Berlin ohne Menschen

Die Stadt so still

Ist Berlin nicht langsam durchfotografiert? Andreas Gehrke beweist mit seinem neuen Buch das Gegenteil. Er zeigt die Stadt ganz ohne Menschen und arbeitet die starren Fragmente eines pulsierenden Ortes heraus

Es ist so still in den Bildern von Andreas Gehrke. Keine Bewegung, kein Mensch. Mit großer Ruhe und Genauigkeit hat sich der Fotograf durch seine Heimatstadt bewegt und sechs Jahre lang an seinem neuen Buch gearbeitet. Dabei ist er offenbar immer zu Zeiten unterwegs gewesen, in denen alles abwesend war, wofür die Stadt sonst so berühmt ist: Getümmel, Sensation, Energie fehlen vollkommen.

Berlin-Bücher von Berliner Fotografen gibt es viele. Andreas Gehrke hebt sich deutlich davon ab. Denn ihm geht es nicht darum, das allseits bekannte Berlingefühl zu transportieren, er will nicht das Bild des pulsierenden, improvisierten, sich immer wieder selbst erfindenden Moloch festhalten. Mit der Großformatkamera schießt er auch alles andere als aus der Hüfte. Diese Bilder sind sorgsam gebaut, sie haben exakte Linienverläufe, ihre Ausschnitte sind mit großer Bedacht gewählt. Aber was zeigt er eigentlich? Die Kante eines verputzten Gemäuers. Das Sims einer Altbaufassade. Eine einzementierte gekachelte Säule. Einen kahlen Baum.

Sind diese Details, die er nach mal mehr, mal weniger nachvollziehbaren Kriterien aussucht und in die er sein ganzes fotografisches Können investiert, spezifisch für Berlin? Oder muss man wissen, wo man sich befindet, damit sich die Erzählung entfaltet? Auch die Titel ("Ruhlsdorfer Straße, Kreuzberg (Detail)" zum Beispiel) geben wenig Aufschluss.

Eine an Verpanzerung grenzende Lähmung

Hier wählt ein Künstler eine für die Sache, für Berlin, ungewöhnliche Methode und seltsame Motive, und es ist faszinierend, wie er genau dadurch zu einer tieferliegenden Schicht vordringt. Als läge unter der hauptstadtgemäßen Verpflichtung zur Aufgeregtheit eine zutiefst deutsche, an Verpanzerung grenzende Lähmung. Auch die will gesehen, kann fotografiert werden, stellt der Fotograf hier fest, und zwar ohne sie bloßzustellen. Denn auch das gibt es ja zuhauf – demaskierendes fotografisches Aufspießen deutscher Biederkeit, nichts leichter als das. Wenig davon ist in die Fotogeschichte eingegangen.

Dabei ist die Fotografiegeschichte untergründig präsent bei Andreas Gehrke, er erzählt sie bewusst mit. In Ansichten von Straßenzügen wie dem Nachkriegs-Flachbau an der Martin-Luther-Straße grüßt zum Beispiel Michael Schmidts Schwarzweiß-Serie "Berlin Wedding" von 1978 als entfernte Referenz herüber, genau wie man bei menschenleeren Straßenfluchten mit parkenden Autos auch immer Thomas Struth im Bildgedächtnis hat. Trotzdem, Gehrke hat sich genau diese Stadt und genau dieses Medium ausgesucht, wo schon alles gezeigt, gesagt und durchfotografiert zu sein scheint. Doch er widerlegt diese Annahme unbeirrbar und mit langem Atem. Poetisch und nüchtern zugleich, scheinen diese Fotografien selbst in Stein gemeißelt zu sein, so ewig gültig und unverrückbar wirken sie. Woher aber beziehen sie trotzdem diese Aktualität? Wahrscheinlich, weil dieses Grundgefühl eines großen Ganzen, das zusammengesetzt ist aus starren, dysfunktionalen, sich gegenseitig blockierenden Fragmenten so aktuell ist.