Bern

Knapp zehn Jahre nach Gurlitt-Fund: Museum gibt Werke zurück

Otto Dix "Dompteuse", 1922 (l.), "Dame in der Loge", 1922
Foto: Mick Vincenz/Kunstmuseum Bern, Legat Cornelius Gurlitt 2014, Provenienz in Abklärung, Lost Art-IDs 477893 und 477895/dpa

Otto Dix "Dompteuse", 1922 (l.), "Dame in der Loge", 1922

Vor knapp zehn Jahren machte die Staatsanwaltschaft in einer Schwabinger Wohnung einen Sensationsfund: Hunderte Kunstwerke wurden dort gefunden, teils wertvoll, teils von dubioser Herkunft. Und auch nach einem Jahrzehnt macht die Sammlung Gurlitt noch viel Arbeit

Fast zehn Jahre ist es jetzt schon her, dass die Staatsanwaltschaft in einer unscheinbaren Münchner Wohnung einen Sensationsfund machte: Hunderte Bilder, teils wertvoll, teils unter Raubkunst-Verdacht. Ein Jahr später machte die Sammlung von Cornelius Gurlitt weltweit Schlagzeilen.

Kurz vor dem Jahrestag dieser spektakulären Entdeckung gibt das Kunstmuseum Bern nun weitere Werke aus der umstrittenen Sammlung zurück - und stellt den kompletten Nachlass online. "Das Kunstmuseum Bern gibt das Eigentum an Werken mit ungeklärter Provenienz auf", teilte das Museum am Freitag mit.

Zwei Werke von Otto Dix sollen an die Erben der ursprünglichen Besitzer restituiert werden. Dabei handelt es sich den Angaben zufolge um die Aquarelle "Dame in der Loge" und "Dompteuse", beide aus dem Jahr 1922. Die "Taskforce Schwabinger Kunstfund", die eingerichtet wurde, um die Gurlitt-Werke zu untersuchen, habe zwar "zu keinem abschließenden Ergebnis" geführt. Dennoch solle nun die Rückgabe an die Erben der früheren Besitzer erfolgen.

Fünf Bilder für die BRD

Fünf weitere Bilder will das Museum der Bundesrepublik Deutschland übergeben. Bei ihnen fehlen nach Museumsangaben zwar "Beweise für NS-Raubkunst", sie zeigten aber Hinweise darauf oder "auffällige Begleitumstände". 22 weitere Werke, auf die das ebenfalls zutreffe, sollen zunächst in Bern bleiben und dort weiter erforscht werden.

Anfang 2012 hatte die Staatsanwaltschaft Augsburg Hunderte Werke in Gurlitts Schwabinger Wohnung beschlagnahmt. Ein Jahr danach wurde der Fund öffentlich und sorgte für Aufsehen und eine hitzige Debatte über den Umgang mit von den Nationalsozialisten geraubten Kunstwerken in Deutschland. Denn Gurlitts Vater Hildebrand war einer der Kunsthändler Adolf Hitlers.

Nachdem der Fund bekannt geworden war, wurde sogar noch weitere Kunst in Gurlitts Salzburger Haus gefunden. Das Konvolut umfasst insgesamt rund 1600 Werke. 14 Werke aus der Sammlung - von Künstlern wie Henri Matisse, Max Liebermann, Thomas Couture oder Adolph von Menzel - konnten bislang eindeutig als NS-Raubkunst identifiziert werden. Als Gurlitt 2014 im Alter von 81 Jahren starb - ohne seine geliebten Bilder noch einmal gesehen zu haben -, vermachte er seine Sammlung dem Kunstmuseum Bern, das nun jahrelang daran geforscht hat.

Neue Kategorie für die "Provenienzampel"

2017 wurde am Kunstmuseum Bern dann eine Abteilung für Provenienzforschung eingerichtet. Seit 2017 erforscht sie die Werke des Konvoluts, die von den Nationalsozialisten als sogenannte "Entartete Kunst" diffamiert wurde. Seit 2019 arbeitet das Museum mit der Forschungsstelle "Entartete Kunst" an der Universität Hamburg zusammen.

Mit der Bundesrepublik einigte sich das Museum nach Bekanntwerden des Testamentes auf eine sogenannte Provenienzampel, die die Werke je nach Raubkunst-Verdacht per Farbcode einordnet. An "roten" Kunstwerken, die als NS-Raubkunst identifiziert werden konnten, hat das Kunstmuseum Bern das Eigentum schon aufgegeben. Jetzt folgen die aus der vom Museum neu formulierten Kategorie "Gelb-Rot". Für diese gilt nach Museumsangaben: "Die Provenienz zwischen 1933 und 1945 ist nicht abschließend geklärt, sie weist Lücken auf."

Das Museum hat den gesamten Nachlass Gurlitt neu dokumentiert und in eine Online-Datenbank gestellt, in der auch alle neuen Forschungsergebnisse veröffentlicht werden sollen. Für Herbst 2022 ist eine umfangreiche Ausstellung zum Nachlass Gurlitt geplant, wie das Museum mitteilte. "Der Umgang mit dem Erbe von Cornelius Gurlitt war und ist für das Kunstmuseum Bern eine riesige Herausforderung", sagte Museumsdirektorin Nina Zimmer. "Wir haben noch viele weitere Aufgaben vor uns."