KI-Bilder und Ethik

"Eine Beleidigung an das Leben selbst"

KI-generierte Bilder im Stile des japanischen Zeichenstudios Ghibli gehen gerade viral. Ein Post des Weißen Hauses markiert dabei einen Tiefpunkt des Trends. Das ist nicht im Sinne des Ghibli-Mitbegründers Miyazaki

Dass generative KI einmal Bildproduktion so gut beherrscht, dass ihnen ihre mindere Qualität nicht mehr vorgeworfen werden kann, war nur eine Frage der Zeit. Das Internet brach die letzten Tage kurzzeitig zusammen, als ChatGPT ermöglichte, Bilder im Stile von Studio Ghibli und den Meisterwerken von Hayao Miyazaki in wenigen Sekunden zu generieren. Das sorgte nicht nur dafür, dass die Server-GPUs von Open AI mächtig an ihre Grenzen kamen. Auch wurde die liebevoll entwickelte Bildsprache des japanischen Animationsstudios für widerwärtige Postings benutzt, wie dieses hier vom Weißen Haus, das sich wie ein grässlicher Teenager-Troll darüber freut, eine mutmaßliche Fentanyl-Dealerin festgenommen zu haben. Immerhin reden wir hier noch vom Weißen Haus, was indes zeigt (nicht nur hier), wo die einstige Weltmacht moralisch und ethisch mittlerweile angekommen ist.  

Es scheint in dem Zusammenhang auch egal, dass Hayao Miyazaki schon vor acht Jahren in einem Film über seine Arbeit anmerkte, dass KI nicht weniger als "eine Beleidigung an das Leben selbst" sei und durch Technologien wie diese "Menschen den Glauben an sich" verlören. Arbeiteten er und sein Studio doch teilweise über ein Jahr für eine einzige Szene, die nicht länger als vier Sekunden im Film dauern sollte. 



Generative KI verspricht Effizienz und Produktivität. Aber der Regisseur trifft hier einen Punkt, wenn er sagt, dass die künstlerische Auseinandersetzung mit Themen, die das Leben schreibt, auch eine menschliche zu sein hat. Denn wofür sollte man sonst Kunst machen? 

Der schwedische Modegigant H&M experimentiert derzeit mit digitalen Klonen/Zwillingen seiner Models. Mit Einwilligung der Personen werden nun Social-Media-Assets und andere Kampagnen-Bilder per KI generiert. Der Konkurrent Mango macht dies bereits – man wolle erstmal die Möglichkeiten austesten. "Es ist etwas, das unsere kreativen Prozesse erweitern kann und wie wir mit Marketing arbeiten", sagt Kreativchef Jörgen Andersson. "Wir werden unseren menschenzentrierten Ansatz aber auf jeden Fall beibehalten."

Es werden gut gebuchte Models zitiert, die von den Vorteilen schwärmen, dass man nun mehrere Gigs parallel machen könne – ganz ohne Jetlag. Jetzt fehlt nur noch das Argument, dass das ja nachhaltiger sei, weil man weniger flöge. Gut, jene Menschen, die aus sich bereits eine tragfähige Marke gemacht haben, könnten in der Tat "effizienter" arbeiten. Das betrifft auch Hollywood-Stars, die weniger Zeit an kalt-nassen Sets werden verbringen müssen und auch "ohne Jetlag" unendlich viele Filme gleichzeitig "drehen" können.

Glauben an die Menschen verloren

Das Konzept der digitalen Klone verspricht aber vor allem eins: Ersparnisse für die großen Unternehmen, die Geld unter dem Nimbus der Produktivität an andere große KI-Unternehmen zahlen. Wie so oft werden hier diejenigen vergessen, die keine Stars und keine Marken sind. Welches junge, unerfahrene Model, dessen Traum es schon immer gewesen ist, für ein Haus wie H&M oder Zara geshootet zu werden, wird die Unterschrift verweigern, dass mit ihrem digitalen Klon quasi unendlich viele Bilder generiert werden können? Außerdem ist das auch ökonomisch eine schlechte Rechnung, weil so ein Eingeständnis letztlich weniger Shootings, und damit weniger Gage bedeutet.

Noch schwerwiegender ist das für alle Gewerke, die ebenfalls bei Shootings oder Filmdrehs eine essenzielle Rolle spielen. Stylistinnen, Make-up-Artists, Fotografen, Kameraleute, Menschen, die Studios oder Locations vermieten, Fahrdienstleister, Caterer, Technikvermietungen, von den zahlreichen subalternen Tätigkeiten ganz zu schweigen. Sollen die nun auch ihre Lizenzen für Kunden verkaufen nach dem Motto: "Mach ein Shooting mit uns. Den Rest überlassen wir der KI. Du wirst auf jeden Fall alle Rechte beibehalten"?

Ein bisschen fand ich die menschenverachtende Seite der Modewelt schon immer beschämend. Aber wie Jörgen Andersson vom "Menschen im Mittelpunkt" zu sprechen, ist schon, gelinde gesagt, zynisch. Meint er damit auch seine Sweatshops in Bangladesch und Pakistan? Das hat auch Hayao Miyazaki gesehen, als er sich vor Jahren zum Einsatz von KI so kritisch äußerte. Zwar hat er sich noch nicht öffentlich zum aktuellen Hype seiner maschinengemachten Bilder geäußert. Ich denke aber: Er hat den Glauben an die Menschen verloren.