Prekäre Lebensrealitäten

Warum die Kunstwelt über Armut reden muss

Für viele Kunstschaffende ist allein die Beschaffung von Material eine finanzielle Herausforderung
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Kunst kostet: Für viele Künstlerinnen und Künstler ist allein die Beschaffung von Material eine finanzielle Herausforderung

Das Bild des armen, aber genialen Künstlers ist längst entzaubert. Trotzdem spricht der Kulturbetrieb nur ungern über die prekären Lebensrealitäten seiner Protagonisten. Zeit, das Tabu zu brechen

Es ist die Angst. Sie wiegt bei allen schwer. Zuzugeben, als Künstler nicht von seiner Arbeit leben zu können, ist ein großes Tabu. Und dieses ist gleichzeitig ein Paradox: Denn es betrifft den Großteil der Kunstschaffenden. Und trotzdem wird alles getan, um es nach außen zu verbergen. Die leuchtende, schicke Kunstwelt besteht aus Illusionen, die nur für eine kleine Elite Realität sind. Die glänzende Fassade wollen aber fast alle aufrechterhalten. Anzüge für Vernissagen werden geliehen, Ateliers durch das Einkommen des Partners finanziert, Farben vom Bürgergeld gekauft. Kataloge werden in Auftrag gegeben, die am Ende nicht bezahlt werden können. 

Dabei gilt immer noch: Eine Galerie ist ein sicherer Hafen. Wer es sogar auf die feste Liste bei kommerziell ausgerichteten Händlern geschafft hat, kann sich glücklich schätzen. Finanziell wird es ihm oder ihr besser gehen. Meint man. Umso größer wird die Scham, in Wirklichkeit prekär zu leben.

Rafael Burchard (Name geändert) stand zehn Jahre lang im Portfolio einer großen Galerie mit internationaler Messebeteiligung. Zwei Jahre lief es gut. "Das waren unsere Honeymoons. Sie zeigten meine Arbeiten auf zwei der umsatzstärksten Kunstmessen. Auch Einzelausstellungen hatte ich in ihren Räumen. Bis ihre Hauptsammler dann plötzlich von anderen Künstlern mehr kauften und von mir weniger. Ab da hörte ich von meinem Galeristen nichts mehr. Die ganze Situation war wie eingefroren. Jahrelang. Mein Name stand zwar noch auf ihrer Künstlerliste, aber ich war ein Geist. Das hat mich mental stark belastet. Ich habe dann andere Jobs gemacht, stand aber weiterhin jede Woche 40 Stunden im Atelier. Für die neuen Arbeiten hat sich meine Galerie nicht mehr interessiert. Es herrschte Schweigen." 

Künstler als ökonomische Mischwesen

Burchard möchte nicht unter seinem richtigen Namen sprechen. Er löste sich von der Galerie, stellt weiterhin aus, in Kunstvereinen und Institutionen, meistens sind es Gruppenausstellungen, manchmal verkauft er noch etwas aus seinem Atelier heraus. "Aber niemand möchte mit einem Künstler als ökonomisches Mischwesen zusammenarbeiten. Wer nicht von seiner Kunst leben kann, gilt nicht als richtiger Künstler." Rafael Burchard hat Angst, dass er keine Ausstellungseinladungen mehr bekommt und es keine Kaufinteressenten mehr gibt, wenn er offen zugibt, dass er gerade eine Schulung im sozialen Bereich absolviert.

Wie ihm geht es vielen. Jemand mit Einblick hinter die wirtschaftlichen Kulissen im Kunstbetrieb ist Hergen Wöbken, Leiter des Instituts für Strategieentwicklung. Seine aktuelle Studie zur Situation Bildender Künstlerinnen und Künstler in München und Oberbayern ergab, dass das durchschnittliche Nettoeinkommen bei 962 Euro im Monat liegt. Die Armutsgrenze lag 2016 bei 1350 Euro. Durchschnittlich arbeiten die Künstlerinnen und Künstler 66 Wochenstunden, bei mehr als der Hälfte setzt sich die Arbeitszeit aus 22,4 Stunden für die Kunst, 21 Stunden in sonstigen Jobs und 23,5 Stunden Care-Arbeit zusammen. Der Gender Pay Gap, also der Verdienst-Unterschied zwischen Männern und Frauen, lag bei 29,5 Prozent.

In Berlin sieht die Situation nicht wirklich besser aus. Der Bundesverband der Bildenden Künstlerinnen und Künstler, veröffentlichte 2019 ähnliche Zahlen: 59,3 Prozent der Kreativen kommen durch den Verkauf von Werken nicht über einen Verdienst von 5000 Euro im Jahr. 

Alle Türen offenhalten

Und wie sieht es bei den Künstlerinnen und Künstlern aus, die einen festen Platz in einer Galerie haben? "Es gibt ungefähr 1000 Galerien in Deutschland, davon 100 bis 150 im Topsegment. Nach meinen Einsichten machen davon 20 Prozent der Künstler 80 Prozent des Umsatzes aus. Das heißt, dass auch in Top-Galerien, die auf Messen wie der Art Cologne oder der Art Basel vertreten sind, viele Künstler nicht von ihrer Kunst leben können", so Wöbken.

Aber warum tun sich Betroffene so schwer, über Probleme zu reden? Auf der einen Seite trauen sich die Künstler nicht, ihren Galeristen oder ihre Galeristin konkret darauf anzusprechen, aus Angst, diese könnten die Gelegenheit nutzen, um sie hinauszuwerfen. Auf der anderen Seite scheuen aber auch Galerien das Gespräch, weil sie nicht zugeben wollen, dass sie das Interesse verloren haben, weil die Verkaufszahlen sinken. Außerdem können sie sich im Schweigen noch alle Türen offen halten. Das Miteinander in der Kunstwelt ist eine schwierige Kür. Meistens wird geliebt oder gehasst. Ein reflektiertes Dazwischen ist selten.

Hergen Wöbken empfiehlt Verträge zwischen Galeristen und Künstlern, "wie in allen anderen Wirtschaftsunternehmen auch. Keine großen bürokratischen Aufwände, eine Seite könnte schon reichen. Darin soll besonders das Miteinander festgehalten werden, für Transparenz und regelmäßige Gesprächstermine gesorgt werden."

Verlässliche Honorare sind die Ausnahme

Diese Gespräche könnten zur Evaluierung der Zusammenarbeit, zur Strategieentwicklung und beruflichen Karriereplanung für die nächsten Jahre genutzt werden. Leider halten die meisten Galerien nichts von Verträgen, Kommunikation bleibt eine Frage der Laune. Sehr wenige der Top-Galerien zahlen jedoch monatliche Honorare an ihre Künstler, gerade in schwierigen Zeiten - ein Traum für alle Kunstschaffenden.

Lange stand Armut dem Bild eines originellen und talentierten Künstlers nicht entgegen. Im Gegenteil, über die letzten Jahrhunderte bis zur Moderne herrschte Verständnis, ja sogar ein romantisches Ideal eines genialen, aber prekären, komplizierten Lebenskünstlers; eines Poeten oder Malers, der in seiner kleinen, kalten Dachkammer Großes zustande brachte und in den beengten Räumen seine beruflichen Kontakte authentisch mit schlechtem Wein aufwärmte. 

In den letzten Jahrzehnten wurde dieser Genietypus, den man hauptsächlich Männern zusprach, aus guten Gründen dekonstruiert, in erster Linie, um die Künstlerrolle diverser zu besetzen. Heute treten dagegen finanzieller Erfolg, Professionalität und Lifestyle an vorderste Stelle. Doch auch diese Rollenzuschreibungen führen zu Ausschlüssen. Die wahren Lebensumstände der meisten, die durch Armut, Care-Arbeit, Lücken in der Ausstellungsvita oder fehlende Atelierräume geprägt sind, will niemand sehen. Der Druck wird erhöht.

"Zu rebellisch für Spielchen"

Bettina Semmer war in den 1980er-Jahren Teil der einflussreichen, männlich geprägten Malereibewegung der Neuen Wilden. Sie studierte bei Sigmar Polke, stellte mit Künstlerinnen wie Rosemarie Trockel oder Jutta Koether aus, wurde von mehreren Galerien vertreten. Sogar das Städelmuseum in Frankfurt am Main kaufte ein Gemälde für seine Sammlung. 

In den letzten 14 Jahren bis zu ihrer Rente arbeitete sie als angestellte Studienrätin für Kunst. Als alleinerziehende Mutter suchte sie Sicherheiten. "Galerien können einen auch vom einen auf den anderen Tag fallen lassen, zum Beispiel, wenn schlecht über einen geredet wird. Außerdem erlebte ich viele falsche Versprechungen, und bei Abendessen wurde ich auch schonmal mit einer Escortdame verwechselt, obwohl ich als Künstlerin eingeladen war. Um mir solche Spielchen gefallen zu lassen, war ich zu rebellisch. Da habe ich kurzerhand mit der jeweiligen Galeristin oder dem Galeristen gebrochen". 

Mit ihrer Malerei hat sie weitergemacht, den Projektraum Semmer-Berlin gegründet. "Ausstellungshonorare sind wichtig, aber davon kann man auch nicht leben. Bei Gruppenausstellungen sollte es je nach Künstleranzahl zwischen 250 und 800 Euro geben, aber dieses empfohlene Honorar bekommt man fast nur bei Institutionen, sonst eher nicht." Bettina Semmer entschied sich, ihre Geschichte nicht anonym zu erzählen. Sie steht dazu, dass sie auch nach erfolgreichen Jahren nicht immer von ihrer Kunst leben konnte.

Das Stigma des Prekären abbauen

Warum bekennen sich nicht mehr Künstlerinnen und Künstler zum Bürgergeld oder ihrem "Brotjob"? Vielleicht liegt es auch daran, dass ein Kunstkauf eine Investitionsmöglichkeit ist, ein Werk ein Spekulationsobjekt wie eine Aktie. So wird das problematische System verstärkt. Denn mit solch einer Einstellung setzen die wenigsten Sammler auf einen Künstler, der nebenher Taxi fährt. "Außerdem haben wir in Deutschland einen großen Überschuss an Kunstproduktion. Einerseits toll. Aber selbst, wenn in Berlin alle kaufkräftigen Bewohner die in der Stadt produzierte Kunst für ihre Wohnungen kaufen würden, dann wären mit dem großen Angebot aus nur einem Jahr alle ihre Wohnungen voll. Und dann? Für die Menge an Kunst gibt es hier einfach nicht genügend finanziell ausgestattete Kunstkäufer", so Wöbken.

Ausstellungshonorare allein werden nicht helfen. Um grundlegende Arbeitsverhältnisse zu verbessern, braucht es systematische Veränderungen, zum Beispiel gewerkschaftliche Organisationen der Künstler im Galerieunternehmen. Oder zumindest eine Art "Klassensprecher", der sich für faire Umgangsformen einsetzt. 

Vor allem braucht es gesamtgesellschaftliche Lösungen, nicht nur für die Kreativen. Eine Möglichkeit wäre ein staatliches Grundeinkommen, und zwar für jeden. Auch dafür könnte sich die Künstlerlobby starkmachen. Andererseits muss das Stigma des Prekären und des Bürgergeldempfängers abgebaut werden. Denn multi-additive Lebensfinanzierungen werden immer geläufiger, ausgestellter Reichtum wie bei Jeff Koons oder Damien Hirst als Qualitäts- und Geniemerkmal verliert in den jungen, sensibilisierten Generationen an Glaubwürdigkeit.