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Duo-Schau

In Leipzig übernehmen Mona Hatoum und Ayşe Erkmen die Kontrolle

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Unter dem Titel "Displacements/Entortungen" bringt das Museum der bildenden Künste Leipzig Ayşe Erkmen in Dialog mit Mona Hatoum

So wie Jesus übers Wasser gehen – dieses Erlebnis machte Ayşe Erkmen bei den Skulptur Projekten Münster möglich. Nun bringt das Museum der bildenden Künste Leipzig unter dem Titel "Displacements/Entortungen" Ayşe Erkmen in Dialog mit Mona Hatoum.

Identität, Kontrolle und Macht sind beider Themen, formal greifen sie Überlegungen der Konzeptkunst und der Minimal Art auf, wobei insbesondere Hatoum diese um persönliche Narration und politische Metaphern ergänzt. So schwebt im Untergeschoss des Museums "Impenetrable" (2009): Dünne Metallstangen hängen an Angelschnüren über dem Boden, geometrisch schön ist der so entstehende fragile Kubus. Doch der verwendete Stacheldraht stört das Bild, ruft Assoziationen an Zäune, Grenzen und Gefangenschaft hervor. Nebenan stehen eine mit Neonschnüren durchzogene Weltkugel und 13 Stahlgerüste, die an Fünffach-Stockbetten in Lagern erinnern, an der Wand ein Werbemotiv von 1988, das die Künstlerin mit einem Spielzeugsoldaten auf der Nase zeigt.

Mehr auf das sensorische Erleben setzen hingegen die Werke von Ayşe Erkmen: 22 farbige Glasscheiben sind unter Strahlern angebracht und erzeugen gleich einem überdimensionalen gotischen Kirchenfenster ein Farbmeer im sonst leeren Raum. Aus Schutt von Leipziger Baustellen besteht ein Readymade-Ziegelsteinhaufen mit hineingerammter Neonröhre, daneben hängt ein Vorhang aus mit ihrem eigenen Namen versehenen Bändern. Subtiler als bei Hatoum verhandelt Erkmen Wahrnehmung, die Verortung des Individuums, aber auch die Schönheit des Schrecklichen, etwa wenn Handgranaten als froschgrüne Animationen über Bildschirme flimmern.

Die Künstlerinnen kommen auch mit der Sammlung des Hauses ins Gespräch: Im zweiten Obergeschoss hängt hinter einer auf die Dimensionen einer Museumsbank vergrößerten Käsereibe – Hatoums "Daybed" (2008) – der heilige Hieronymus von Diego Polo aus dem 17. Jahrhundert. Und Erkmen lässt im Klinger-Saal des Museums, wo Jesus am Kreuz hängt und Beethoven als Monumentalskulptur thront, einen Kanon erklingen, den Letzterer einst als Liebes- oder Freundschaftserklärung an eine Schauspielerin komponierte. Erkmen ließ ihn von einer Frauenstimme einsingen und sampelte diese in leichter Disharmonie übereinander. Eine Arbeit, die das museal-sakrale Setting souverän persifliert.

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