Monarchie und Alltag

Ringe der Ohnmacht

Robert Aramayo (links, als Elrond) und Morfydd Clark (als Galadriel) in einer Szene aus "Der Herr der Ringe - Die Ringe der Macht"
Foto: Ben Rothstein/Amazon Studios/dpa

Sind es in Museen und Galerien, auf Biennalen und in den Akademien vor allem indigene Mythen aus dem globalen Süden, die helfen sollen, die Welt neu zu begreifen, sind es in der westlich geprägten Massenkultur fast ausschließlich weiße Mythen: Robert Aramayo (links, als Elrond) und Morfydd Clark (als Galadriel) in der Amazon-Serie "Der Herr der Ringe - Die Ringe der Macht"

Die Queen ist tot, es lebe der King? Warum sind gerade jetzt Königinnen, Helden und weiße, binäre Mythen so populär – auch im vermeintlich progressiven Kunstbetrieb? 

Hey Leute, wieder ein Long Read, ein endloser Text für "Die leere Welt". Wer es kurz und knackig mag, einfach weiterzappen. Wer gemischte Gefühle zur Queen oder #MeToo-Skandalen in der Berliner Szene hat, sollte bleiben. Denn es geht um Monarchie, das Game of Thrones im Kunstbetrieb. Und die Frage, warum gerade "indigenes Wissen" das neue Buzz-Word ist, alle super progressiv und woke sind, man sich aber gleichzeitig benimmt wie in einer patriarchalischen Mittelalter-Fantasy. Los geht’s, Hobbits!


1. Monarchies, Schmonarchies

Die Königin ist tot! Lang lebe der König! Als mich meine Familie einige Tage nach der Beerdigung der Queen besuchte, kam es zu einer Diskussion. Meine eigentlich kapitalismuskritische, 87-jährige Mutter, die sich ihr Leben lang politisch und als Menschenrechtsaktivistin engagiert hatte, erzählte, wie süß doch der inzwischen über zwölf Millionen Mal angeklickte Clip ist, in dem die Queen für Paddington, den Bären, ein Marmeladensandwich aus der Handtasche zaubert. Happy Platinium Jubilee! Draußen vorm Buckingham Palast jubelt das Volk. Meine Mutti, sonst eher Stahlmagnolie, hatte echte Rührung in der Stimme. Unglaublich vielen Menschen, von denen ich es nie erwartet hätte, gab und gibt das britische Königshaus in dieser unsicheren Welt anscheinend Halt der jetzt durch den nicht ganz unerwarteten Tod der 96-jährigen Queen ins Wanken geriet.


So viele Leute redeten über diesen Clip, posteten das "Time"-Cover mit dem Queen-Porträt von Cecil Beaton, oder das berühmte Cover von den Sex Pistols, eines der ikonischsten Motive des Punk Rock, das 1977 zum Silver Jubilee herauskam. John Lyndon, aka Johnny Rotten, der damals noch gesungen hatte, "God save the Queen, the fascist regime", postete auf Twitter zu ihrem Tod das völlig unversehrte Silver-Jubilee-Porträt mit den Worten: "Rest in Peace Queen Elizabeth II. Send her victorious." Ja, los, mit dem Union Jack hinterherwinken! Was für ein Wandel könnte man sagen, aber er ist ja auch inzwischen Trumpist.


Doch ich will nicht so tun, als ich nicht genauso empfänglich für traditionelle Werte und die Royals. Die Queen war natürlich auch Teil meines Lebens. Als kleiner Junge las ich in der "National Geographic" einen Artikel, der über die Krönung von Charles zum Prinzen von Wales durch die Queen 1969 berichtete. Die moderne Kleidung der Königin und der Gäste, das archaische Ritual, die Burg und der Prinz im Hermelinmantel hatten etwas Verstörendes vor allem, weil ich spürte, dass ich den segelohrigen Charles in diesem Aufzug erotisch fand. Das waren die ersten, vagen Ahnungen, dass ich schwul war. Man kann also sagen, die königliche Familie hat meine Sexualität mitgeprägt. Als Pubertierender sah ich die Queen 1978 auf einem Truppenübungsplatz im Teutoburger Wald, bei einer Parade mit Picknick und Pimm's im offenen Wagen vorbeirauschen. Punk war da schon tot und die Queen wurde nicht nur durch die Sex Pistols stilprägend, sondern auch durch den Look von Vivienne Westwood, der sich natürlich an den Royals, der Idee von Landadel und Jagd bediente, allen voran an dem unglaublichen Stil von Princess Anne, der später auch von Leigh Bowery aufgegriffen wurde.

Als Charles und Diana 1981 heirateten, machte ich noch Zivildienst in einem Altersheim in Süddeutschland. Ich hatte mich in Berlin in Nikolaus Utermöhlen von der Band Die Tödliche Doris verliebt. Wegen meiner wasserstoffblond gefärbten Haare, weil ich mich weigerte, demente Omis einzuschließen, die Lyrics von "Happy House" von Siouxsie and the Banshees über den Kalender im Stationsflur schmierte und bei einer Hausbesetzung verhaftet worden war, wurde ich mit Disziplinarverfahren überhäuft. Trotzdem hastete ich im völligen Einklang mit dem Personal und Patienten beim Verteilen des Essens von Zimmer zu Zimmer um die meistens noch schwarz-weißen Fernsehbilder des Ja-Worts und des Kusses nicht zu verpassen. Ich saß auf den Betten, verdrückte eine Träne und hatte das Gefühl, einem historischen und romantischen Moment beizuwohnen.

Später in den 1980ern lebten wir dann wie prekäre britische Aristokraten in Kreuzberg. Da war diese Mischung aus Preppy-Style , Hip-Hop, Bloomsbury, dem Look schwuler New Yorker Clones. Eine Prince-Charles-Erotik, die Leute wie Marc Brandenburg kultivierten. Er hat diese Dufflecoat-Deep-House-Zeit gezeichnet und in seinem "Picture Book" (1995) verewigt. Aids kam, die Mauer fiel, wir tranken Tee, schenkten uns, Oh, England my Lionheart, von den letzten Piepen gekaufte Wedgwood-Peter-Rabbit-Teetassen, fuhren 1992 alle zusammen vorbei an den bei rassistischen Ausschreitungen ausgebrannten Sonnenblumen-Plattenbauten in Rostock-Lichtenhagen nach Dänemark, gingen exzessiv aus und arbeiteten im Kumpelnest 3000. Marc fing als Künstler bei Contemporary Fine Arts an.

In den 1990ern zog er nach London, ich irgendwann hinterher. Als Lady Diana 1997 in Paris verunglückte, waren wir längst wieder in Berlin. Nach jahrelanger Krankheit war mein Freund Nikolaus an den Folgen von Aids 1996 gestorben, mein Leben am Ende. Es war ein Wochenende. Ich arbeitete wieder hinter der Bar im Kumpelnest. Und ausgerechnet am Vorabend von Dianas Beerdigung schob Marc eine Sonderschicht. Und weil die Übertragung schon morgens um elf Uhr begann, schmissen wir um zehn die sämtlichen, völlig breiten Gäste raus den ganzen Laden, der gewohnt war, mindestens bis zum Mittag zu feiern. Dann saßen wir pünktlich wie zwei Teenager vorm Fernseher und heulten, um Diana, Nikolaus, um unsere Zeit in London, das Ende einer ganzen Ära.

Man kann also nicht sagen, dass ich ein strammer Anti-Monarchist war. Im Gegenteil, die Queen und ihre Familie sind wie entfernte, fiktive Verwandte, an die man sich nicht so genau erinnern kann. Aber da sind Gerüche, Gefühle, Bilder, Situationen, die mit den Royals eine ganze Epoche wiederauferstehen lassen, wie Madeleine und Lindenblütentee.  

Doch seitdem ist wieder ein viertel Jahrhundert vergangen. Alles hat sich verändert. Ich war, als meine Mutter zum Tod der Queen von Paddington schwärmte, richtig bedient von dem tagelangen medialen Beriesele mit den royalen Traditionen, dem ständigen Heruntergebete, wie diszipliniert und zugleich humorvoll die Herrscherin war, den unzähligen Beiträgen, selbst im "Guardian", in denen über die wechselnden Totenwachen der Königskinder, Uniformen- oder Nicht-Uniformen, die symbolische Bedeutung von Ohrringen und Myrte-Sträußchen, tagelangen Trauer-Ritualen und endlosen Schlangen berichtet wurde, die sich quer durch London bis zum Buckingham Palace zogen. Ich saß da am Tisch und fragte mich, ob ich herzlos bin, ob ich eine Wahrnehmungsstörung habe, weil ich das nicht so süß und rührend, sondern als eher ambivalent, fast deprimierend empfinde. Als meine Mutter dann auch noch sagte, der ergreifendste Moment bei der Beerdigung wäre gewesen, als der "persönliche Dudelsackspieler" der Queen auf ihren Wunsch das traditionelle Klagelied "Sleep, Dearie, Sleep" gespielt hätte, war ich endgültig verblüfft. Das habe so verloren und einsam gewirkt, der arme Mann habe ja jeden Morgen unter dem Fenster seiner Königin 15 Minuten lang gedudelt. Ich fragte sie, ob sie das auch so charmant gefunden hätte, wenn sich eine russische Oligarchin oder eine Industriellengattin in Singapur jeden Morgen dieses Ritual geleistet hätte.

Das könne man gar nicht vergleichen, schrie meine liberale Familie auf, ich solle mal wieder auf den Boden kommen oder über etwas anderes reden. Und ob man kann, keifte ich zurück, die Royals seien Oligarchen, eine selbsterklärte "Firma". Zahlen hatte ich da leider nicht zur Hand, aber es steht ja überall, sagte ich etwas verzweifelt. Da ist der Crown-Estate, der, technisch gesehen, weder den Monarchen noch dem Staat gehört, aber das Eigentum der königlichen Familie umfasst und von ihnen mitverwaltet wird. Dem Estate gehört die komplette Regent Street, Windsor Castle, 116 Hektar Land, eine Fläche so groß wie Hamburg und Bremen zusammen. Der Estate hat einen Wert von 17 Milliarden Euro. Er erwirtschaftete 2021 über 400 Millionen britische Pfund, davon gingen 25 Prozent an die Queen, also 95,5 Millionen Pfund Sterling. Im Jahr. Alleine die Immobilien der "Firma", die nach dem Tod der Queen nur noch aus sieben Personen besteht, haben einen Wert von acht Milliarden Euro. Hinzu kommen Lizenzen für königliche Wappen auf Produkten, die sogenannte Privy Purse, das Privateinkommen der Herrscherin oder des Herrschers. Das stammt hauptsächlich aus der Grafschaft Lancaster, einem 200 Quadratmeter großen Areal, das der Familie gehört und jährlich 24 Millionen Euro bringt. Die privaten Einnahmen der Firma belaufen sich jährlich auf rund 500 Millionen Euro. Hinzu kommen private, nicht im Crown Estate beinhaltete Besitztümer, etwa Balmoral Castle und eine riesige private Kunstsammlung. Die Firma zahlt keine Erbschaftssteuer, die normalerweise 40 Prozent beträgt, da sonst der Besitz im Laufe der Zeit dahinschmelzen würde.

Der linke US-Journalist und Pulitzerpreisträger Chris Hedges veröffentlichte nur wenige Tage nach dem Tod von Elisabeth II. einen polemischen Artikel, "It Is Time to Throw the Monarchies of the World Into the Dustbin of History". Michael Moore fand ihn so gut, dass er ihn in seinem Podcast mit dem schönen Thema "Monarchies, Schmonarchies" einfach in voller Länge vorlas. Hedges spricht Klartext: Die Royals sind Oligarchen. Sie sind die Wächter ihrer Klasse. "Die Monarchie verschleiert die Verbrechen des Empires und verpackt sie in Nostalgie. Sie verherrlicht die weiße Vorherrschaft und die Hierarchie zwischen den 'Races'. Sie rechtfertigt Klassenherrschaft. Sie stützt ein wirtschaftliches und soziales System, das diejenigen, die aufgrund ihrer race und Herkunft als minderwertig angesehen werden, ohne jedes Mitleid verstößt und häufig dem Tod überlässt, wobei die meisten von ihnen People of Color sind."

Hedges führt gegen "Her Majesty’s Government" alles an, was man nur vorbringen könnte: von Prinz Andrews Verwicklungen in den Epstein-Skandal, den Schmiergeldkoffern, die Charles vom Scheich von Katar annahm, über die unfassbare Gewalt der britischen Kolonialherren bei der Niederschlagung der Mau-Mau Unabhängigkeitsbewegung in den 1950ern in Kenia, bis hin zu der Rolle der Briten in Südafrika, den Einsätzen in Afghanistan und im Irak. Auch die 1400 Leichen von kanadischen First-Nations-Kindern, die verscharrt hinter den zwischen 1912 und den 1970er-Jahren gegründeten Umerziehungsinternaten und katholischen Missionsschulen gefunden wurden, in denen ihnen der Lebensstil der Kolonialherrscher beigebracht werden sollte. Doch auch nur ein kleiner Teil dieser Vorwürfe reicht aus, um ernste Zweifel zu bekommen an der Verherrlichung der Royals, an dem Konzept von vererbter, angeborener finanzieller, kultureller und politischer Macht, die im paradoxen Widerspruch zur Demokratie steht.

Wie kommt es, dass gerade jetzt, wo Millionen von Menschen nicht mehr wissen, wie sie die Kosten für Miete und Heizung aufbringen sollen, im Ukraine-Krieg die Gefahr des Einsatzes von Atomwaffen immer realer wird, Europa zerbricht, in Schweden und Italien Rechte und Faschisten an die Macht kommen, die Demokratie auf der ganzen Welt zur Hölle fährt, Oligarchen und Superreiche wie Heilige verehrt werden? Nicht nur die Queen, sondern auch Trump, Elon Musk, oder Putin (geschätztes Privatvermögen 36 Milliarden Euro), der hier im Osten, wo ich wohne, von vielen wie ein Rebell gegen den korrupten, verschwuchtelten, von globalen Konzernen ferngesteuerten Westen gesehen wird. Warum verehren Millionen von Menschen Superreichen-Dynastien wie die Kardashians als "American Royals" oder "Reality Royals"? Wobei sich Kim Kardashian in diesem Frühjahr in dem neuen Format der Reality-Show hinstellte und einen guten Ratschlag für ihre prekären Zuschauerinnen hatte: "Get your f*cking ass up and work. It seems like nobody wants to work these days.” Wer braucht da noch Thatcher, Truss oder die rote Königin aus "Alice im Wunderland"?

Woher kommt dieses Faible, wenn nicht für feudale, dann zumindest für autokratische Strukturen, diese Sehnsucht nach einer hierarchischen, aber gerechteren, "natürlichen" Ordnung, in der alle ihren Platz und ihren Braten auf dem Tisch haben? Dabei wird durchaus auch Gewalt gegen Minderheiten in Kauf genommen, wenn mal nur endlich aufgeräumt würde. Dass, obwohl wir eigentlich Konzepte für Gemeinschaft, neue soziale Werte bräuchten. Hier auf dem Dorf, wo ich wohne, wird unverhohlen die Hinrichtung, das "Aufhängen" von Scholz, Habeck, Baerbock gefordert, wegen ihrer Verbindungen zum Großkapital. Da baumeln sie also dann neben den "Kinderschändern", während Amazon die Snacks liefert. Bravo! Dabei erträumen sich viele einen Aufstand, unter der Anführung von starken Frauen und Männern, die, wie Sahra Wagenknecht, "Deutschland first" machen und denen da oben mal endlich sagen, was Sache ist. Die Gesellschaft soll im Grunde von Königinnen, Königen, Helden und Heldinnen anführt werden. Doch was für eine Gesellschaft? Warum gibt es da keine progressiven Utopien, die den Mainstream erfassen, sondern höchstens den Rückzug auf Hautfarbe, Nation, Herkunft? Warum gibt es kein Vertrauen in die Demokratie, stattdessen diese enorme und völlig irrationale Akzeptanz für das Recht des Stärkeren?  


2. Schwerter zu Tragebeuteln

Um besser zu verstehen, was gerade los ist, helfen vielleicht die aktuellen Debatten und Skandale in der Kunst. Natürlich witterten nach dem Tod der Queen auch im Kunstbetrieb Sozialisten und Republikaner ihre Chance, am Ast der verrotteten Monarchie zu sägen. In den sozialen Medien wurde von einschlägigen Cracks neben ironischen Posts mit der Band Queen auch häufiger ein Zitat der feministischen Science-Fiction- und Fantasy-Autorin Ursula K. Le Guin gepostet: "Wir leben im Kapitalismus. Es scheint, als könne man seiner Macht nicht entkommen. So schien es auch mit dem gottgegebenen Recht der Könige." Das Zitat geht noch weiter: "Doch jede Form menschlicher Macht kann von menschlichen Wesen angefochten und verändert werden. Widerstand und Veränderung beginnen oft in der Kunst, und sehr oft in unserer Kunst, der Kunst des Wortes."

Es geht also um Storytelling, eine alternative Geschichte, die erzählt werden muss. Da sind sich, zumindest in Kunst und Kultur, alle einig: eine de-kolonialisierte, eigentlich anti-kapitalistische, anti-patriarchale, anti-rassistische Geschichte. Eine feministische, indigene, queere Geschichte, die einen Gegenpol zur anthropozentrischen Weltsicht, zu weißer Vorherrschaft, zu Misogynie zur Ausbeutung von Menschen und natürlichen Ressourcen bilden soll. Und für diese Geschichte ist auch eine Theorie elementar. Die 2018 verstorbene Ursula K. Le Guin hat sie bereits 1986 verfasst: "The Carrier Bag Theory of Fiction", im Deutschen in einem Band mit dem etwas blöden Titel "Am Anfang war der Beutel" erhältlich. Le Guins Denken war von Anthropologie, Taoismus und Feminismus geprägt. Galt sie schon seit den 1970er-Jahren als große, visionäre amerikanische Erzählerin, wird sie gerade als Denkerin entdeckt. Zu Recht: Ihre Tragebeuteltheorie wird sicher zu einem der wichtigsten Texte des anbrechenden 21. Jahrhunderts werden. Im Kunstbetrieb ist er bereits so wichtig, dass die von Cecilia Alemani kuratierte Hauptausstellung auf der diesjährigen Biennale in Venedig der Autorin eine Art Denkraum, eine "Zeitkapsel", ziemlich am Beginn der Schau widmet und das Konzept der Ausstellung danach ausrichtet.

Die Theorie geht in sehr verkürzter Form so: Wir denken, auch wegen der massenhaft reproduzierten Bilder aus der Höhle von Lascaux, dass unsere Vorfahren in der Steinzeit Mamuts jagten, dass die Frauen, Kinder, Alten und Weicheier zu Hause blieben und Beeren sammelten und die "Männer" mit dem Speer auszogen, um den Braten nach Hause zu bringen. Dem war aber nicht so. In den gemäßigten und tropischen Regionen, sagt Le Guin, war die Hauptnahrung vor allem vegetarisch: 65 bis 80 Prozent dessen, was der Mensch in diesen Regionen im Paläolithikum, Neolithikum und in der Vorgeschichte aß, wurde gesammelt. "Die Mammutjäger besetzen spektakulär die Höhlenwände und den Verstand", schreibt Le Guin, "aber was wir tatsächlich taten, um am Leben zu bleiben und fett zu werden, war das Sammeln von Samen, Wurzeln, Sprossen, Trieben, Blättern, Nüssen, Beeren, Früchten und Körnern." Hinzu kam Protein von Insekten, Fischen und Kleintieren. Das erste und wichtigste Instrument war also nicht der Speer, sondern der Container, in dem die Nahrung gesammelt und nach Hause getragen wurde. Ein Blatt, eine Muschel, etwas Zusammengebasteltes, ein Netz, eine Kiste, ein Beutel, in die jeder etwas reintat.  

Allerdings ist der Speer, der dem riesigen Tier ins Hirn gerammt wird, spannender, die Geschichte des Tötens bietet Blut und Action, Mord und Todschlag, mächtige Helden. Das kann man vom Sammeln nicht behaupten. "Dann tat ich eine Blaubeere rein und dann noch eine und noch eine.", oder: "Ich pulte stundenlang wilden Hafer aus der Schale." Und so absorbierte die Helden-Speergeschichte alle anderen Geschichten: "Ehe man sich versieht, sind die Männer und Frauen in der Wildnis und ihre Kinder und die Fertigkeiten der Macher und die Gedanken der Nachdenklichen und die Lieder der Sänger sämtlich Teil davon", schreibt Le Guin. "Sie sind alle in den Dienst der Geschichte des Helden gestellt worden. Aber es ist nicht ihre Geschichte. Es ist seine."

Lange vor dem phallischen Speer, einem Werkzeug, das Energie nach außen drängt, haben wir also ein Werkzeug gemacht, das Energie nach Hause bringt. Aber dennoch hat sich die Idee des Helden durchgesetzt, der auszieht, um den Drachen, das Monster zu erlegen, die Prinzessin zu befreien, seinen Vater oder seine Mutter zu rächen, der Konflikte mit Gewalt löst. Es ist die Geschichte, die die Mammutjäger über das Schlagen, Stoßen, Vergewaltigen, Töten, über den Helden erzählten, sagt Le Guin. Diese Killergeschichte, die in der Antike, in mittelalterlichen Heldensagen, in den Schilderungen von kolonialen Eroberungen, den Weltkriegen in immer wieder modifizierten Formen weitererzählt wurde, verschleiert unser wahres Wesen vor uns. Sie tötet vielleicht sogar uns alle. Helden brauchen Podeste. Wir brauchen etwas, um unsere nicht erzählten und verdrängten Geschichten über das Leben zu sammeln, Behälter, um sie nach Hause zu tragen. Diese Geschichten sind kollektiv, multiperspektivisch, vielstimmig, nicht die Geschichten von Einzelnen.

In diesem Sinne versuchten die beiden großen Kunstevents 2022, die Biennale in Venedig und die Documenta in Kassel, so etwas wie ein Container für neue Geschichten zu sein. In Venedig richtete man den Blick verstärkt auf weibliche und feministische Positionen, auf Surrealistinnen und marginalisierte Künstlerinnen der Moderne, indigene Stimmen. Die Documenta holte Kollektive und Aktivisten, vor allem aus dem globalen Süden nach Deutschland und mit ihnen oft politische, partizipative Kunstpraxen, die mit dem Verwertungsmechanismen des westlichen, marktgesteuerten Kunstsystem und der Idee des "Helden" radikal brachen. Erstmals kam solch eine bedeutende Kunstveranstaltung auch fast ohne "große" Namen aus und versuchte einen völlig neuen Kunstbegriff zu etablieren. Beide Versuche wurden von einem enormen Medienecho begleitet. Alemanis Biennale wurde von der Kritik als extrem gut kuratierte und recherchierte, bahnbrechende Ausstellung und sinnliches Ereignis gefeiert. "A feast for the eyes", "A Bienniale for the History Books", schrieb die "New York Times". Nach Antisemitismus-Vorwürfen im Vorfeld, einem kurzen High zur Eröffnung geriet die Documenta durch den Eklat um das Banner des indonesischen Kollektivs Taring Padi in einen frustrierenden Strudel von Debatten und Skandalen – um Antisemitismus, Rassismus, Kolonialismus, die fast zu einer Art öffentlicher Ächtung des Kuratorenteams Ruangrupa und der Geschäftsführerin Sabine Schormann führten. Doch alle, selbst jene Kritiker und Kritikerinnen, die die Documenta als gescheitert und geschädigt betrachten, werden in einer stillen Stunde zugeben, dass dies ein absolut wichtiges und notwendiges Kunstereignis war, das selbstgefällige und rigide Machtstrukturen in Frage stellte. Mehr noch als die Biennale in Venedig hat die Documenta gerade wegen ihrer Problematik eine Zeitenwende markiert.


3. Willkommen im Chateau Royal

Doch den Mainstream außerhalb von Kunst und Aktivismus hat die Tragetaschentheorie noch nicht wirklich erreicht. Hier möchte man lieber zum Speer greifen, zur Knarre, zum Strick. Die Leute in Zügen und Kneipen, vor allem die Männer, reden wie die Mammutjäger. Auch hier liebt man Sagen und Mythen. Es hört sich an, als hielten sie sich für die Wildlinge jenseits der Großen Mauer in "Game of Thrones", die Hobbits, die sich aufmachen um Sauron zu bekämpfen, oder die "Vikings" aus dem Frühmittelalter. Kein Wunder, seit Jahrzehnten sind Hybride aus Helden- und Rittersagen und mythischen Fantasy-Epen auf dem Vormarsch – beginnend in den frühen 1980ern unter dem Neoliberalismus von Reagan und Thatcher. Wer so alt ist wie ich, mag sich noch an John Boormans Artus-Sage "Excalibur" (1981), oder an "Conan der Barbar" (1982) erinnern. Gerade jetzt wird der Eighties-Fantasy Film "Willow" (1988) als neue Serie lanciert.

Sind es in Museen und Galerien, auf Biennalen und in den Akademien vor allem indigene Mythen aus dem globalen Süden, die helfen sollen, die Welt neu zu begreifen, sind es in der westlich geprägten Massenkultur fast ausschließlich weiße Mythen, alte Speer-Stories, auf die man sich stützt. Die Welt der Streaming-Serien wird gerade von zwei Fantasy-Epen beherrscht, "The House of the Dragon" und "Der Herr der Ringe: Die Ringe der Macht", in denen die alte Geschichte auch noch schön alt inszeniert wird, mit einem Touch von Wagner-Oper: nationalistisch, heroisch, voll von religiösem Eifer, dem Glauben an vererbte Macht, Monarchie, rassische Vorherrschaft und Vaterland seien es Mittelerde oder Westeros. Beide Serien haben die Visualität der Historienmalerei des 19. Jahrhunderts, die Erhabenheit des Symbolismus und der Präraffaelitischen Bruderschaften. Genauso wie die früheren Verfilmungen von Tolkiens "Hobbit" und "Herr der Ringe", beruhen sie ebenso wie aktuelle Fantasy- und Ritterfilme wie "The Green Knight" (2021) und "The Northman" (2022) auf nordischen, keltischen und germanischen Mythen: der Edda, dem Beowulf und den Artus-Sagen.

Sie alle sind, wie auch indigene Mythen, animistisch und vorchristlich geprägt. Doch in ihrer heutigen Fantasy-Form sind sie immer binär. Ihre Helden, Heldinnen und Schurken repräsentieren stets eine richtige oder falsche Seite. Die Welt, die diese Filme und Serien bezeichnen, ist nie demokratisch, nie eine Sozialutopie, nicht wirklich reformierbar, immer hierarchisch. Alles was getan werden kann, ist eine uralte Ordnung, die kosmische Balance mit Gewalt wiederherzustellen, den rechtmäßigen, "gütigen" Herrscher, den "unerwarteten" Helden an seinen vorbestimmten Platz zu setzen. Man hat keine wirkliche Wahl, es gibt nichts zu verhandeln. Alles was man tun kann, ist der Bestimmung und den Göttern zu dienen. Hört sich an wie patriarchalischer Kapitalismus, oder? Interessanterweise sind diese mythischen, im Grunde zutiefst reaktionären Erzählungen heute divers besetzt, mit People of Color, es gibt auch zaghafte LGBTQ-Elemente . Dass Haarfüßler, Elben, Zwergenköniginnen wie auch Grafen des wasserstoffblonden Hauses Targaryen von Schwarzen Darstellern und Darstellerinnen verkörpert werden, rief sofort Heerscharen von extremen Rechten und Rassisten auf den Plan. Die Empörung zeigt, wie sehr Tolkiens Saga als "weiß" empfunden wird und es auch ist: Tolkien war ausdrücklich gegen Hitler, aber es gibt in "Herr der Ringe" natürlich eine Hierarchie von "Rassen", ganz oben die Elben, dann verschiedene Menschenarten, wobei die nordischen, europäischen "gut" sind, und dann immer östlicher, orientalischer und zweifelhafter werden. Fun Fact: In den 1970ern wurde "Herr der Ringe" zu einem Lieblingswerk der italienischen Faschisten, die sogar ein "Hobbit-Festival" organisierten, um Mitglieder zu werben.

Die Ringe der Macht
Foto: Amazon Studios/dpa

Szene aus der Amazon-Serie "Die Ringe der Macht"

Natürlich ist es Zeit, mit diesen rassistischen Stereotypen zu brechen. Natürlich ist es gut, wie mein 18-jähriger Neffe meint, dass man ganz selbstverständlich alle möglichen Hautfarben sieht, dass die Rollen nicht mehr als weiß festgelegt sind. Ich sehe da aber ein ganz anderes Problem: Sichtbarkeit alleine reicht nicht. Die Rollen ändern sich bei diesem Personalwechsel nicht, ebenso wenig wie die Geschichte, die weiter eine ziemlich weiße Killergeschichte bleibt. Es werden keine Erklärungen, neuen Erfahrungen oder Sichtweisen vermittelt, sondern reine Kosmetik betrieben. Die Schwarze Zwergenkönigin könnte genauso von einer Weißen gespielt werden. Dasselbe nimmt in der Netflix-Serie "Bridgerton" geradezu absurde Formen an: People of Color übernehmen die Rollen von britischen Adeligen und Kolonialisten, die ihr Geld in der Ära des Regency mit Sklaverei verdient haben. Man kann diesen Personalwechsel weiterdenken wir dürfen über die Hautfarben oder Identitäten der Herrscher und Sklaven debattieren, nicht aber über den Hof und das Sklavenschiff. Es geht um Personen, Identität, nicht um Prinzipien und Systeme. Bei dieser popkulturellen Geschichtsklitterung verhält es sich in etwa so wie bei dem Afternoon-Tea mit der Queen und Paddington, bei dem die Queen, die greise Mutter der Nation und des Commonwealth, wieder zum unschuldigen Kind wird.

Golda Rosheuvel (Mitte) als Königin Charlotte in einer Szene der Serie "Bridgerton"
Foto: Liam Daniel/Netflix/dpa

People of Color übernehmen die Rollen von britischen Adeligen und Kolonialisten, die ihr Geld in der Ära des Regency mit Sklaverei verdient haben: Golda Rosheuvel (Mitte) als Königin Charlotte in einer Szene der Serie "Bridgerton"

Das ist nicht nur einfach kitschig, sondern eine absolut professionell gemachte, anrührend erzählte Geschichte, die vergessen lässt, dass es sich um PR handelt. Zu diesem Kalkül gehört, dass man versucht, eine alte, gewaltsame Geschichte zu verharmlosen, sie freundlicher, diverser, emphatischer zu erzählen und damit gleichzeitig auch neue Zielgruppen zu erreichen. Doch selbst wenn in den Medien, in Mode, Kunst und Kultur mehr Sichtbarkeit erreicht wird, selbst wenn sich tatsächlich politischer und sozialer Wandel einstellen, möchte man die eigentliche Geschichte nicht wirklich antasten, nicht die unrühmliche Vergangenheit, nicht die heutige, tatsächlich wachsende Ungleichheit und Ausbeutung von allen Lebewesen und natürlichen Ressourcen akzeptieren. Das würde nämlich auch bedeuten, dass man die Produktions- und Machtverhältnisse real ändern müsste, statt das nur rituell in kulturellen Outlets zu performen.

Genauso wie die Royals, seien sie nun real oder selbst erklärt, müsste die herrschende Klasse, auch die liberale, Privilegien abgeben. Nur wenige Leute, wie der Patagonia-Gründer Yvon Chouinard schaffen das. Er gibt sein Outdoor-Imperium im Wert von rund drei Milliarden Dollar an eine gemeinnützige Stiftung ab. Alle Gewinne, geschätzt etwa 100 Millionen Dollar pro Jahr, die nicht wieder ins Unternehmen investiert werden, sollen künftig in den Kampf gegen Erderwärmung und Naturschutz fließen. Für die meisten anderen Corporations und Superreichen genügen Kunst und Philanthropie, die freiwillig und nicht verhandelbar sind. Wie sagte schon Maggie Thatcher in den frühen Eighties: "There is no alternative." Man versucht lieber, dem neoliberalen Hardcore- Kapitalismus, als einzig möglicher und denkbarer Lebensform, ein menschlicheres, progressiveres Gesicht zu geben, während die Mammutjäger-"Game of Thrones"-Story weiterhin alles platt macht.

Wie sehr die Realität auch im etablierten Kunstbetrieb noch von der Tragetaschentheorie entfernt ist, zeigt die Präsentation auf der Biennale in Venedig. In diesen prekären Zeiten wäre der Container, mit dem Nahrung und Geschichten nach Hause getragen werden, wohl nicht mehr ein Blatt oder eine Muschel, wohl eher ein vom Meer angeschwemmter, gefundener Eiscreme-Behälter aus Plastik. Doch auf der Biennale wird Ursula K. Le Guins Netz- und Tragetaschen-Theorie wie in einer High-End-Design-Boutique repräsentiert, mit zarten, minimalistischen Gefäßen von Pionierinnen der Keramikkunst , kunstvoll geflochtenen Reusen und Körben. Sogar ein wunderschönes, mit geometrischen Glasperlenmustern besticktes Täschchen von Sophie Taeuber-Arp ist zu sehen. Das sind wirkliche Entdeckungen, sensibel kuratiert. Doch dabei bleibt die Präsentation irgendwie auch illustrativ, da ist dieser "Bitte packen sie alles ein"–Moment, das unterschwellige Gefühl, theoretisch aufgeladenes Dekor anzusehen.

Der Teufel trägt Balenciaga und liest "Arts of the Working Class". Schaut man sich um, scheint die etablierte Kunstszene fast ausschließlich aus Aktivistinnen und Aktivisten zu bestehen, die alle auf der richtigen, progressiven Seite stehen, außer vielleicht Mathias Döpfner der für die Wiederwahl von Trump gebetet hat. Glaubt man Ausstellungstiteln, Artikeln, Videos, Pressemitteilungen, wird da auch von der herrschenden Klasse permanent gegen Ungleichheit, Rassismus und Sexismus, Klimawandel, digitale Diktatur angekämpft, marginalisierte Leute werden empowert, es wird versucht, die prekäre Situation von Künstlern und Künstlerinnen zu ändern. Alle arbeiten an der Idee einer multiperspektivischen, gemeinsamen Erzählung, an einer gerechteren, nachhaltigeren, radikal neu zu denkenden Zukunft. Die Kunstwelt soll dafür eine Art Labor sein, ein interdisziplinärer Thinktank für Utopien und Dystopien, die woanders nicht entwickelt werden können, nicht in der Politik, Wissenschaft oder Religion.

Währenddessen stören immer wieder sogenannte "Skandale" dieses demokratische Bild. Einzelne prominente Akteure gebären sich erstaunlich rücksichtslos, übergriffig, despotisch wie selbsterklärte Royals, die auf ihre Untertanen pfeifen: Der Star-Galerist und #MeToo-Befürworter, der den Kunstmarkt demokratisiert und völlig neue Geschäftsmodelle entwickelt aber Frauen wie in den Zeiten der Tudors bedrängt, begrapscht und in Klokabinen gedrückt haben soll. Die Erbin, Unternehmerin, Milliardärin und Sammlerin für Medienkunst, der für ihre Sammlung kein noch so politisches Thema zu heiß ist, die Arbeiten zu queerer Ökologie, posthumaner Zukunft, Blackness und weißer Vorherrschaft sammelt sich aber beharrlich weigert, sich kritischer mit der Nazi-Vergangenheit der eigenen Familie auseinanderzusetzen. Und da ist die ehrgeizige Kuratorin, Inbegriff einer progressiven, feministischen Intellektuellen, die angeblich ihre Mitarbeiter ausbeutet. Alle diese Fälle sind nicht wirklich geklärt. Bei vielen Vorwürfen wegen Übergriffen bestehen keine strafbaren Sachverhalte, sie betreffen, selbst wenn dabei wahrscheinlich physische oder emotionale Gewalt im Spiel war, zumindest bislang nur Grauzonen, Hörensagen. Viele Opfer trauen sich aus Angst vor den Konsequenzen nicht zu sprechen. Was diese Vorfälle aber verbindet, ist das Flair der Bigotterie, die extreme Selbstgerechtigkeit und Empathielosigkeit, mit der da vermeintlich vorgegangen wurde. Leute, die eigentlich für Fortschritt stehen, verkörpern ein antiquiertes absolutistisches Weltbild, in dem nichts zählt, außer Status und Repräsentation, die eigene Erzählung, die mit allen Mitteln durchgeboxt wird.

Das steht im diametralen Gegensatz zur immer wieder postulierten Tragetaschentheorie und dem Anspruch, Kunst demokratischer zu machen, dem ständigen Vernetzten, den Worldbuilding-Workshops, dem pseudo-poetischen Donna-Haraway-Sprech.  Es gibt da dieses schöne englische Wort, "Self-Entitlement", was auf Deutsch so etwas wie "Anspruchsdenken" bezeichnet, die Idee, dass einem etwas zusteht, man es sich nehmen kann, aufgrund von Klasse, Status, Leistung, Vermögen. Und die anderen haben dafür zu sorgen, dass man die privilegierte Behandlung ohne lange Wartezeiten bekommt, Kaffee, Blowjobs, Flüge, Kunstwerke, Ausstellungskonzepte, die Sachen aus der Reinigung, die gesäuberte Biografie, den Sitz im Museumsboard und in der 1. Klasse.

Lustigerweise hat Candice Breitz, eine der prominentesten Berliner Künstlerinnen, erst vor ein paar Tagen den Begriff "Berlin Monarchy" geprägt. Da kommt einem doch auch gleich das Chateau Royal in den Sinn, der Hotelableger des Grill Royal, der richtige Ort also für die Berlin Monarchy, das neue Camelot der Kunstwelt für angebliche Schraubenfabrikanten und Sammlerinnen, die in Wirklichkeit aber Menschenrechts- und Klimaaktivistinnen sind. Zu dieser Chateau-Kultur gehört auch, dass man Experte für eigentlich alles ist, mit dem man sich befasst.

Man besitzt Kunst nicht nur, sondern vermittelt sie auch, verkörpert sie, mit allem was dranhängt. Man ist auch Experte für Malereigeschichte, Diskurse, Marktgeschehen, Geopolitik, Gentechnik, vergangene Subkulturen, Schamanismus, Regenwald, diesen süßen kleinen Imbiss in Hanoi, diese Trans-Künstlerin, wie hieß sie noch. Und natürlich auch für das eigene schlechte Benehmen. Wenn ich es nicht persönlich erklären kann, schicken Ihnen meine Assistentin oder mein Anwalt gerne etwas zu.

Das Engagement für Kunst mit Deutungshoheit verbunden über die eigene Geschichte und die der Anderen. In der Arte-Doku "Ist das Kunst?" gibt es dazu ein aufschlussreiches, beinahe kannibalistisches Statement. Eine bekannte Berliner Sammlerin sagt da: "Deine Sammlung bist ja du. Wenn du sammelst, ist ja das, was an deiner Wand hängt, das, was du in deinem Kopf hast." Das ist ein schöner Gedanke, dass aktuelle Kunst Menschen transformiert, umdenken lässt, quasi selbst zu Künstlern macht. Doch mit diesem Akt der Aneignung stimmt offensichtlich etwas nicht.

Das zeigten schon vor Jahren die Skandale um Trustees, Direktoren und Stifter: Nan Goldins "Die-In"-Proteste gegen die Sackler-Familie etwa, die zu den größten Förderern von Museen wie dem New Yorker Guggenheim oder dem Louvre gehörten und gleichzeitig mit dem von ihnen produzierten Schmerzmittel die Opioid-Krise in den USA auslösten und Milliarden daran verdienten. Die Sacklers wurden von der von Goldin mitbegründeten Grupppe "Pain" (Prescription Addiction Intervention Now) aus allen großen Museen verdrängt, gerade erst gewann Laura Poitras Filmdokumentation zu Goldins Kunst und Aktivismus den Goldenen Löwen bei den Filmfestspielen in Venedig. Dann war da der Rücktritt von Yana Peel, der Geschäftsführerin der Londoner Serpentine Galleries, die das Haus als "Safe Space for Unsafe Ideas" bezeichnet hatte, bei der Vergabe von Preisen für Meinungsfreiheit als Jurymitglied mitwirkte und Anteile an einer israelischen Firma für Spyware hat, mit denen autoritäre Regime Dissidenten ausspionieren. Warren Kanders, der im Board des Whitney Museums saß und mit seinen Firmen Tränengas produzierte, das gegen Migranten eingesetzt wird. Erst dachte man, die Künstler und Künstlerinnen wachen auf und folgen dem Geld. Die Welle von Skandalen um Menschen, die sich in der Kunstwelt als Philanthropen und Aktivisten präsentierten, aber gleichzeitig wie die Mammutjäger skrupellos ihre eigenen, diametral entgegengesetzten Interessen verfolgten, ebbte dann in der Corona-Welle scheinbar etwas ab. Aber schon die erfolgreiche, von Berliner Künstlerinnen, Künstlern und einem Bündnis von Gruppen geführte Boykott-Kampagne gegen Walter Smerlings private Kunsthalle in den Hangars des Flughafens Tempelhof zeigte, dass diese Proteste nicht aufhören, nicht aufhören dürfen.

Sie treffen heute, nur wenige Jahre nach ihrem Aufflammen, jedoch auf eine veränderte, durch Corona, Klimakrisen, Krieg und Inflation noch weiter zermürbte Gesellschaft. Und auf eine immer stärker werdende kulturelle Starre, die der britische Kulturtheoretiker Mark Fisher vor einigen Jahren treffend als "hedonistische Depression" bezeichnet hat. Es gibt keine Zukunft mehr, sie ist uns abhandengekommen. Heute ist es einfacher, sich das Ende der Welt vorzustellen als das Ende der Wirtschaftsordnung, lautet Fishers Diagnose. Ausdruck dafür ist eine kulturelle Endlosschleife, in der etwa in der Popmusik, in Kunst und Kultur, aber auch im Denken, in der quasi alles retro ist, nichts mehr neu erscheint. Zu den Phänomenen dieser hedonistischen Depression gehören die ständige Sucht nach Genuss und Zerstreuung, das ständige Online-Sein, die Unfähigkeit, sich ohne Ablenkung und dauernde Vernetzung zu langweilen oder Kreativität zu entwickeln. Dieser Zwang, so Fisher, bringt außerdem so etwas wie eine Nicht-Zeit“ hervor, die ihre Analogie in monofunktionalen, identitätslosen öffentlichen Räumen, etwa Einkaufszentren, Bahnhöfen findet, Dabei suchen die Utopien und Zukunftshoffnungen vergangener Pop- und Subkulturen, gescheiterte, vergangene Ideologien die Gegenwart wie Geister heim jetzt, das füge ich mal schnell hinzu, gehören auch noch indigene Kultur und Wissen zu diesen Gespenstern des neoliberalen Kapitalismus, die in den nächsten Jahren westliche Ausstellungshallen füllen werden. "Hauntology" nennt Fisher das. Und beschreibt eine Kultur, die gar nicht mehr in der Lage ist, die Gegenwart adäquat zu beschreiben.

Hedonistische Depression, das sind Paddington und die Queen, die Hobbit-Helden-Endzeit-Sagas, die massenhaft gestreamt werden. Hedonistische Depression, das ist die Toxic-Waste-Show von Balenciaga, bei der Kanye West mit anderen prominenten Models in Sicherheitskleidung durch eine dystopische, schlammige Endzeitlandschaft stapft, mystisch wie in "Blade Runner" oder Tarkowskis "Stalker", während Millionen von Haushalten ganz unfuturistisch Essen und Geld ausgeht. Hedonistische Depression, das ist diese ständige Botschaft, dass soziale Netze und Demokratien zerfallen, weil irgendeine natürliche Ordnung aus dem Gleichgewicht geraten ist und das nur starke, durchsetzungsfähige Personen, Oligarchen, Royals, Genies, wieder in Ordnung bringen können. Hedonistische Depression sind Chateaus, Palais, Stadtschlösser, historische Bauten, die zu experimentellen Kunst- und Kulturlaboren umgebaut werden, in denen genau die Leute an der Zukunft forschen, die sie gleichzeitig mit ihrem Egoismus und ihrer Gier kaputtmachen. Hedonistische Depression, das ist der Versuch der herrschenden Klasse, sämtliche Erzählungen, die gerade entstehen, zu verwalten und in Geister zu verwandeln, damit es irgendwie so privilegiert weitergeht wie bisher. Einfach nur deprimierend sind die Galeristen und Kuratoren, die jetzt in den Amazonas reisen, um neue indigene Künstlerinnen als Nachschub zu holen, ohne ihre eigene Rolle für eine Sekunde zu reflektieren.  

Doch was kann man dagegen tun? Wir können einfach mal anfangen, Ursula K. Le Guin ernst zu nehmen, die Notwendigkeit einer neuen, kollektiven Erzählung zu begreifen. Dafür bräuchten wir Museen, Institutionen, Orte und Ereignisse, die auch wirklich Container sind. Die vielleicht gar nicht so gescheiterte, schwierige, unlösbar verhedderte Documenta war nur der Vorbote für eine ganze Welle von unangenehmen, dringlichen Debatten, die auch systemische Änderungen zur Folge haben werden. Wir können aufhören, dem Personenkult zu folgen, der alles zur Privatsache erklärt: arm sein, reich sein, Herr über das Chateau. Niemand hat seine Karriere und sein Chateaus alleine erbaut. Sie werden von Heerscharen von Mitarbeitern unterstützt, die erstaunlicherweise nur in Fällen von Übergriffen und Missbrauch öffentlich wahrgenommen werden. Vielleicht sollte ihre Geschichte jetzt endlich mal in die Tragetasche, ihr Anteil an dem Werk oder der Institution, die Unterdrückung, die sie erfahren. Aber auch die Schattenseiten der Story: Die Ausbeutung von Praktikantinnen findet genauso in Projekten statt, die sich gegen Ungleichheit und Ausbeutung in der Kunst einsetzen. Dass dies noch kein handfester Skandal ist, liegt nur wieder daran, dass es für juristische Konsequenzen nicht richtig reicht, die Quellen Angst haben, oder nicht zuverlässig sind. Natürlich wartet da schon wieder die nächste Liga des Self-Entitlements, Nachwuchskuratorinnen, aufstrebende Künstlern, die schon von Anfang an versuchen, ihre Geschichte zu kontrollieren, wie ausgewachsene Royals.

Wir sollten damit aufhören, bestimmte Akteure nach dem Daumen-hoch-Daumen-runter-Prinzip zu feiern oder zu verteufeln. Wir können den Gedanken aufgeben, es gebe gute und schlechte Menschen im Kunstbetrieb, und wenn es mehr Lichtelben wie Candice Breitz oder Hito Steyerl gäbe und weniger Orks wie Johann König oder Walter Smerling, würde der Laden schon laufen. Der Laden ist kaputt und läuft nur noch, weil alle aus unterschiedlichen Gründen versuchen, ihn zu fixen, sich ständig mit hedonistischer Depression betäuben, um das zu verklären und ihre Ängste zu überwinden. Es gibt sicher auch einige, die einfach nur korrupt, narzisstisch oder völlig gefühlskalt sind. Alle anderen leiden, weil sie spüren, dass die Shit-Show immer schlimmer wird und wir alle Teil davon sind. Wir müssen also nüchterner werden, uns der Realität öffnen. In jedem Zwölf-Schritte-Programm steht am Anfang der Heilung die Kapitulation. Wir müssen damit aufhören, zu versuchen, auf der richtigen Seite zu stehen, immer weiter eine unhaltbare Situation zu halten. Wir müssen uns eingestehen, dass wir machtlos sind und Hilfe brauchen, eine andere Macht, als die des Kunstsystems. Hier ist ein Ring der Ohnmacht, setze ihn auf, wirf deine Story in die Tragetasche und beginne zu heilen.