Kulturgeschichte des Pferdes

Eine große Metapher der Liebe und der Leidenschaft

Loretta Würtenberger und Hubertus Graf von Zedtwitz
Foto: Jens Komossa

Loretta Würtenberger und Hubertus Graf von Zedtwitz

6000 Jahre verbinden Mensch und Pferd. Mit ihrem Buch "Eine Sprache der Liebe" widmen sich die Kunstexpertin Loretta Würtenberger und der Dressurreiter Hubertus Graf Zedtwitz dieser besonderen Beziehung auch aus künstlerischer Perspektive 

Von Erwin Wurm stammen die Illustrationen zum Buch von Loretta Würtenberger und Hubertus Graf Zedtwitz mit dem verheißungsvollen Titel "Eine Sprache der Liebe". Der 70-jährige österreichische Künstler hat seinen Nachlass Loretta Würtenberger und ihrem Mann Daniel Tümpel anvertraut. Die beiden haben sich als Berater für Künstlernachlässe einen Namen gemacht, unter anderem durch die Neuordnung der Stiftung von Hans Arp. Und sie sind in der Kunstwelt bekannt durch ihren vor fünf Jahren eröffneten Skulpturenpark Schlossgut Schwante - mit Werken unter anderem von Tony Cragg, Carsten Nicolai, Lynn Chadwick, Bettina Allamoda, George Rickey oder Jorinde Voigt. 

Erwin Wurms rotes Aquarell auf dem Buchtitel zeigt ein Pferd: Ein Hinweis, dass die Sprache der Liebe wider Erwarten nicht von der Kunst handelt? Oder doch? Ist doch einer der prominentesten Protagonisten von Malerei und Bildhauerei, von Literatur und Film das Pferd. Tatsächlich geht es in der Abhandlung von Würtenberger und Zedtwitz um genau dieses Tier, das Reiten, um die Freundschaft und darum, dass die Sprache der Liebe überraschenderweise aus Preußen stammt.  

Der international gefragte Dressurreiter und Ausbilder Hubertus Graf Zedtwitz präzisiert für Würtenberger die Begriffe der Reitersprache so, dass sie ein ganz neues Verständnis für ihr Pferd und das gemeinsame Training entwickelt, das auch auf Familie, Freunde und Umgebung ausstrahlt. Die Corona-Pandemie ermöglichte es Loretta Würtenberger, Graf Zedtwitz als Trainer zu gewinnen. Er hatte Zeit, seinen internationalen Verpflichtungen konnte er ja nicht nachkommen. Zedtwitz, der Reiter, befiehlt seinem Pferd nicht, und er kommandiert nicht, er gibt ihm Hilfen, und das Pferd nimmt sie an – oder auch nicht. Dann aber aus guten Gründen. 

"Ein Pferd mit verletztem Herzen"

Der Graf hatte das bei Rubikon erlebt, seinem Pferd, mit dem er jüngster Meister der deutschen Berufsreiter wurde. Sollte Rubikon auf die Mittellinie abbiegen, auf der im Turnier die Prüfung beendet wird, bekam er Durchfall und fraß zwei Tage nicht. Rubikon "war ein Pferd mit verletztem Herzen", traumatisiert, weil er übel geschlagen worden war. Diese Wunde nicht zu "überreiten", sondern an ihrer Heilung zu arbeiten, so Hubertus Graf Zedtwitz, entspricht dem Geist der Anlehnung. 

Die fachlich genaue Auseinandersetzung mit den Begriffen der Reitersprache wie beispielweise Takt, Anlehnung, Hilfen oder Durchlässigkeit zeichnen das Buch aus. Seinen großen, emotional berührenden Charme erhält es aber durch die philosophischen Betrachtungen, die die beiden anschließen, durch die kulturellen Artefakte, besonders die Gedichte, die sie zum Verständnis und zur Veranschaulichung der Begriffe heranziehen, und schließlich durch ihr persönliches Bekenntnis zu Zärtlichkeit und Sensibilität, die die Begriffe im Umgang mit den Mitgeschöpfen einfordern. Dass diese Reitersprache ausgerechnet "von Männern in lackierten Reitstiefeln" geschrieben wurde, wie Loretta Würtenberger sagt, dass sie aus der preußischen Heeresdienstvorschrift 12 stammt, ist eine der Entdeckungen des Buches.

Einerseits überrascht das, anderseits erscheint es folgerichtig. Der Kavallerist und sein Pferd waren auf Gedeih und Verderben miteinander verbunden. Mit ihm verbracht er, zumal in Kriegszeiten, Tag und Nacht, oft monatelang. Mit ihm konnte er ungeschützt seine Gefühle teilen, denn was immer er ihm anvertraute, sein Pferd schwieg. Und weil es um die menschlichen Gefühle wusste, konnte die Literatur durch das Pferd sprechen und die großen Romanciers der 19. Jahrhunderts fanden in ihm ihre große Metapher der Liebe und der Leidenschaft. 

Hinter jedem Begriff eine Welt

We are all erotic animals: Loretta Würtenberger und Hubertus Graf von Zedtwitz müssen daraus heute keinen Hehl mehr machen. Sie sind darüber Freunde geworden. Auch wenn im Buch Würtenbergers Patentante meint: "Zusammen reiten und ins Kino gehen – das ist ganz schön viel". In herzlicher Freundschaft frotzelten sich die beiden in der Sprache der Reiterei und stellten fest, dass sich hinter jedem Begriff eine Welt auftat. Was zu ihrem Entschluss führte, diese Welten in einem Buch zu erkunden – und damit 6000 Jahre Kulturgeschichte. Angefangen bei den ersten Mythen, nachdem der Mensch das Pferd domestiziert hatte. Als das Pferd noch weiblich gedacht war, dem Mond zugehörig wegen der Mondsichel seiner Hufe. Später sonnenhaft und männlich konnotiert, wurde es, wie die zahlreichen Reiterstandbilder von der Antike bis ins 19. Jahrhundert zeigen, dem Herrscher zugeordnet, zum Symbol der Macht. 

Mit dem Pferd verfügte der Mensch über enorme Schnelligkeit und Kraft. Mit dem Pferd konnten Reiche beherrscht und die Rohstoffe aus der Erde geholt werden, die die Energie und das Material für die Industrielle Revolution lieferten. Als zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus bekannten Gründen keine neuen Reiterstandbilder mehr entstanden, war dies das Ende des kentaurischen Pakts. Das Pferd entschwand mehr und mehr unserem Wahrnehmungshorizont. Gegen sein völliges Verschwinden schreiben Würtenberger und Zedtlitz mit ihrem Buch auch an. 

Was deutlich wird, als Grace, der Pferd von Loretta Würtenberger, wegen Arthrose nicht mehr trainiert werden kann. Würtenberger muss ein neues Pferd finden. Was sich als viel schwieriger erweist als gedacht, denn die Pferdezucht in Deutschland hat sich stark verändert. Getragen wurde die Pferdezucht immer von den Landwirten, den Bauern. Ganz Niedersachsen und Schleswig-Holstein waren Pferdeland. Bis vor zehn Jahren eine große Private-Equity-Firma in den Pferdemarkt einstieg. Private Equity will Rendite. Pferde, die schnell für fertig entwickelt erklärt werden. Mit dem massiven Geld, das in die Zucht drängt, sieht Loretta Würtenberger eine ganz ähnliche Entwicklung, wie sie sie in den letzten 20, 30 Jahren im Kunstmarkt beobachtet hat. Es kommen die falschen Käufer und mit der Verlagerung der Zucht von der Breite auf wenige Großbetrieben geht viel Wissen verloren. 

Zärtliches, sensibles Wissen, das der berühmte Chirurg Ferdinand Sauerbruch bewies, als er einen alten Theatergaul, der in München in Rente geschickt worden war und nicht mehr fraß, in seinen Stall nach Berlin holte. Dort spielte er dem Pferd mit einem Grammophon Musik vor, worauf es sofort genas.