Herlinde Koelbl porträtiert Angela Merkel

Vom Verschwinden leuchtender Augen

Die Karriere der Politikerin Angela Merkel ist lang. Über drei Jahrzehnte dokumentiert die Fotografin Herlinde Koelbl Merkels Entwicklung. Die Porträts erlauben manche Entdeckung

Mit ihren "Spuren der Macht" hat die Fotografin Herlinde Koelbl bereits eindrucksvoll den Einfluss von Ämtern auf die sie ausübenden Menschen dokumentiert. Das 1998 mit einem viel gefeierten Band beendete Projekt um damalige Leitfiguren wie Gerhard Schröder oder Joschka Fischer hat Koelbl in aller Stille mit nur einer Akteurin fortgesetzt: Angela Merkel. Mit dem Ausscheiden Merkels aus dem Kanzleramt legt die Fotografin ein drei Jahrzehnte umfassendes Stück dokumentarischer Zeitgeschichte vor. Am 19. November erscheint ihr Fotoband "Angela Merkel. Porträts 1991-2021".

Bereits bei den "Spuren der Macht" gehörte Merkel neben Schröder und Fischer oder Renate Schmidt und Heide Simonis zu den jeweils jährlich porträtierten und interviewten Persönlichkeiten. "Ich hatte das Projekt 1998 beendet", sagt die 82-jährige Koelbl der Deutschen Presse-Agentur in Berlin. 2005 zog Merkel allerdings ins Kanzleramt ein. "Ich habe sie dann angeschrieben und gefragt, ob ich sie weiter begleiten darf. Sie hat ohne größere Diskussionen zugesagt."

Für die neue Phase der Zusammenarbeit, nun nur noch fotografisch dokumentiert, gab es Vereinbarungen. "Ich habe ihr dann versprochen, dass ich die neuen Fotos nicht veröffentliche, bis sie nicht mehr amtierende Bundeskanzlerin ist", sagt Koelbl. "Ich wollte einfach, dass sie sich in sicheren Händen fühlt." Bei einer Buchpräsentation in Berlin verrät die Fotografin ein weiteres Detail: "Merkel hat die Bilder bis zur Veröffentlichung nicht gesehen."

Merkel-Raute als "Signum ihrer selbst"

So kann die scheidende Kanzlerin wie Interessierte am Bildband auf Entdeckungsreise gehen. Im ersten Teil ist es ein Wiedersehen mit der jungen Ministerin der 1990er-Jahre. Eine neugierig, noch unsicher wirkende Merkel blickt aus den Bildern. Auffällig sind Wechsel von Frisuren und noch vergleichsweise unterschiedliche Kleidungsstile.

Die lesenswerten Interviews aus dieser Zeit scheinen einen sehr dezenten Einblick auf die Person zuzulassen, der in späteren Jahren der Kanzlerin nicht mehr möglich ist. Und es sind Zitate zu finden, die sich Merkel mitunter später vorhalten lassen musste. "Ich möchte irgendwann den richtigen Zeitpunkt für den Ausstieg aus der Politik finden. Dann will ich kein halbtotes Wrack sein", sagt Merkel etwa 1998 - da liegen 16 Jahre als Kanzlerin noch in ferner Zukunft.

Im selben Jahr taucht ein späteres Markenzeichen Merkels erstmals auf einem Foto auf: die mit angewinkelten Armen vor dem Bauch zur Raute geformten Hände. Der Berliner Kunsthistoriker und Bildwissenschaftler Horst Bredekamp analysiert dieses Zeichen aus heutiger Sicht: "Durch die oftmals wiederholte Wiedergabe ist diese sogenannte Merkel-Raute so sehr zum Signum ihrer selbst geworden, dass sie allein bereits ausreicht, um ihre gesamte Erscheinung aufzurufen." Bredekamp spricht bei der Buchvorstellung von einer "bildaktiven Falle", bei der "die Merkel-Ikonen mit ihr selbst verbunden werden".

Wird es eine Fortsetzung geben?

Die Bilder der Kanzlerin Merkel sind weniger variantenreich. Viele Gesten und Blicke scheinen sich anzugleichen. Koelbl hat bei den jeweils 15 Minuten währenden Porträtsitzungen auch kleine Veränderungen registrieren können. "Was in den letzten Jahren etwas verschwunden ist, ist das lebendige Leuchten in den Augen, in den lachenden Augen. Diese Lebendigkeit ist selten mehr zu sehen. Auch ihre Körpersprache ist zurückgenommener", sagt die in München lebende Fotografin. Nur selten bricht Merkel aus wie etwa bei einer Aufnahme aus 2018, bei der sie burschikos die Hände in die Hüften stemmt.

Für eine Fortsetzung der Reihe mit Porträts bisheriger Amtsinhaber im Kanzleramt hat sich Merkel bisher nicht festgelegt. Eine Aufnahme der Fotokünstlerin neben den Gemälden? "Ich kann mir nicht ganz vorstellen, dass Angela Merkel die lange Tradition durchbrechen würde und plötzlich mit einem fotografischen Porträt komplett aus der Reihe tanzen würde", sagt Koelbl. Mit Merkels Weggang ist Schluss mit den Porträts. "Ich würde das Projekt natürlich fortsetzen, aber ich glaube nicht, dass Angela Merkel, wenn sie aus dem Amt ausgeschieden ist, es so weitermachen würde", sagt die Fotografin. "Aber man weiß ja nie."