Das Atelier wirkt verlassen, als wäre es seit Jahren nicht mehr betreten worden. Staub liegt in der Luft, auf den Oberflächen hat sich eine feine graue Schicht abgesetzt, die jede Bewegung verrät. Die Kamera tastet sich durch die baufälligen Wände, gleitet über eine Werkbank, die unter dicken Farbschichten erstarrt ist, verharrt kurz auf einer Gruppe vertrockneter Weihnachtsbäume, die wie Relikte einer vergessenen Feier in der Ecke stehen. Nichts bewegt sich. Dann setzt sich die Linse in ruckartigen Zooms in Richtung des leuchtenden Zentrums des Raumes in Bewegung: "The Rose".
Die Künstlerin Jay DeFeo begann im Jahr 1958 mit der Arbeit an "The Rose", einer monumentalen Mischung aus Malerei und Skulptur, die sich über acht Jahre hinweg entwickelte. Was als Experiment begann, wurde zu einer intensiven, jahrelangen Auseinandersetzung mit Material und Form. "The Rose" wuchs mit jeder neuen Farbschicht an, fast so, als führte es ein Eigenleben. DeFeo trug unzählige Farbschichten auf, entfernte sie wieder, ließ das Bild atmen, bis es sich zu einer geradezu organischen Masse verdichtete. Das Werk war untrennbar mit DeFeos Atelier in der Fillmore Street verbunden – und das schon allein deshalb, weil es sich aufgrund seiner schieren Größe und des Gewichts von fast einer Tonne irgendwann einfach nicht mehr wegbewegen ließ.
Die 2322 Fillmore Street stellte in den 1950er- und 1960er-Jahren für DeFeo, ihren Ehemann Wally Hedrick und andere Protagonisten der Beat-Szene Wohn- und Atelierraum gleichermaßen dar. Das Gebäude, vom Beat-Dichter Michael McClure "Painterland" getauft, war ein Knotenpunkt für die kreative Avantgarde San Franciscos. Zu den hier lebenden und arbeitenden Künstlern gehörte auch Bruce Conner, der 1957 in die Fillmore-Nachbarschaft zog. DeFeo und Hedrick waren die letzten, die das Gebäude schließlich verlassen mussten, als die steigenden Mietpreise und die Umstrukturierung des Viertels Mitte der 60er-Jahre die Gemeinschaft auflösten. Damit musste auch "The Rose" weichen – ein logistischer Kraftakt, der ebenso gewaltig war wie das Werk selbst.

Bruce Conner "The White Rose", 1967, Filmstill
Hier setzt Bruce Conners Film "The White Rose" (1967) ein, ein siebenminütiger Kurzfilm, der den Abtransport von "The Rose" aus DeFeos Atelier festhält. Anders als viele von Conners vorherigen Arbeiten, die oft aus Found Footage bestanden, dreht der Künstler diesen Film selbst – mit einem dokumentarischen, aber geradezu rituellen Blick auf das Geschehen. Ohne Dialoge oder erklärende Texte lässt er die Bilder für sich sprechen. Die karge Geräuschkulisse verstärkt die Wirkung der Aufnahmen, die in einem hypnotischen Rhythmus aus statischen Einstellungen und abrupten Zooms das Herauslösen des Werks aus seinem Umfeld zeigen. Es ist die Inszenierung eines Abschieds, ein filmisches Denkmal für ein Werk und den Raum, den es bewohnte.
Die Kamera schwenkt abrupt: Männer in weißen Overalls treten ins Bild. Die "Angelic Hosts" der Bekins Van and Storage Company stehen bereit, um das tonnenschwere Kunstwerk aus dem Atelier zu hieven. Zu schwer und sperrig, um durch die Tür zu passen, heben sie es Zentimeter für Zentimeter durch eine eigens geschaffene Öffnung in der Wand des Gebäudes. Ein hydraulischer Lift setzt "The Rose" auf Straßenniveau ab, dann verschwindet es auf der Ladefläche eines Transporters.
Bruce Conners "The White Rose" zeigt, wie das Werk seine Umgebung verlässt – aber auch, wie die Atmosphäre des Raumes sich mit ihm verändert. Als "The Rose" schließlich in der Ladefläche des Transportwagens verschwindet, bleibt nur noch Staub und die Spur einer Obsession.

Bruce Conner "The White Rose", 1967, Filmstill
Fast 60 Jahre später wird "The White Rose" jetzt in restaurierter Form erstmals wieder ausgestellt: Michael Kohn in Los Angeles rückt den Film ins Zentrum einer Schau, die gerade anlässlich des 40-jährigen Galeriejubiläums eröffnet hat. Die Ausstellung versteht sich als Rückschau auf vier Jahrzehnte künstlerischer Entwicklung in Los Angeles, während derer sich die Galerie an der Westküste etabliert hat. Unter den Künstlern sind Paul Cézanne, Pablo Picasso und Donald Judd, aber auch Jean-Michel Basquiat, Keith Haring und Kenny Scharf.
Die digitale Restaurierung von "The White Rose" hatte mehrere Jahre in Anspruch genommen. "Wir verwendeten die originalen 16mm-A/B-Rollen als Quelle für das 4K-HDR-Scanning", erklärt Michelle Silva vom Conner Family Trust. "Die größte Herausforderung bei Schwarz-Weiß-Umkehrfilm besteht darin, alle Details in den Schatten zu erfassen."
Das Originalmaterial war durch Conners häufige Nutzung stark beansprucht worden. "Wir konnten keine automatisierten Prozesse zur Schmutz- und Kratzerentfernung verwenden, da sie zu aggressiv waren – sie hätten Risse in der Decke und Äste an den Bäumen entfernt, die unbedingt erhalten bleiben mussten", so Silva. "Deshalb wurde die Entfernung Bild für Bild von Hand vorgenommen – unser Ziel war es, das Bild genau so wiederherzustellen, wie es an jenem Tag durch die Kamera eingefangen wurde. 'The Rose' sollte in ihrer vollen Pracht erstrahlen, ebenso wie die weißen Overalls der Bekins-Möbelpacker, die Bruce als 'Angelic Hosts‘ bezeichnete."

Wallace Berman "Radio-Aether Series", 1966/1974
Auch Wallace Berman ist mit einer Arbeit – "Radio-Aether Series" von 1966/1974 – in der Jubiläumsausstellung vertreten. Mit seiner experimentellen Zeitschrift "Semina" schuf der Künstler ein Medium, das Lyrik, Prosa, Collagen und Fotografie vereinte und Akteure der Beat-Szene wie William S. Burroughs, Allen Ginsberg und Jay DeFeo miteinander verband. Seine erste Einzelausstellung in der Ferus Gallery im Jahr 1957 endete abrupt, als ihn die Polizei wegen angeblich obszöner Inhalte verhaftete – ein Vorfall, der Berman veranlasste, Los Angeles zu verlassen und sich der kreativen Szene San Franciscos anzuschließen.
Zwischen 1958 und 1959 fertigte Berman dort eine Reihe von Fotografien an, die DeFeo in ihrem Atelier zeigen. Die bekannteste dieser Aufnahmen inszeniert sie nackt vor "The Rose", die Arme in vitruvianischer Haltung ausgebreitet. Auf ihrer Brust prangt der hebräische Buchstabe Tzade in Form eines winzigen Scherenschnitts – Berman lässt die Künstlerin und ihr Werk hier geradezu ikonenhaft erscheinen.
Aus den Fotografien lässt sich nicht nur die persönliche Freundschaft herauslesen, die ihn mit DeFeo verband, sondern auch das künstlerische Umfeld einer Szene, die von Kollaboration, experimentellem Austausch und gegenseitiger Wertschätzung geprägt war. Auch "The White Rose" muss in diesem Sinne verstanden werden: Conner war nicht als stiller Beobachter anwesend, sondern als Freund, der der Künstlerin während der stundenlangen Tortur, die der Abtransport von "The Rose" für sie bedeutete, Gesellschaft leistete – oft sogar ohne Kamera, dafür aber Mundharmonika spielend. Etliche Jahre später sagte DeFeo über den Film: "Es ist die einzige Aufnahme, die 'The Rose' so zeigt, wie sie wirklich war – in ihrem natürlichen Lebensraum."