Begründer der fotorealistischen Malerei

Künstler Malcolm Morley stirbt mit 86 Jahren

ANZEIGE

Der New Yorker Maler Malcolm Morley ist tot. Als Begründer des Fotorealismus, Pate des Neoexpressionismus und erster Turner-Preisträger schrieb er gleich mehrfach Kunstgeschichte

Malcolm Morley erfand in den 60er-Jahren fast im Alleingang des Fotorealismus, wandte sich in den 70er-Jahren von der realistischen Malerei ab und initiierte den Neoexpressionismus.

Geboren wurde Morley 1931 in London, seinen Vater lernte er nie kennen, sein Stiefvater war ein Tyrann. 1944 zerstörte eine deutsche Fliegerbombe sein Elternhaus, der Schutt begrub ein Schiffsmodell, das Morley am Tag zuvor beendet hatte. "Vielleicht war meine Kunst immer eine Suche nach diesem einen, perfekten Modell", sagte er einmal. Bis zuletzt beruhten viele seiner Arbeiten auf Modellen.

Als 13-Jähriger ging er auf eine Schifffahrtschule, heuerte als Schiffsjunge auf einem Schlepper an, danach schlug er sich mit kleineren Diebstählen durch. Nach einem Einbruch wurde er zu drei Jahren Haft verurteilt. In seiner Zelle begann er zu zeichnen und las "Lust for Live", Irving Stones Biografie von Vincent van Gogh. "Die Größe und Pathetik reizten mich, und ich dachte: Das ist etwas, was auch ich erreichen kann. Auch ich kann ein Künstler sein", erzählte Morley 2009 im Monopol-Interview.

Pionier der fotorealistischen Malerei

Nach seiner Entlassung begann er ein Kunststudium, unter anderem am Londoner Royal College of Arts. Als er seine zukünftige Frau kennenlernte (er war fünf Mal verheiratet), folgte er ihr nach New York. Dort entwickelte er eine Methode, die ihn berühmt machte: Mit Hilfe von Rastern, die er über Fotografien legte, übertrug er die fotografischen Vorlagen Stück für Stück auf großformatige Leinwände.

Morleys fotorealistische Gemälde wurden der Beginn einer der wichtigsten Kunstbewegungen der 60er- und 70er-Jahre: Robert Bechtle, Chuck Close, Richard Estes und viele andere machten sich daran, Diner, Tankstellen, Porträts, Straßenszenen von Fotografien abzumalen. Morley: "Ich war so angepisst!" Er lehnte den Begriff Fotorealismus als belei­digend ab ("Die Frau des Kritikers Lawrence Alloway, eine Oberschichtdame, hat das Wort erfunden"), auch hielt er das Wort für unpassend – er selbst sprach lieber von Superrealismus oder "fidelity paintings" ("fidelity" heißt Treue).

Seine Gemälde waren mehr als möglichst genaue Wiedergaben der Vorlagen. Bevor Morley die kleinen Quadrate seines Rasters ausmalte, drehte er die Leinwand auf den Kopf und deckte die Fläche, die er nicht bemalte, ab, um sich nicht von der Erinnerung oder dem Blick auf das Gesamtobjekt ablenken zu lassen. Übersprang er versehentlich eine Reihe, ließ er den Fehler bestehen, sodass beispielsweise ein Kopf dann etwas schief auf einem Hals hängt, sein Bild dadurch eine kubistische Dimension gewann.

Doch auch wenn nichts schiefging, war der Effekt seiner Mosaikmalerei, dass die einzelnen Zellen alles andere als gegenständlich sind – es sind kleine, abstrakte Farblandschaften, die in der Nahsicht halluzinogen flimmern und nur im Zusammenspiel ein figuratives Bild ergeben. Oft ist die Nähe seiner Bilder zur Pop-Art erwähnt worden – doch Morleys Oberflächen sind nicht kalt, sie sind quicklebendig. "Ich mag keine Gegenstände, ich mag Ereignisse", sagte Morley. Sein Superrealismus ist näher an Cézanne als an Warhol.

Bruch mit dem Fotorealismus

Sein vorerst letztes realistisches Bild malte Morley 1970. "Race Track“ entstand nach einer Werbepostkarte, die ein Pferderennen in Durban im Apartheitsland Südafrika zeigt. "Freitagabend war das Bild fertig", erinnerte sich Morley, "danach ging ich zusammen mit meinem Freund Tony Shafrazi ins Kino: Wir sahen Costa Gavras Film 'Z', und als wir rauskamen, waren wir so voller Wut, dass wir Polizisten verprügeln wollten. Wir gingen stattdessen in mein Studio, nahmen das Bild und druckten das X darüber."

So wie Rauschenberg de Kooning ausradierte, radierte Morley sich mit "Race Track" selbst aus, ruinierte seine eigene Marke. "Ich spürte damals einen unglaublichen Hass, auf die USA, den Vietnamkrieg, die Kunstwelt – und auf mich selbst", so Morley.

1973 entstand "Picadilly Circus" nach einer zerknüllten Postkarte des Platzes im Herzen von London. Grobe Farbschlieren ziehen über das Bild, ein Paar Frauenschuhe ist links unten zu sehen, in die Mitte des Gemäldes – dort, wo auf dem Brunnen des Platzes die Eros-Statue steht – hing Malcolm Morley eine Kordel, an der ein mit grauer Farbe gefüllter Plastikballon befes­tigt ist. Morley lud Freunde ein, Pfeile auf den Ballon zu werfen, auf dass sich die graue Farbe über das Bild ergießt. Das Bild entstand, als er sich gerade von seiner dritten Frau scheiden ließ. Die Pfeile stecken noch heute darin.

"Picadilly Circus" ist ein frühes Beispiel für die neoexpressionistische Phase, die Morley von nun an einschlug: wütende Gesten, dicke Farbmassen, eine konzeptuelle, sich ihrer eigenen Mittel sehr bewusste Malerei.

Das unterschied Morley von den meisten Malern des Neoexpressionismus, der in der von Norman Rosenthal an der Royal Academy in London kuratierten Schau "A New Spirit of Painting" 1981 einen ersten Höhepunkt fand. Morleys Bild "Parrots II" (1978) schmückte das Plakat der Ausstellung, die Maler der italienischen Transavanguardia, die Neuen Wilden aus Deutschland sowie David Salle und Eric Fischl aus den USA versammelt. 1984 erhielt Morley den erstmals vergebenen Turner Prize.

"Hätte ich gewusst, dass ich Monster wie Julian Schnabel, David Salle und diese Leute hervorbringen würde, hätte ich mir die Hände abgehackt", sagte er in einem früheren Interview. In den 90er-Jahren ging er auf lange Reisen um die Welt und malte Aquarelle: Stillleben, Strandszenen und Tiere, eine Flucht aus der Kunstwelt in die Exotik und den Primitivismus.

Morleys Malerei handelt zuallererst von der Malerei selbst

Seit der Jahrtausendwende malte er ähnlich superrealistisch wie in den frühen Arbeiten: Seine Motive waren Eishockeyspieler, Auto- und Motorradrennen, manchmal auch Verkehrsunfälle.

Rückblickend wird an diesen Bildern ein Ansatz deutlich, der sich dann vielleicht doch als Konstante durch sein Werk zieht: Morleys Malerei handelt zuallererst von der Malerei selbst, davon, einen Wahrnehmungsvorgang auf die Leinwand zu bannen. Seine fidelity paintings sind weniger ihren Vorlagen treu als dem Akt des Sehens. Raster waren für ihn, ähnlich wie Archetypen in der Psychoanalyse, ein Weg, das Erfahrene aus dem Unbewussten an die Oberfläche zu holen. Als Betrachter muss man diesen Weg genau andersherum gehen, weg von den großen blow-ups seiner Spektakel, hin zu den kleinen, abstrakten Minidramen, die sich in jedem Quadrat abspielen – und wenn man dann wieder zurück auf Gegenständlichkeit fokussiert, ist es, als würde man ein Motorrad, ein Schiff zum ersten Mal sehen.

"Es ist weit schwieriger, ein abstraktes Bild zu malen, das realistisch ist, als ein abstraktes Bild, das abstrakt ist", so der Künstler im Monopol-Interview. Am Samstag meldete die Galerie Xavier Hufkens in Brüssel den Tod von Malcolm Morley.

 

Drucken

Weitere Artikel aus Interpol