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Ausstellung in München

Im Haus der Kunst geht Kiki Smith unter die Haut

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Kiki Smiths Ausstellung im Münchner Haus der Kunst, ihre Darstellung von roher, oft geschundener Weiblichkeit, platzt mitten in den globalen #MeToo-Moment

Die Prozession ist aus dem Ruder gelaufen. Kein triumphaler Marsch, kein erhabener Trauerzug, sondern eine versprengte Parade der Versehrten. Körper aus Bronze, Wachs und Papier kauern an der Wand, krümmen sich auf dem Fußboden, werden von Waldtieren geboren oder zeigen sich gekreuzigt, bandagiert und in Stücke zerteilt. Die Zeremonienmeisterin ist die in Nürnberg geborene US-Künstlerin Kiki Smith, die sich seit drei Jahrzehnten in den unterschiedlichsten Medien mit dem (in ihrem Fall meist weiblichen) Körper beschäftigt.

Mit der von Petra Giloy-Hirtz kuratierten Schau "Procession" zeigt das Haus der Kunst in München nun den bisher umfangreichsten Werk­überblick der 64-Jährigen. Die brutale Überwältigungsarchitektur des Nazibaus von 1937 erweist sich für die organischen Formen der Künstlerin als ideale Reibungsfläche. Die massiven Räume lassen ihre kreatürlichen Figuren noch verletzlicher wirken, gleichzeitig nehmen sie den üppigen, märchenhaften Wandteppichen mit Tier- und Pflanzenmystik den Kitschverdacht.

Kiki Smiths Ausstellung, ihre Darstellung von roher, oft geschundener Weiblichkeit, platzt mitten in den globalen #MeToo-Moment, der die teils 30 Jahre alten Werke in die Gegenwart katapultiert. Wer partout eine Erkenntnis aus dem Museum heraustragen möchte, kann feststellen, dass Weiblichkeit schon immer eine symbolisch überfrachtete Kategorie war. Biblische Gleichnisse, mittelalterlicher Heiligenkult, Aids-Krise: Die Kulturgeschichte ist eine Abfolge von Kämpfen um Deutungshoheit über Körper. Diese Geschichte betrifft nicht nur Frauen, sie wurde aber selten von Frauen erzählt.

Kiki Smith ist eine be­gnadete Erzählerin mit einem Hang zum Sinnlich-Spirituellen, doch die Münchner Schau offenbart noch eine andere Facette ihres Werkes: Die Wurzeln ihres Schaffens liegen im Minimalismus. Im ersten Raum wird deutlich, wie sie sich in den 80er- und 90er-Jahren dem Körper über klare Formen annähert. Das Verdauungssystem als eiserne Linie, Abdrücke von Brustwarzen als abstraktes Punktebild, der Abguss eines Schwangerschaftsbauchs als Schutzschild aus Metall.

Auf einem Regal steht aufgereiht eine Serie versilberter Apothekerflaschen, auf denen in Frakturschrift Körpersekrete aufgelistet sind – schon die Worte Schleim, Blut und Erbrochenes reichen aus, um die glatte Oberfläche der Flaschen unbehaglich mit den tabuisierten Substanzen zu verknüpfen. In der Mitte des Saals steht eine gehäutete Jungfrau Maria aus Wachs, die mit den traditionellen Darstellungen in der Kunst nur noch den keuschen Blick zu Boden gemeinsam hat. Unter der Haut, das wird im Haus der Kunst immer wieder deutlich, liegt für Kiki Smith etwas Universelles. Alles andere sind nur Geschichten.

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