Erzwungene Gemütlichkeit

Raus aus dem Nest!

Hygge Einrichtung
Foto: janbrokes via Pixabay

Die Corona-Pandemie hat viele Menschen zum Leben in einer keimfreien Blase verdammt. Marketing-Experten nennen die Zwangsgemütlichkeit "Nesting". Unser Autor meint: Die innere Gentrifizierung darf kein langfristiger Trend werden

Neulich fand eine sogenannte Studie heraus: Das Zeitalter des "Nesting" (zu Deutsch: Nestbauen) hat begonnen. Durch den Lockdown habe das Zuhause eine ganz neue Bedeutung bekommen, es werde zu einem "multifunktionalen Raum", der "verschiedene Arten von Arbeit, Ruhe, Erholung und Spiel" fließend miteinander vereint. Lebten wir vor der Pandemie in einer "Ära der Hyper-Sichtbarkeit", richte sich "unsere Aufmerksamkeit jetzt wieder nach innen."

Die Studie stammt von einem Haushaltsgerätehersteller, totaler Blödsinn ist sie aber wohl trotzdem nicht. Denn es stimmt ja: 2020 war das Jahr des Einigelns, was blieb uns auch anderes übrig. Doch ich weigere mich, dieser Entwicklung etwas Positives abzugewinnen. Dieses Jahr hat mir ganz im Gegenteil gezeigt: Ich kann mich noch so hyggelig einrichten, noch so viele Yoga-Tutorials besuchen und Ottolenghi-Gerichte kochen, ich kann noch so viel an mir rumoptimieren: Es reicht einfach nicht. Ich bin mir nicht genug, ich brauch was Anderes.

Weder die hastig eingerichteten Online Viewing Rooms (OVR) der Kunstbranche noch die viel gepriesenen Streamingdienste konnten da wirklich Abhilfe schaffen. OVRs haben den Charme von Tupperware. Und die meisten Netflix-Serien fühlen sich an, als seien sie von Algorithmen geschrieben worden. Nie wirklich schlecht, aber auch nie wirklich gut. Schon die Dauer, irgendwas zwischen 45 und 55 Minuten, ist Ausdruck des perfekten Mittelmaßes. Kurz genug, um sich nicht wirklich drauf einlassen zu müssen, lang genug, um den Abend zu überbrücken. Am nächsten Tag ist alles vergessen, da kann man gut wieder einschalten.

Lieferdienst statt Restaurantbesuch, DriveNow statt ÖPNV

Der an der Universität Oslo lehrende Urbanitätsforscher Jonny Aspen hat bereits 2013 den Begriff "Zombie Urbanism" geprägt, um Prozesse der Gentrifizierung zu kritisieren. Unter Labels wie "Creative City" verberge sich ein neoliberales Programm, das mit jenen Qualitäten der Stadt wirbt, die es in Wahrheit zerstört. Auf den polierten Plazas und Promenaden, den schicken Plätzen und Parks der Metropolen sei gerade kein Raum mehr für Diversität und Vielfalt, Abweichung und Überraschung. Was nett und urban aussehe, sei in sozialer Hinsicht steril und tot: Es fehlt der Austausch mit anderen.

Nach einem solchen Leben in durchdesignten und keimfreien Blasen fühlte sich für mich 2020 an: Lieferdienst statt Restaurantbesuch, DriveNow statt ÖPNV, Tinder statt Bar, Netflix statt Kino, Museum, Theater oder Konzert, und noch 'ne Folge, und noch 'ne Folge. Zugegeben: Das sind Luxusprobleme angesichts von 1,5 Millionen Opfern der Pandemie
und dem Einsatz des Personals im Gesundheitswesen. Und um nicht falsch verstanden zu werden: Ich halte die Corona-Maßnahmen für richtig, jene selbsternannten Querdenker können mir gestohlen bleiben - in deren Spießer-Paranoia kann man ja schon gar nicht atmen. Nur zum Trendsetter möchte ich 2020 eben auch nicht erkoren sehen.

Kunst erinnert uns, in der Welt zu sein

Ich habe Sehnsucht nach Freunden und anderen Themen, nach Reisen und Kultur, nach Essengehen und Ausgehen, nach Weiterziehen und too-late-to-worry. Und ich will gerade nicht, dass "Arbeit, Ruhe, Erholung und Spiel" ineinanderfließen, denn wenn ich meine Aufmerksamkeit nur auf mein Inneres richte, stoße ich recht bald auf Ödnis.

Schön war an diesem Jahr immerhin, dass die wenigen möglichen Ausbrüche aus dem Lockdown geradezu magische Qualitäten annahmen. Vor ein paar Wochen besuchte ich die Ausstellung von Wolfgang Tillmans in der Galerie Buchholz. Sie bringt Porträts, Stillleben, Landschaftsaufnahmen und Farbstudien zusammen, die in New York, Addis Abeba, London oder Berlin entstanden, ein Handyfoto vom Mond ist auch dabei. Viel wurde ja schon über ästhetische Strategien und politische Bezüge des Fotografen gesprochen, aber mich traf eine andere, ganz banale Einsicht wie der Schlag: Kunst erinnert uns daran, was es heißt, in dieser Welt zu sein. Möge 2021 mehr davon bringen.