die Aufmerksamkeit für die Leistungen von Schriftgestalterinnen schafft. Jeder Raum hat zwei Schriften, eine Headlineschrift und eine Fließtextschrift, wodurch sich zwölf Schriften in dieser Ausstellung befinden. Im Schriftmeisterinnenbuch werden deren Gestalterinnen beziehungsweise Kollektive vorgestellt. Auch die Arbeit von Distaff Studio ist zentral für die Ausstellung, sie haben unter anderem ein feministisches Glossar auf Kissen gedruckt, eine Bibliothek konzipiert und die Statistiken zur Sammlung Grafik und Plakat als Infografiken visualisiert.

Auch die Guerrilla Girls haben ein Werk für die Sammlung erstellt.

Ja, sie haben sich bereit erklärt, eine kritische Arbeit zu entwickeln – das Ergebnis war ein riesiges Banner, das an der Fassade des Museums aufgehängt wurde.

Es zeigt ein Franzbrötchen, das die 400.000 grafischen Arbeiten in der Sammlung repräsentiert. Daneben liegt ein Krümel, der für den Anteil Arbeiten von Gestalterinnen steht: 1,5 Prozent – wussten Sie das schon vor der Ausstellung?

Ich hatte bereits viele Arbeiten von Gestalterin eingeworben, um diese offensichtliche Lücke etwas zu füllen. Die umfassende statistische Auswertung der Sammlung erfolgte allerdings erst in Vorbereitung der Ausstellung.

War denn bereits der gesamte Bestand in der Datenbank erfasst?

Nein. Die Ausstellung beruht auf der Sammlung Grafik und Plakat, die nach einer Schätzung rund 400.000 Objekte umfasst. Nur ungefähr 20 Prozent davon sind in der digitalen Datenbank erfasst. Deswegen war die statistische Auswertung sehr zeitaufwendig. Bei unserer Datenbank gibt es keinen Knopf, der alle Gestalterinnen ausspielt, sondern wir mussten uns alle Namen auslesen lassen und sie dann durchgehen. Und zusätzlich die Schubladen in der Sammlung, weil eben nicht alles erfasst ist.

Wie hat sich das Projekt auf die Arbeit der Sammlung Grafik und Plakat ausgewirkt?

Wir sind auf die Entwickler unserer Datenbank zugegangen und haben den Wunsch formuliert, in der Kategorie "Gender" nicht nur männlich oder weiblich angeben zu können, sondern zum Beispiel "divers". Ich hoffe, dass das noch implementiert wird. Was sich verändert hat, ist die Qualität der Datensätze von Gestalterinnen, die wir zum größten Teil überarbeitet haben und die Online-Stellung von Werken, die gemeinfrei sind. Letzteres ist größtenteils im Rahmen der Ausstellung "Wiki Women Working together to fill the gaps" passiert.

Was war da der Fokus?

"F*word" ist nur der Anfang und erzählt bei weitem nicht alles. Einzelpersönlichkeiten etwa werden nicht in den Blick genommen. "Wiki Women" holt das nach und schafft über das Erstellen und Ergänzen von Wikipedia-Artikeln für rund 35 Gestalterinnen eine Öffentlichkeit, die deutlich langfristiger ist als eine Ausstellung.

Haben Sie denn das Gefühl, dass die Beschäftigung mit den Guerrilla Girls nachhaltig etwas im Haus bewirkt hat?

Wir eröffnen jetzt "Wiki Women 2" mit dem Blick auf Fotografinnen. Für mich ist im Hinblick auf die Sammlungserweiterung wichtig, dass ich noch konsequenter hinschaue, welche Arbeiten ich in die Sammlung aufnehme. Denn die Sammlung ist die Grundlage für alle Geschichten, die in Zukunft aus diesem Haus heraus erzählt werden können. Und da gibt es noch viel zu tun.

Gibt es im Bereich Diversität andere Häuser, die bereits weiter sind?

Ich weiß, dass die Tate Liverpool ein Komitee hat, sowohl für Ausstellungen als auch für die Ankäufe, das immer nach Diversität fragt und diese aktiv einfordert. Bei uns liegt das größtenteils in der Selbstverantwortung der jeweiligen Kuratorinnen und Kuratoren.

Wie geht es jetzt nach "F*Word" weiter? 

Das klingt ja auch schon in "F*Word" an; ich freue mich darauf, Ausstellungen zu machen, die  unterschiedliche Perspektiven integrieren.

Sind schon neue Projekte in Sicht?

Das nächste große Projekt ist eine Ausstellung zum Thema "Glitzer" mit der Eröffnung im Februar 2025. Da geht es neben der Faszination für das Material auch um Gender, denn Glitzer spielt im Bereich Drag, in queeren Communities und immer wieder in feministischen Protesten eine wichtige Rolle. Aber es hat auch viele andere Facetten, etwa die Frage der Umweltverträglichkeit oder klassistische und rassistische Abwertungen als "billig" und "too much" und gleichzeitig sehr selbstbewusste Aneignungen dieses Materials. Ich finde es schön, ein Material in den Blick zu nehmen, in dem verschiedene politische und gestalterische Dimensionen zusammenkommen.