Bilder der Pandemie

Gibt es eigentlich gute Corona-Kunst?

Wie wir uns an historische Krisen erinnern, hat viel mit Bildern zu tun. Die Corona-Pandemie ist noch nicht vorbei, hat sich aber schon in der Kunst festgesetzt. Eine Zwischenbilanz 

Wie wir uns an Zeiten der Krise erinnern, hat immer auch mit Bildern zu tun. Irgendwann wird das individuelle Erleben diffus und geht in einem gesellschaftlichen Erinnerungskanon auf, der über Symbole vermittelt, ständig gepflegt und verhandelt werden muss. Die Kulturwissenschaftlerin Aleida Assmann unterscheidet zwischen dem Kanon, gewissermaßen dem aktiven Gedächtnis, und dem Archiv, dem passiven Erinnerungsbeständen aus Dokumenten, Artefakten und Geschichten. Alles, was dazwischen liegt, bildet die Latenz, also die Elemente, die noch im kollektiven Gedächtnis weiterwirken, obwohl sie nicht unbedingt bewusst bewahrt werden. Bilder können in alle drei Kategorien fallen, je nachdem wie sie rezipiert werden, doch in jedem Fall ist Kunst auch eine Art Zeitkapsel, die historische Momente einfängt und interpretiert.

Es ist daher gar nicht so überraschend, dass beispielsweise die Spanische Grippe nach dem Ersten Weltkrieg trotz Millionen von Todesopfern bis vor kurzem in den hintersten Winkeln des kollektiven Gedächtnisses verstaut war. Schließlich existieren vom massenhaften Dahinsiechen in der Frühphase der Fotografie nur wenige Visualisierungen. Es gibt mehrere Gemälde von Edvard Munch, auf denen er sich ausgezehrt und entkräftet als Spanische-Grippe-Kranker malt (ob er tatsächlich infiziert war, ist unklar). Auch von Egon Schiele, der 1918 an den Folgen des Virus starb, gibt es ein Foto vom Totenbett. Aber ansonsten ist die erste Pandemie des 20. Jahrhunderts auffällig bildarm - anders als beispielsweise die Pest, mit der man sofort Doktoren unter Schnabelmasken, gemalte Leichenberge und verschiedenste künstlerische Allegorien auf göttliche Strafen assoziiert. Auch die Erinnerung an die Aids-Krise in den 1980er- und 90er-Jahren ist zumindest in westlichen Ländern stark von Künstlerinnen und Künstlern aus den USA geprägt. Werke von Félix González-Torres, Nan Goldin, David Wojnarowicz, General Idea oder Glenn Ligon haben der Krankheit buchstäblich ein Gesicht gegeben, gegen die Stigmatisierung der Opfer gekämpft und die Politik zum Handeln gezwungen. Diese Bilder sind Kanon im besten Sinne. 

Insofern drängt sich die Frage auf, welche Kunst die Corona-Pandemie hervorbringt und wie wir uns an sie erinnern werden. Man könnte fragen, was gute Corona-Kunst sein könnte, auch wenn sich das rund eineinhalb Jahre nach Ausbruch von Covid-19 sicher noch nicht abschließend beantworten lässt. "Vielleicht kommen die überzeugendsten Arbeiten erst noch, in dem viel zitierten 'Nach der Pandemie'", sagt auch Pierangelo Maset, Professor für Kunst und ihre Vermittlung an der Leuphana Universität Lüneburg. Aber auch jetzt schon lassen sich einige Tendenzen der künstlerischen Krisenbewältigung beschreiben. Wagen wir eine Zwischenbilanz.

Einige Kunstwerke, die 2020 und 2021 als Antwort auf die Pandemie entstanden sind, beziehen sich direkt und ohne Abstand auf die aktuelle Situation. Projekte wie Suzanne Brennan Firstenbergs wachsende Installation "In America" (eine kleine weiße Flagge für jedes der US-amerikanischen Corona-Todesopfer) oder eine Mauer mit 150.000 Gedenkherzen in London können als visuelle Anker in einer sich ständig verändernden Nachrichtenlage funktionieren und die abstrakten Zahlen, die unseren Alltag bestimmen, greifbar machen. Letztendlich sind sie aber ziemlich plakativ und erlauben keine andere Reaktion als Bestürzung. Den Spontan-Mahnmalen kommt eine wichtige Bedeutung zu, da das Trauern um die Corona-Opfer im politisch aufgeheizten Klima wenig Raum bekam. Dauerhaft relevante Kunstwerke dürften sie aber nicht werden. 

 

Auch andere ästhetische Mittel aus der Anfangszeit der Pandemie haben ihr Verfallsdatum schnell erreicht. Bei altmeisterlichen Porträts mit Mund-Nasenschutz oder fantasievollen Abstands-Designkonstruktionen kann man heute nur noch müde mit den Schultern zucken. Die Verhüllung und Sterilität im öffentlichen Leben ist zu schnell normal geworden, als dass daraus noch interessante Kunst zu machen wäre. Dagegen bekommen eher ältere, oft performative Positionen, die mit Nähe, Menschenmassen und Körperkontakt arbeiten, eine neue Relevanz. In der Reibung von Leibern, dem Unhygienischen, Schleimigen, Exzessiven liegt plötzlich eine neue Provokation. So war es während der vergangenen Monate schier unmöglich, Jeremy Shaws Massenekstase-Videos oder Pauline Curnier Jardins körperflüssigkeitsintensiven Ritualfilme anzuschauen, ohne dabei eine seltsame Hybrid-Emotion aus Abscheu, Grusel und Sehnsucht zu empfinden. 

Im gerade erschienenen Künstlerbuch "Still Here", das über 100 Bildbotschaften aus der Corona-Isolation vereint, zeigt sich, wie die globale Ausnahmesituation mit gestoppten Reisen und gecancelten Terminen zu einer Verengung des künstlerischen Radius geführt hat. Offenbar bestand ein großes Bedürfnis, die plötzliche Leere zu dokumentieren. Die Abbildungen der Ödnis in normalerweise vollgestopften Städten waren stets beeindruckender als das eigene Erleben (ein Herumstromern in verwaisten Straßen fühlte sich dann doch eher nach frühem Sonntagmorgen als nach Apokalypse an). Hier können Bilder mehr suggerieren als die physische Erfahrung.

Im Lockdown erlebte auch das Stillleben eine Renaissance. Blumen in verschiedenen Stadien der Blüte stehen plötzliche auch bei kitschunverdächtigen Künstlerinnen und Künstlern wie Kate Bellm, Wolfgang Tilmanns oder Ketuta Alexi-Meskhishvili für ein unironisches Nachdenken über Zeit und Vergänglichkeit, wie sich im "Still Here"-Buch und auch in der Ausstellung "Studio Berlin" im Berliner Berghain besichtigen lässt.

Eine fast barocke Opulenz mit einer Ahnung des Verfalls und des Morbiden wurde zur Ästhetik der Stunde. Etwas welkt, schimmelt, verrottet, Körper wurden trainiert, Interieurs zu Ateliers und Filmstudios, Konzerthallen, Sportstätten. Man solle nicht in Metaphern über Krankheiten sprechen, schrieb die Philosophin Susan Sontag 1978 in "Illness as Metaphor". Bei Corona schien es jedoch während der Lockdowns kein Entkommen vor Bildern des Keine-Luft-Bekommens zu geben (der Künstler Arthut Jafa brachte in einem Video für Kanye West die Atemnot von Covid-Patienten mit George Floyds "I can't breathe zusammen). Doch oft ging es gar nicht um die Kranken oder Verstorbenen, sondern um die, die isoliert waren, um nicht krank zu werden oder andere anzustecken. Um Großes im Kleinen und umgekehrt. 

Von wegen conditio humana

Werk und Autor/Autorin sind im Lockdown schwerer zu trennen als sonst, schließlich haben die engste Umgebung und die Dinge, die man inszenieren kann, viel mit einem selbst und der eigenen Lebensrealität zu tun. Im Stillleben manifestiert sich die in großen Teilen der Welt geteilte Erfahrung des zu Hause Festsitzens an individuellen Dingen. Und dass die Pandemie eben nicht wie anfangs beschworen alle gleich hart getroffen hat und eben keine universellen Erfahrungen produziert (von wegen conditio humana), könnte eine Erkenntnis sein, die die Kunst noch nachhaltig beschäftigen wird.

Ein Beispiel, wie das gelingen kann, ist Annabel Daous Video- und Scherenschnittarbeit "A Year Like Any Other", die zum Gallery Weekend im Frühjahr in der Galerie Tanja Wagner zu sehen war. Darin geht es um einzelne Ereignisse eines Jahres, das sich unschwer als Corona-Jahr erkennen lässt. Doch durch das Vermischen von privatem und weltpolitischem Geschehen und der Ausradierung von Orten und Akteuren entsteht ein dichtes Geflecht von Gegenwart, in dem alles miteinander verbunden ist. "Was immer bleibt, was immer wir finden, wird zur Geschichte", heißt es in dem Kunstwerk. 

Welche Werke wurden nicht gemacht?

Allerdings muss man beim Thema Corona-Kunst auch über die Werke sprechen, die eben nicht gemacht wurden, weil Künstlerinnen und Künstler um ihre Existenz fürchteten und die in den meisten Fällen sowieso schon wackelige Lebensgrundlage wegbrach. Diese Kunst-Aktionen, die anderen das Weitermachen ermöglicht haben (direkte Auktionen, Spendenkampagnen, Solidaritätsaktionen), werden sich wohl eher nicht ins kollektive Gedächtnis einbrennen, sagen aber ziemlich viel darüber aus, welche Erfahrungen während der Pandemie gehört wurden - und welche nicht. Selten waren Produktionsbedingungen von Kunst so offensichtlich politisch wie in den vergangenen eineinhalb Jahren.

Gute Kunst in der Pandemie hat also nicht nur etwas mit dem Inhalt zu tun, sondern auch damit, wie sie gemacht und wo sie gezeigt wurde und wer sie sehen konnte (und damit sind ausnahmsweise mal nicht nur digitale Formate gemeint). Es hat ein wenig gedauert, aber dann haben Museen und andere Kunstinstitutionen durchaus kreative Wege gefunden (Ausstellungen per Brief, Bespielen von Schaufenstern, Lichtinstallationen an den geschlossenen Häusern, Kunst in Parkhäusern und im öffentlichen Raum und so weiter), um ihrem Publikum auch in den Lockdowns Kultur nahezubringen. Diese alltäglichen Möglichkeiten zur Begegnung mit Kunst sollten unbedingt beibehalten werden - gerade, weil sich durch die Corona-Krise die Frage aufdrängt, wie Städte jenseits von Massentourismus und Konsumhölle in Zukunft lebenswerter werden können.

"Bauhaus war immer offen, du hast keine Entschuldigung"

Wenn man dann doch noch ein Werk nennen will, dass eine Essenz der bisherigen Pandemieerfahrung sein könnte, drängt sich die Installation "Now More Than Ever" von Kasia Fudakowski vom Sommer 2020 in der Galerie Chert Lüdde auf. Neben der Referenz auf unzählige Projekte mit dem Wort "Now" im Titel (ein beliebtes, aber inzwischen unerträgliches Alarmglöckchen für Aktualität und Relevanz) macht die Künstlerin auf elegant selbstironische Weise die Unsicherheit zum Thema, ob man in der Krise denn nun Kunst machen sollte. 

Auf Bannern, die wie zu Gutenbergs Zeiten im Blockdruckverfahren hergestellt wurden, listet sie Argumente auf, die jeweils für oder gegen die Produktion von neuen Werken sprechen. Auf der Pro-Kunst-Liste stehen Punkte wie "Es ist dein Job.", "Bauhaus war immer offen, du hast keine Entschuldigung.", "Wir brauchen jetzt die Kunst mehr denn je, um uns anzupassen." oder "Wir haben hier eine einzigartige Situation, die wir auf emotionaler Ebene teilen, einen seltenen Fall von Konsens. Verschwende nicht diese Chance für Verbindung!". Im zweiten Teil der Arbeit widerspricht sie sich selbst: "Trage nichts zu den ekelerregenden Galerie-E-Mails bei, die eine künstlerische Antwort auf die aktuelle Situation anbieten!", "Künstlerinnen sind keine kulturellen Ersthelfer. Das sind die Comedians.", " Es ist zu früh. Wir sind noch mittendrin.", "Dasselbe zu sagen wie andere Leute, ist gerade unvermeidlich." 

Ein Zwischenfazit zur Corona-Kunst enthält die Hoffnung, dass dieses Kunstwerk im Sinne Aleida Assmanns eher im Kanon als im Archiv landet. Alle Widersprüche, die sich zwangsläufig beim künstlerischen Umgang mit der Krise ergeben, sind darin benannt und trotzdem ausgehebelt (es gibt das Werk am Ende eben doch). Außerdem ist es eine Qualität von Kunst, keine klare Antwort haben zu müssen. Diese Art von Ambivalenz geht in der kollektiven Erinnerung leicht verloren. 

Kasia Fudakowski "Now More Than Ever", Installationsansicht ChertLüdde, 2020
Foto: Trevor Lloyd, Courtesy ChertLüdde und Kasia Fudakowski

Kasia Fudakowski "Now More Than Ever", Installationsansicht ChertLüdde, 2020

Kasia Fudakowski "Now More Than Ever", Installationsansicht ChertLüdde, 2020
Foto: Trevor Lloyd, Courtesy ChertLüdde und Kasia Fudakowski

Kasia Fudakowski "Now More Than Ever", Installationsansicht ChertLüdde, Berlin, 2020