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Isabelle Graeff über ein Land im Ungewissen

Eine fotografische Reise durch Großbritannien

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Die deutsche Fotokünstlerin Isabelle Graeff zieht nach dem Tod ihres Vaters nach Großbritannien und begibt sich auf eine fotografische Reise. Als der Abschied des Landes aus der EU beschlossen wird, stellt sie fest, dass ihre Aufnahmen den kommenden Brexit vorfühlen

Isabelle Graeff, Sie begannen, 2015 durch Großbritannien zu reisen und zu fotografieren, ohne dass die thematische Klammer des Brexits existiert hätte. Wie dokumentiert man einen Zustand, der noch gar nicht existierte?   
Vielleicht hat das mit dem Gesetz der Anziehung zu tun. Erst einmal war ich nach dem überraschenden Tod meines Vaters auf der Suche nach mir selbst und kam dann in ein Land, das mir scheinbar vertraut war. Das, was ich dann vorfand oder auch empfand, war wie der Spiegel meines eigenen Zustands: eine Suche nach Identität. Dann begann eine Art Synchronisierungsprozess, der in Form einer inneren Führung intuitiv die Begegnung mit meinen Motiven bewirkt hat. Ich denke hier an den Begriff des Alignments: die Anpassung oder Ausrichtung des eigenen Verhaltens an die Subjekte der unmittelbaren Umgebung.

Atmosphärisch wirken die Bilder, die Sie jetzt in einem Buch mit dem Titel "Exit" veröffentlichen, als läge ein Filter des Gebrochenen, des Dystopischen, des Post-Vitalen auf ihnen. Sie zeugen von Abschied. Wie findet man zu einer derartigen  Wahrnehmung?
In der Tat begreife ich das Buch gerne als eine atmosphärische Bestandsaufnahme Großbritanniens. Von London aus reiste ich nach Wales, Cambridge, Cornwall, Manchester, Liverpool, Blackpool, Somerset. Ich traf auf Orte, Menschen und ihre Geschichten. Auf Robert, den ehemaligen Stagedesigner Vivienne Westwoods, der in Horsemonden eine Tischlerei betreibt. Horsemonden ist ein kleines Dorf in der Nähe von Tunbridge Wells, Kulisse für die Verfilmung von "Stolz und Vorurteil", mitten in Kent gelegen, dem "Garten Englands". Sein Unternehmen lief schlecht. Er baute Möbel aus uraltem Holz, aber meistens arbeitete er nicht, sondern fühlte sich uralt. Später stellte sich heraus, dass er krank war. Durch Robert lernte ich Carol und David kennen. David war der Manager der Apfelplantage hinter Roberts Werkstatt und wohnte mit seiner Frau Carol in einem alten Schulhaus im verschlafen verträumten Ninfield, unweit von Hastings. David hatte Krebs, genau wie seine älteste Tochter. Ich habe ikonische, symbolisch hoch aufgeladene Orte besucht, kulturelle Identitätsstifter, aber habe mich auch durch Zufälle und Begegnungen leiten lassen. 

Sie kommen den Orten und Menschen mit der Kamera sehr nah, dann wiederum betrachten Sie aus der Ferne. Wie entscheiden Sie, wann Nähe und wann Distanz die richtige Erzählweise ist?
Meine Fotografie schließt kein fotografisches Genre aus. Ich zeige in "Exit" Landschaftsaufnahmen, Porträts und Nature Morte. Ich fotografiere nach einem sehr offenen, aber ultrasubjektiven Prinzip. Als es Herbst wurde, begann die Zeit der Apfelernte, bei der man ein Gefühl dafür bekommt, wie fruchtbar dieser Teil des Landes ist, und auch versteht, warum ganz England Apfelkuchen isst und Cider trinkt. Das erspüre ich fotografisch genauso wie einen Besuch im Supermarkt in Wales. Hier gab es keinen einzigen Ausländer. Die Waliser waren und blieben unter sich. Ein Großteil der Waliser stimmte ein halbes Jahr später für den Brexit. Besonders geliebt habe ich auch die Ausflüge zum Worms Head. Einer zweiteiligen, vor der Küste liegenden Insel, die nur bei Ebbe zu erreichen war. Erst im anschließenden Selektionsprozess dieser hunderten Aufnahmen fügt sich schließlich alles zu einem bildlichen Kompendium.

Welche Faktoren wirkten schließlich auf den Auswahlprozess der Bildserie von Exit ein?
Meine Arbeit kann man als ein Erinnerungsarchiv begreifen. Diese Erinnerung ist bildlich unterschiedlich formbar. Mit dem heutigen Wissen um den Status quo eines Brexits, eines Landes in der Krise, tritt eben im Zusammengehen meiner persönlichen Situation jene Sammlung zutage, wie sie jetzt im Buch zu sehen ist, unterschwellig getrieben von meinem magnetischen Verhältnis zu Dingen und Situationen, die in Umbruchphasen stecken.

Ihre Bildauswahl dokumentiert subtil die Abkehr eines Landes von einer Idee des Manifesten – einer historisch gewachsenen Staatengemeinschaft – hin zu etwas Ungewissen. Nach welcher Identität suchen die Briten? 
Da besteht sicherlich eine Sehnsucht nach dem Glanze des großen Empire, aber die eingesetzten Mittel scheinen mir völlig entgegengesetzt. Anstelle eines Blicks, der die Welt, Europa im Auge hat, manifestiert sich die aktuelle Politik in Abschottungsstrategien. Nicht der einzige Clash im kulturellen Selbstbildnis der Briten: Ein Großteil von Englands vormaligem Reichtum basierte auf der Kolonialisierung. In der Gegenwart möchte man Ausländer nicht mehr im Land beheimaten, das ist eine unaufgeklärte verzerrte und paradoxe Perspektive und Geschichtsverkennung.

Zudem ist Großbritannien insbesondere durch die von Margaret Thatcher vorangetriebene neoliberale Politik zu einer der am stärksten deregulierten Volkswirtschaften der Welt avanciert.
Der Autohersteller Jaguar, ein urbritisches Unternehmen, gehört heute einem indischen Konzern. Ausgerechnet Indien, die frühere Kolonie des Königreichs. Dieses Beispiel zeigt: Es ist irrsinnig, sich auf ökonomische Identitäten zu stützen, die gar nicht mehr existieren. Es sollte so sein, wie der Ethnologe Clifford Geertz formuliert: Menschen müssen lernen, sich zwischen den Kulturen zurechtzufinden und den Wandel kultureller Gesetzmäßigkeiten akzeptieren. 

Wie wichtig ist es, dass Künstler wie Wolfgang Tillmans Haltung beziehen, sei es in der konkreten politischen Debatte oder auch in Form eines fotografischen Kommentars?
Wolfgang Tillmans hat sich mit viel Engagement in die Debatte und den Abstimmungsprozess eingebracht, er ist zum Campaigner geworden. Ich bewundere das. Trotzdem sind meine Arbeiten ohne politische Agenda entstanden. Für mich war meine fotografische Reise durch Großbritannien ein Hilfsmittel, um mich in meiner Umgebung zu orientieren. Einen Verbleib Großbritanniens in der EU halte ich für das absolut Richtige. Vielleicht kommt es ja sogar noch dazu. 

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