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Louise Bourgeois in Berlin

Klaustrophobisch

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Im Berliner Schinkel Pavillon zaubert Louise Bourgeois mit Körpern und Käfigen

In den letzten Jahrzehnten ihres Lebens hat Louise Bourgeois kaum noch ihr New Yorker Studio verlassen. Die Künstlerin, die sich unermüdlich ins Bewusstsein der Kunstwelt gearbeitet hatte, bis sie mit 80 als später Superstar erglühte, schloss sich ein und machte Kunst übers Eingeschlossensein – Zellen, Käfige, der Mutterleib.

Einige dieser großartig klaustrophobischen Räume aus ihrem Spätwerk lassen sich derzeit im Schinkel Pavillon in Berlin entdecken. Während die Glasfassade des achteckigen Ausstellungsraums den Blick auf die Luxus-Ghettoisierung der historischen Mitte freigibt, weist die einzelne, vergitterte Installation im Zentrum vor allem ins Innere. In der ovalen Zelle hängen membranartige Stoffsäcke, die sich als Motiv durch die Ausstellung ziehen. Daneben türmen sich flache, helle Steinchen zu einer Wirbelsäule auf. Auf dem instabil wirkenden Turm hängt ein Fellschal, den Louise Bourgeois selbst getragen haben soll. Zu den kühlen Metallen kommt der warme Gedanke an Haut und Haar, und der Körper der Künstlerin scheint durch den Raum zu geistern.

Im Untergeschoss des Schinkel Pavillons, einer ehemaligen Gaststube, sind unter Ausschluss von Tageslicht vier Glasvitrinen zu sehen, in denen wie in mutierten Dioramen Organismen seziert werden. Eine Sammlung von Bourgeois' Barett-Mützen wird zu einem Pastellwesen, das ausschließlich aus Brüsten zu bestehen scheint, aus einer Traube aus feinen Beutelchen könnte jeden Moment etwas schlüpfen.

Obwohl die Exponate den großen Museums­retrospektiven der vergangenen Jahre in nichts nachstehen (eine Vitrine ist eine Leihgabe aus der Tate), weigert sich der Schinkel Pavillon, sie ausschließlich museal zu inszenieren. In der erstmals geöffneten Küche hängen Zeichnungen an türkisfarbenen Fliesen, die an ein Schlachthaus erinnern. Das gnadenlose Scheinwerferlicht unterstreicht die Brutalität der Werke, in denen Föten in blutroten Bäuchen schweben und unter gigantischen Brustwarzen zu verkümmern scheinen.

Die Themen Geburt und Tod wabern schon immer durch die Kunst der gebürtigen Französin, in den letzten Jahren vor ihrem Tod 2010 werden sie jedoch konkreter als je zuvor. Die Variationen auf den Mutterleib bringen ihre Lebens­themen zusammen: Geborgenheit, Eingesperrtsein und das Rätsel der eigenen Herkunft. Die Metaphern weichen dem Eigentlichen.

Man verlässt den Schinkel Pavillon mit dem bekannten Gefühl nach einer Louise-Bourgeois-Ausstellung: dass es eine Magierin braucht, um so verzauberte Räume zu schaffen.

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