Neurologische Studie

Reagieren Künstlerhirne anders auf Geldanreize?

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Ist Menschen, die sich für einen kreativen Beruf entscheiden, Geld nicht so wichtig? Das legt eine neue neurowissenschaftliche Studie der Universität Göttingen nahe. Ein Kommentar

Die "Selbstausbeutung" der "Lumpenintellektuellen", das "Elend der Projektemacher" im "Kreativghetto" – die Kritik prekärer Arbeitsverhältnisse von Künstlern braucht offenbar ein markiges Vokabular, das sich an den Klassenkampf des 19. Jahrhunderts anlehnt. Denn allzu ausgeglichen wirken kreative Dienstleister in den Ateliers, auf Eröffnungen, beim Bier oder in Cafés vor hübschen Laptops, den alten Boheme-Traum neu interpretierend. Arm, aber happy? Da stimmt was nicht.

Forscher können inzwischen mit Neuroimaging ziemlich gut sichtbar machen, wie das menschliche Nervensystem auf Belohnung reagiert. Warum also nicht einmal Künstler und Nicht-Künstler daraufhin untersuchen, wie ihr Gehirn bei Ablehnung und Annahme von Geldgeschenken reagiert, dachten sich Wissenschaftler der Universität Göttingen. Roberto Goya-Maldonado und sein Team haben dazu Probanden ins Labor geladen und einen Versuch gestartet. Hier berichte ich auf Detektor.fm über die Studie und deren Ergebnis:

Künstler zeigten sich also gleichgültiger gegenüber finanziellen Anreizen: Während bei den Zahnärzten und Versicherungsvertretern auch schon kleine Scheine große Dopaminfeuerwerke auslösten, blieb es in den Kreativgehirnen eher ruhiger. Das Ergebnis bestätigt frühere Umfragen. Aber heißt das nun, dass einer Kritik der prekären Situation von Kreativarbeitern obsolet ist und nur den Mythos vom leidenden Künstler neu belebt? Dass Künstler sich selbst in unsichere Lebenszusammenhänge manövriert haben, weil sie gerne un- und unterbezahlt arbeiten – also im klassichen Gewerkschaftsvokabular "Lohndrücker" sind? Oder ist gerade die Gleichgültigkeit gegenüber Geld die wahre Freiheit?

"Eigenblutdoping" nannte Kulturtheoretiker Diedrich Diederichsen in seinem gleichnamigen Buch den Antrieb des Kreativen. Der Trick: das "blöde Selbst, mit dem es identisch zu sein gilt, immer wieder und in immer höheren Dosierungen ins Blut jagen". Der Künstler stellt permanent Sinn her in einem Werk, in dem sein "Selbst" steckt, ein Produkt also, das nicht "entfremdet" sein kann.

Der neurologische Nachweis der Wirksamkeit solchen "Eigenblutdopings" steht allerdings noch aus. Bis dahin beleuchtet die Göttinger Studie, die bereits im April in einer Fachzeitschrift erschienen ist, aber erst jetzt von Kunstmagazinen aufgegriffen wird, den biologischen Aspekt eines sozialen Missstands, der kulturpolitisch angegangen werden muss. Dass Künstler sich nicht um Geld kümmern und ein Beispiel geben für vermeintlich nicht-entfremdete Arbeit, macht nicht nur ihre Kunst, sondern sie selbst so attraktiv für eine Gesellschaft, die sich um Geld dreht, und die sich gerade deshalb Künstler leisten und anständig bezahlen sollte. Dieses Paradox könnte man auch so ausdrücken: Künstler müssen gerade dafür bezahlt werden, dass sie nicht bezahlt werden wollen.

Die Künstler hingegen müssen sich organisieren, neuronale Disposition hin oder her. Sonst werden sie weiter als Avantgarde der Selbstausbeutung und untragbarer Flexibilitätsanforderungen betrachtet. Bei anderen Berufen erzeugen prekäre Bedingungen vernünftigerweise Unzufriedenheit, die sich gewerkschaftlich verwerten lässt. Bei Künstlern passiert das in viel geringer Weise, wie Umfragen zeigten.

Aber eins ist klar: Wenn irgendwann die Anerkennung, die Stipendien, Aufträge ausbleiben und dem Künstler selbst nicht mehr der Sinn der eigenen Arbeit einleuchtet, dann rutscht er oder sie in viel prekärere Verhältnisse ab als andere Berufgruppen. Man mag der Nachwelt große Meisterwerke hinterlassen, aber jemandem, der an seiner Außenseiterrolle irre wird, nutzt das herzlich wenig.

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