Gruppenschau im Pariser Palais de Tokyo

Kollektive Freude als Heilmittel und Werkzeug

Die Ausstellung "Collective Joy – Learning Flamboyance!" im Pariser Palais de Tokyo propagiert das künstlerische Prinzip gemeinsam empfundener Freude als kraftvollen politischen Gegenentwurf

Avantgardistische Kunst habe nichts mit Schwarzen Menschen zu tun: Das sagte ein Bekannter vor vielen Jahren mal zur der Konzeptkünstlerin Lorraine O’Grady. Die Künstlerin, die im vergangenen Jahr im Alter von 90 Jahren verstarb, reagierte 1983 mit einer Performance: Während der "Harlem African American Day Parade", die aus der Schwarzen Bürgerrechtsbewegung der 1960er-Jahre hervorgegangen war, schickte sie Performerinnen mit antiken goldenen Bilderrahmen auf die Straße. Sie rahmten die Feiernden buchstäblich ein und lenkten so den Blick auf ihre eigene Gemeinschaft. Die Künstlerin berichtete später von begeisterten Menschen, die riefen: "Ja, wir sind die Kunst!" So entwarf O’Grady eine brillante Strategie, um Vorurteile in eine positive Erfahrung zu transformieren.  

Genau dieses Prinzip – die Verbindung von Freude und Kollektivität als Form des politischen Protests – bildet das konzeptionelle Zentrum der Ausstellung "Collective Joy – Learning Flamboyance!" im Pariser Palais de Tokyo. Es geht um Versammlungen, Gruppendynamik, um spielerische, freudvoll-politische und utopische Konzepte. "On est heureux quand on manifeste" (Wir sind froh zu protestieren) heißt beispielsweise die Performance des ungarischen Konzeptkünstlers Endre Tót aus dem Jahr 1979 – eine Feier der Freude am Protest selbst.  

Das Erleben kollektiver Freude setzt immer Partizipation voraus – damals wie heute, auf der Straße oder, wie jetzt, im Palais de Tokyo. Die Installation der französischen Künstlerin Cindy Bannani lädt Besuchergruppen während der laufenden Ausstellung ein, Slogans und Wortfragmente des "Marche pour l’égalité et contre le racisme" als Stickereien wiederzugeben. Dieser Marsch gegen rassistisch motivierte Polizeigewalt fand 1983 in Frankreich statt und gilt als einer der ersten großen Protestgesten seiner Art. Bannani erinnert mit ihrer Arbeit an diesen historischen Moment gesellschaftlichen Widerstands gegen diese Form der geduldeten Gewalt. Die Gruppe, die ursprünglich aus 17 jungen Menschen bestand, wuchs auf ihrem Weg von Marseille nach Paris stetig an und wurde bei ihrer Ankunft am Place de la Bastille schließlich von 100.000 Menschen empfangen. "Es war ein Moment kollektiver Freude, geboren aus Wut, die transformiert wurde. Ich denke, wir leben in einer Zeit, in der wir uns oft machtlos fühlen – genau wie diese jungen Menschen damals, die einfach losliefen. Ich wollte eine Ausstellung der Hoffnung schaffen. Um Veränderung zu erreichen, müssen wir sie praktizieren", sagt die Kuratorin der Ausstellung, Amandine Nana.  

Kollektivismus zwischen Spaß und Politik

Ein zentraler gedanklicher Ausgangspunkt des Ausstellungskonzepts ist Barbara Ehrenreichs Publikation "Dancing in the Streets: A History of Celebration". Ehrenreich beschreibt darin die politische und gesellschaftliche Dimension von Festen und Ritualen als geteilte Erfahrungen, die sozialen Zusammenhalt fördern, aber auch politischen Widerstand stärken. Spontane Menschenansammlungen wurden von den Mächtigen schon immer gefürchtet. Nana sieht in Paraden seit Jahrhunderten auch eine Form der Widerstandskultur. "Meine Ausstellung interessiert sich für die Paradenkultur und nimmt dabei eine transatlantische historische Perspektive ein, die von Kolonialismus und Versklavung geprägt ist – dort, wo der Karneval tatsächlich eine Form des Widerstands war", erklärt sie.

Künstler wie Dimitri Milbrun, der die haitianische Karnevalstradition feiert, oder Alberto Pitta, der seit 40 Jahren im Karneval von Salvador de Bahia aktiv ist, stehen exemplarisch für diese Verbindung von Feier und Protest. Paraden werden von Gemeinschaften organisiert, die sich im öffentlichen Raum behaupten – der Karneval ist ein Moment, in dem die Massen sich selbst feiern.  

Während Ehrenreich einen Rückgang spontaner Feierlichkeiten zugunsten passiver Unterhaltungsformen beobachtet, möchte Nana zeigen, dass kollektive Freude keine historische Praxis ist, sondern bis heute lebendig geblieben ist.

Optimismus und Partizipation

Das Palais de Tokyo stellt seine gesamte Frühlingssaison unter das Motto der "Collective Joy" – ein klares Plädoyer und ein dringlicher Appell. Für Amandine Nana ist kollektive Freude kein Eskapismus, sondern eine bewusste und aktive Form der "Resistance". In ihrem Statement zur Ausstellung, das sie als eine Art Manifest versteht, stellt sie Fragen: Was bedeutet es in einer politischen Kultur und Medienlandschaft, die von Angst, Aggressivität und Zerwürfnis geprägt ist, über kollektive Freude zu sprechen? Wie denken wir über Gemeinschaft nach, wenn der Zeitgeist Individualismus und Abschottung favorisiert und positive Impulse sowie Formen von Solidarität unsichtbar bleiben?

Durch die Vielfalt der Medien, Zeitlichkeiten und kulturellen Hintergründe entzieht sich die Ausstellung jeder starren Kategorisierung und unterstreicht damit umso mehr ihren inhaltlichen Fokus. Die Energie dieser eklektischen Zusammenkunft – von jungen Pariser Künstlerinnen und Künstlern wie Soñ Gweha oder Dimitri über lokale Kunstinitiativen wie Les Cousines bis hin zu internationalen Positionen von Resolve Collective, Cauleen Smith, Alberto Pitta oder Gordon Matta-Clark – überträgt sich spürbar auf den Kunstraum. Nana zeigt nicht nur eindrucksvolle Beispiele künstlerischer Demonstrationskultur, sondern setzt auch auf das Publikum, um den Beweis für ihre These anzutreten, dass sich kollektive Freude in politische Macht übersetzen kann. 

Diese Interaktion bleibt eine optimistische Annahme, die im schlimmsten Fall scheitern könnte. Doch zumindest am Eröffnungsabend nahmen die Besucherinnen und Besucher das Angebot zur Teilhabe an – und im Kunstraum entstand ein authentisches Gefühl von Freude durch Partizipation.  

Nana selbst kommt aus der unabhängigen Kunstszene und weiß, wie man Übertragungsleistungen zwischen Zentren und Peripherien organisiert. Schon während ihres Kunstgeschichtsstudiums war sie in Kollektiven aktiv und verfolgt seither das Anliegen, die Energie kleinerer oder mobiler Räume samt ihrem Publikum in die Institutionen zu übertragen. "Seit ich im Palais de Tokyo bin, arbeite ich daran, das Ausstellungserlebnis zugänglicher und somatischer zu machen. Ich wollte mit dieser Ausstellung zeigen, dass kollektive Freude nicht naiv ist – sie bietet Formen der Äußerung, die wir ernst nehmen sollten. Ich glaube, dass eine Renaissance kollektiver Freude absolut zur Disposition steht."