Künstler Sven Johne über Ostdeutschland

"Wir werden auch im satten Westen heftigste Umbrüche erleben"

Der Künstler Sven Johne beschäftigt sich mit ostdeutschen Zuständen, aktuell in einer Ausstellung in Magdeburg. Wir haben mit ihm über unverarbeitete Erfahrungen der DDR und Nachwendezeit gesprochen, die immer noch die Gegenwart prägen

Sven Johne, in Ihrer Arbeit haben Sie sich immer wieder mit Ostdeutschland und Ihrer eigenen ostdeutschen Identität auseinandergesetzt. Warum ist das für uns, die wir bei der Wiedervereinigung junge DDR-Teenager waren, immer noch ein Thema?

Zunächst würde ich behaupten, dass wir uns wahrscheinlich erst seit der Wende "ostdeutsch" fühlen, vorher war das irgendwie diverser: Land, Stadt, Region, Sportverein, irgendwas. Mit den Erfahrungen der unmittelbaren Nachwendezeit, also den großen sozialen, kulturellen, politischen Umbrüchen, gab es plötzlich ein stark verbindendes Element. Dieser Schock ist Teil der Familiengeschichte geworden, fast jede und jeder war davon betroffen. Ich bin fast geneigt, von einem Nachwende-Trauma zu sprechen, ein Trauma, das durch Erzählungen tradiert wird. Zumindest erlebe ich es so in meinen Recherchen: Nachwende-Kinder, die von ihren Eltern hörten, wie ganze Leben abgewickelt wurden. Das sitzt tief. Ich habe mal von einem Experiment eines Soziologen gehört: Er hat westdeutsche Jugendliche, die sich nicht kannten, eine halbe Stunde miteinander sprechen lassen. Danach sollten sie sagen, was sie verbindet. Da gab es wenig: Der eine hört Hip-Hop, die andere ist Skaterin, der eine mochte diesen Fußballverein, die andere jenen. Dann wurde dieses Experiment mit Ostdeutschen wiederholt, die sehr schnell gemerkt haben, dass sie alle Ostdeutsche sind, und genau das haben sie auch als verbindendes Element formuliert.

In den 90ern in Ostdeutschland jung gewesen zu sein, hat sich ziemlich von einer Westjugend unterschieden: Staatsgewalt und Zivilgesellschaft waren noch nicht neu formiert, rechte Gewalt prägte das Leben vieler Jugendlicher.

Ich habe das so empfunden: Ich war 13, 14 Jahre alt und plötzlich stellten unsere Lehrer keine echte Autorität mehr dar. Es war alles falsch, was bis dahin gelehrt wurde. Das Schlimme war, dass sie das auch selbst glaubten, auch der Mathematiklehrer. Und dann natürlich die Eltern. Saßen plötzlich daheim, ohne Arbeit, kleingemacht, weggeschickt von jungen Typen in komischen Anzügen. Sie waren in der Folge völlig mit sich selbst beschäftigt, um wieder auf die Beine zu kommen. Und so kam es dann wohl auch, dass sich viele Jugendliche neue "Autoritäten" suchten, und das waren dann eben auch diese Kameradschaften. Bei uns in der Provinz hatten über Nacht einige eine Glatze. Dann wurde es ungemütlich. Ich musste als Zecke plötzlich auf dem Weg zur Schule aufpassen. Die Polizei war entweder blind oder überfordert. Rechte Gewalt? Nicht bei uns ... So habe ich diesen Strukturwandel erlebt. Ich fand's zwar damals super, dass das Walzwerk nicht mehr stinkt, aber ich habe eben auch was auf die Fresse bekommen. Wenn ich meine Eltern in der sachsen-anhaltinischen Provinz besuche, schwingt das immer mit. Ich muss sagen: Bin nicht gern dort. Und sie und überhaupt ihre Generation sitzt mufflig da. Da müssen wir ran. Die Frage ist: Warum ist eine ganze Generation so verbittert?

Ja, warum?

Weil "Aufbau Ost" für sie nun einmal das genaue Gegenteil bedeutete. Da wurden zwar schöne Straßen gebaut und Innenstädte saniert, aber am allermeisten wurde eben abgebaut: Werkhallen, Kultureinrichtungen, Kindergärten, Wohnhäuser, Jobs. "Aufbau Ost" war auch eine heftige Abrissbirne. Drei Jahrzehnte nach der Wiedervereinigung ist es ziemlich leer dort. Keine Züge, kein Internet, keine Ärzte. Dafür Gebietsreformen. Dafür eine schlanke Verwaltung für die neuen Großkreise. Die Kreisstadt, die Verwaltung, die Politik plötzlich weit weg, wurde abstrakt, wurde zu "die da oben". So sieht es aus, wenn der Staat sich zurückzieht, wenn alles einer Kosten-Nutzen-Rechnung unterzogen wird.

Viele Ostdeutsche aus der Generation unserer Eltern, aber auch viele in den 60er-Jahren in der DDR Geborene haben einen Schwenk nach rechts gemacht.

Was immer auch "rechts" heißt. Wenn man mehr Staat oder staatliche Fürsorge einfordert, weil man sich allein gelassen fühlt, ist man sicher noch kein Rechtsradikaler. Wenn die Bahn nicht mehr hält und der Bus nicht mehr fährt, wenn es keine Polizei und keine eigene Bürgermeisterin mehr vor Ort gibt, dann sollte man das langsam mal ernst nehmen. Da wohnen ja Wählerinnen und Wähler ... Denn es gibt tatsächlich den Versuch, von diesem Frust politisch zu profitieren. Ich habe das selbst in einer ostdeutschen Stadt erlebt: Da standen vielleicht tausend Leute auf einer Demo und vor ihnen reden ein erwiesenermaßen rechtsradikaler Akteur. Der fragt rhetorisch: Haben wir nicht mehr gemein mit den Polen und Tschechen, als mit diesen Wessis? Diese Wessis, die damals mit "Buschzulage" rüberkamen und den Ossis erklärten, wie die Welt zu funktionieren hat. Und jetzt, nach so langer Zeit kommen sie wieder und stellen euch Flüchtlingsheime für eine Millionen Syrer hin. So ungefähr lief das ab auf dieser Demo. Und dann haben sie gemeinsam gesungen: "Die Gedanken sind frei, niemand kann sie erraten!" Und dann brummelten die Leute da mit, etwas unangenehm schien es ihnen schon, aber Wahnsinn: dieser Zusammenhalt! Es scheint mir, als würde man ganz geschickt eine homogene Gemeinschaft à la DDR glorifizieren.

Dabei ziehen Rechte gerne Parallelen zum DDR-Regime, Stichwort "DDR 2.0", aber sicher spielen bei dem Frust auch Erfahrungen an die Nachwendezeit eine Rolle, als viele neue Strukturen vom Westen übernommen werden mussten.

Thomas Oberender sprach in seinem Buch "Empowerment Ost" von einer "kolonialen Matrix". In den frühen 90er-Jahren besteht diese Matrix aus der Übernahme in der Wirtschaft, der Kontrolle der Behörden, der Steuerung der Öffentlichkeit, der Medien, aus der Gestaltung der Bildung. Das Problem ist nun, dass sich diese Matrix bis heute erhalten hat. Alle Zahlen beweisen das: Ostdeutsche sind in allen Bereichen auch 30 Jahre nach der Wiedervereinigung deutlich unterrepräsentiert. Suchen Sie mal ostdeutsche Museumsdirektoren, Bundesrichter oder Firmenchefs. Es gibt nur sehr, sehr wenige. Andersherum müssen wir auch aus der ewigen Opferecke raus. Es muss darum gehen, mit einem neuen Selbstbewusstsein aufzutreten. Die Ostdeutschen haben nach dem Krieg einen Wiederaufbau ohne Marshallplan bewerkstelligt, sie haben ein Regime gestürzt und in der Folge einen Strukturwandel-Tornado überstanden.

Die Opferrolle ist die verführerischere Erzählung. Kann die Kunst etwas gegen einseitige Betrachtungsweisen ausrichten?

Vielleicht kann die Kunst da tatsächlich einen Beitrag leisten, indem sie für bestimmte Zustände sensibilisiert. Ich kann aber nicht für "die Kunst" sprechen, ich rede lieber von meiner eigenen Arbeit. Ich beschäftige mich seit 2004 mit dem Osten. Ich fahre übers Land, mache meine Feldforschungen. Ich habe damals, 2004, angefangen kurze Zeitungsartikel zu sammeln von Typen, die austicken: Brandstifter, Waldgänger, Reichsbürger. Damals dachte ich: Wow, Freakshow! Dann wurden das immer mehr von diesen Meldungen und ich dachte: Da braut sich was zusammen. Das gehört in ein größeres Bild, in einen größeren Zusammenhang. Und genau das sind auch die Auswüchse dieser neoliberalen Schocktherapie. Wir haben ja lange gedacht, dass die Leute brav CDU wählen oder eben apathische Nichtwähler bleiben. Das ist nicht mehr so. Tragischerweise wird nun die AfD von vielen im Osten als Interessenvertretung empfunden ... Aber zurück zu Kunst: Ich bemühe mich, keine Didaktik zu produzieren. Auch ist es wichtig zu wissen, dass dieser Strukturwandel überall in der westlichen Welt stattfindet, von einer Industriegesellschaft hin zu einer Dienstleistungsgesellschaft, in unterschiedlichen Ausprägungen. Im Osten war das halt sehr radikal und schnell. Aber meine Arbeiten können genauso im Rust Belt oder in Großbritannien gelesen werden. Dort gibt es die Erfahrungen mit Margret Thatcher. Und am Ende stand dort der Brexit.

Ihr jüngster Film "Meridian" erzählt die Geschichte eines Vaters, der aufgrund seiner Tätigkeit als Dissident in der DDR seine Familie verlässt und auch nach der Wende nichts mehr mit dem Sohn zu tun haben will. Der Vater wird zum rechten Parteifunktionär. Hier erzählen Sie ganz klar den Bruch zwischen den Generationen.

Ja, das ist eben der Bruch zwischen "Daheimgeblieben" und "Fortgegangenen", zwischen Lokal und Global. Zwischen Provinz und Metropole. Da wurden eben ganz unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Interessant ist nun natürlich der Aspekt, sich in der rechten Ecke die Wunden lecken zu lassen.

Eine Reihe prominenter DDR-Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler arbeiten heute im Pegida- und AfD-Umfeld. Der Werdegang von Vera Lengsfeld ist wohl das bekannteste Beispiel dafür.

Vera Lengsfeld war eine wichtige Quelle für den in "Meridian" erzählten Vater-Sohn-Konflikt. Lengsfeld kommt aus einem orthodoxen SED-Haushalt, der Vater ein Major des MfS. Lengsfeld wird selbst SED-Mitglied, gerät jedoch früh in Konflikt mit der Partei. Sie wird ausgeschlossen und fortan engagiert sie sich in oppositionellen Gruppen. 1988 wird sie auf der Liebknecht-Luxemburg-Demo verhaftet. Sie ist eine sehr wichtige und wirkmächtige Oppositionelle. Es ist folgerichtig, dass sie nach der Wende für Bündnis90/Grüne in den Bundestag einzieht. Da tritt sie dann jedoch aus, als es erste Kooperationen der Bündnisgrünen mit der Nachfolgepartei der SED, der PDS, gibt. Sie wird CDU-Mitglied, als solche Direktkandidatin bei mir im Prenzlauer Berg. Sie holte das schlechteste Ergebnis aller CDU-Kandidatinnen und -Kandidaten. Und dann war irgendwie der Ofen mit ihr und der CDU aus. Und dann wurde die Merkel-CDU immer mehr SPD-like. Und dann kam das Jahr 2015. Und plötzlich findet sich diese "Ausgestoßene" im AfD-Umfeld und den "Neuen Rechten" wieder. Und dort versammeln sich ja so einige ehemalige Dissidenten und Bürgerrechtler. Vielleicht weil sie nie wirklich im bundesrepublikanischen Politikbetrieb Fuß fassen konnten. Es übernahmen westdeutsche Berufspolitiker, sprachgewandt und gut vernetzt. Und DDR-Oppositionelle beharrten oft auf Maximalforderungen. Nur funktioniert Politik eben anders. Es gibt eine kleine Gruppe von Bürgerrechtlerinnen, die hat sich durchgeboxt im Betrieb, und eine andere Gruppe, die ist draußen.

Und die Ausgestoßenen driften dann nach rechts?

Der Hallenser Psychoanalytiker Hans-Joachim Maaz beschreibt es ungefähr so und ich gebe es nur stümperhaft wieder: Dissidenten, Oppositionelle sind fast immer auch Narzissten, so wie auch "genialische" Künstler oder "ehrgeizige" Unternehmer. Tief im Innersten sind sie getrieben von großer Selbstunsicherheit, sie brauchen immer einen großen Gegner. Erst in und an dieser Gegnerschaft können sie sich selbst erhöhen und aufbauen. In einer offenen Gesellschaft ist vielleicht die größte Gegnerschaft das gesamte Establishment, dem man jetzt entgegentritt: Ja, ich wähle AfD. Und plötzlich hast du wieder einen übermächtigen Gegner und auch wieder ein Publikum, ein neues Publikum. Man darf nicht vergessen: 2010 sprach Merkel von der "Alternativlosigkeit" ihrer Politik, 2013 gründete sich die "Alternative" für Deutschland.

Warum verweigert der Vater in "Meridian" seinem Sohn die gemeinsame Aufarbeitung der Vergangenheit?

Dieser Punkt betrifft ja meine eigene Geschichte. Mein leiblicher Vater verschwand über Nacht. Er war einfach weg. Zwar gab es vorher Streit mit meiner Mutter, aber die genaueren Umstände des Verschwindens kannte ich nicht. Erst nach der Wende hatte ich die Möglichkeit, ihn zu kontaktieren. Und da schrieb er mir in kurzen, bösen Sätzen, was damals geschah. Er hatte als Offizier der NVA unerlaubten Kontakt zu seiner in die BRD ausgereisten Schwester. Die Stasi nahm ihn ins Visier. Der entscheidende letzte Hinweis kam von meiner Mutter. Mein Vater wurde abgeholt und kam nach Schwedt ins Militärgefängnis. Er teilte mir auch mit, dass er keine alten Wunden aufreißen möchte. Einen zweiten Brief von mir schickte er ungeöffnet zurück. Dieser Mann, mein Vater, scheint sehr verbittert. Aber im Film schwingt ja vielleicht auch die Enttäuschung der Bürgerrechtlerinnen und Bürgerrechtler mit, ich hatte es ja schon beschrieben: Niemand wollte sie haben. Reformierte DDR? Demokratischer Sozialismus? Übergangsweise eine Konföderation aus zwei deutschen Staaten? Alles zu kompliziert.

Das lag vielleicht auch daran, dass bei der ersten freien Volkskammerwahl im März 1990 Millionen von Wahlkampfgeldern von den etablierten Westparteien in den Osten flossen und westdeutsche CDU- und SPD-Größen im Osten Wahlkampftauftritte hatten.

Ja, genau so war das. In der "Süddeutschen" las ich, dass zum Auftritt Helmut Kohls in Dresden 1989 Deutschlandfahnen verteilt wurden. Fahnenschwenken konnten die Ossis ja gut. Und Kohl hatte ein gutes Argument mitgebracht: die Aussicht auf baldigen Konsum für alle und eine harte Währung. Genau das wollte die Mehrheit. Und das ist eben die andere Seite dieses noch heute wirkenden Einheitsschmerzes, dieser nicht vollzogenen deutschen Einheit: Niemand hat diese Leute in Dresden gezwungen, die bundesdeutsche Flagge zu schwenken.

Der deutsch-deutsche Kunstbetrieb ist von westdeutsch sozialisierten Menschen geprägt. So durften seit 1990 nur zwei in der DDR geborene Künstler Deutschland auf der Kunstbiennale von Venedig repräsentieren. Warum ist das so?

Da ist es doch im Kunstbetrieb nicht viel anders als im universitären Betrieb, in der Wirtschaft, in der Justiz: Es tauchen einfach viel zu wenig Ostdeutsche auf im Verhältnis zur Bevölkerung. Ich las kürzlich von 1,5 Prozent Professorinnen und Professoren mit ostdeutschem Background – in Gesamtdeutschland. Da musste ich echt schlucken. Es gibt 81 Unis in Deutschland. Kein einziger Rektor kommt aus Ostdeutschland. Ist das Desinteresse, Ignoranz, Angst? Ist das Ausdruck eines westdeutschen Klüngels? Oder ist das alles nur Zufall? Ich bin echt ratlos. Und noch mal zur Kunst: Wer kann es sich denn leisten, Kunst zu studieren? Meine Eltern haben mir jedenfalls einen Vogel gezeigt. Auch ein Künstlerleben muss man sich leisten können. Ich freue mich für viele meiner Kolleginnen und Kollegen im Betrieb, die entspannter als ich sein können. Es gibt dort in schlechten Zeiten immer noch die Familie, immer noch ein über Jahrzehnte aufgebautes Vermögen. Aber keiner meiner ostdeutschen Freunde kommt aus einer solchen Familie. Das ist kein Neid, es ist eine nüchterne Feststellung.

Die Höhe des vererbten Vermögens unterscheidet sich stark in Ost und West, da der private Vermögensaufbau im Osten nur eingeschränkt möglich war und die Ungleichheit auch nach der Wende durch Erbschaften von Generation zu Generation weitergetragen wird.

So ist es. Das antworte ich auch immer, wenn wieder jemand sagt: Habt "ihr" da drüben aber schön sanierte Innenstädte. Görlitz, Leipzig, wunderbar! Ja, stimmt. Aber diese schicken Gründerzeithütten gehören nicht den Menschen, die da wohnen. Die hatten kein Kapital, was zu kaufen. Und deren Kinder können auch heute keine Wohnung zur "Alterssicherung" kaufen. Die Zahlen beweisen es.

Was könnte der deutsch-deutsche Kunstbetrieb gewinnen, wenn Kunst von in der DDR-geborenen Menschen präsenter wäre?

Na ja, diversity ist ja in aller Munde. Vielleicht muss man eine weitere Kategorie eröffnen. Mir geht’s aber nicht um Quoten. Es geht um eine Sensibilisierung für das, was ich hier versucht habe auszudrücken. Auch in der Kunstwelt. Das wäre ja schon mal was. Und ich würde mal schauen, inwiefern ostdeutsche Künstler schon jetzt aus einer nicht allzu fernen Zukunft berichten können. Wir werden nämlich auch im satten Westen heftigste Umbrucherfahrungen machen müssen. Diesmal jedoch gemeinsam.