Opioid-Krise

Nan Goldin macht Mäzenatenfamilie für ihre Drogensucht verantwortlich

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Nan Goldin hat in einem Essay ihre erneute Drogensucht öffentlich gemacht. In dem persönlichen Text greift die berühmte US-Fotografin die Mäzenatenfamilie Sackler an: Deren Unternehmen stellt ein Medikament her, durch das die Künstlerin zum Junkie geworden sei

"Ich habe meine Opioid-Krise überlebt. Ich bin knapp entkommen." Damit beginnt Nan Goldin, eine der bedeutendsten Fotografinnen der Welt, ihren jetzt in dem US-Kunstmagazin "Artforum" veröffentlichten Text. Er soll als Aufruf verstanden werden gegen die Hersteller des Schmerzmittels Oxycontin, von dem die heute 64-Jährige abhängig war: gegen den Pharmakonzern Purdue und deren Inhaber, die Unternehmerfamilie Sackler.

Die Opioid-Krise ist in den USA zu einer Epidemie herangewachsen. Jeden Tag sterben hunderte Amerikaner an einer Überdosis Schmerzmittel, Tausende sind abhängig. Pharmaunternehmen verdienen mit dem Verkauf dieser Medikamente ein Vermögen. Die Sackler-Familie gehört laut "Forbes"-Magazin mit einem Vermögen von 13 Milliarden Dollar zu den reichsten Familien der USA. Seit 1995 bietet Purdue das Schmerzmittel Oxycodon unter dem Handelsnamen Oxycontin an. Von Anfang an ist die Wirkung des Medikaments hoch und der abhängigmachende Effekt systematisch heruntergespielt worden: Weil das Suchtpotenzial in der Packungsbeilage nicht ausreichend gekennzeichnet war, wurde Purdue Pharma von der US-Aufsichtsbehörde 2007 zu einer Strafe von über 600 Millionen Dollar verurteilt.

Nan Goldin, die lange in Berlin lebte, sei durch eine Operation zum ersten Mal mit Oxycontin in Kontakt gekommen. Sie habe es verschrieben bekommen, ordnungsgemäß eingenommen und sei noch in derselben Nacht abhängig geworden. "Es war die stärkste Droge, die ich je genommen habe."

Goldin ist bekannt für ihren fotografischen Blick auf Sex, Gewalt und Drogen; ihr Frühwerk war auch immer eine Auseinandersetzung mit ihrem eigenen Drogenkonsum. Goldin lebte seit 1988 überwiegend drogenfrei. Oxycontin habe ihren Rückfall verursacht: "Mein Leben bestand nur daraus an Oxy zu kommen. [Die Pillen] verkleinern und schnupfen war ein Vollzeitbeschäftigung. Ich verließ kaum noch das Haus. Wenn das Geld für Oxy ausging, besorgte ich andere Drogen. Das Ende war eine Überdosis Fentanyl." Damit beschreibt die Künstlerin ein typisches Muster für viele Opiat-Süchtige. Goldin habe ihre Sucht mit der Kamera porträtiert.

Ihr Entzug habe im Januar 2017 begonnen, seit einem Jahr sei sie clean. "Ich kann nicht zusehen, wie noch eine Generation verschwindet", schreibt Goldin mit Bezug zur AIDS-Epidemie, bei der sie in den 80er-Jahren zahlreiche Freunde verlor. Der Namen Sackler sei ihr nur aus dem Museumsbetrieb geläufig gewesen. Über Stiftungen fördert die Familie zahlreiche Institutionen: Es gibt etwa den Sackler Wing im Metropolitan Museum of Art in New York, den Sackler Wing of Oriental Antiquities im Louvre, die Arthur M. Sackler Museen in den Universitäten Harvard und Peking oder die Serpentine Sackler Gallery in London. "Weltweit floss das Blutgeld in Museen und Universitäten. Wir fordern die Familie Sackler und das Pharmaunternehmen Purdue dazu auf, mit ihrem Vermögen Suchtbehandlungen und -beratungen zu finanzieren."

"P.A.I.N. (Prescription Addiction Intervention Now)", so heißt Goldins Gruppe, die ihre Kampagne leiten soll. Es gibt bereits den Instagram-Account sacklerpain und ein Konto auf Twitter mit bisher nur einem Tweet: #ShameonSackler.

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