Ausstellungsprojekt

Kunst trifft Kohle

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Bei dem Mammut-Ausstellungsprojekt "Kunst & Kohle" blicken 17 Museen im Ruhrgebiet gemeinsam auf das Ende der Steinkohleförderung

Der Titel erinnert an jenes "Kunst gegen Kohle"-Motto, das 1946/47 nach einem schweren Winter zu einem wahren Mythos führte: Damals fragten Hamburger Theater im Ruhrpott verzweifelt nach Heizbarem, als Gegenleistung wurde in Recklinghausen hochklassiges Theater gegeben. Die Ruhrfestspiele waren geboren. Sie finden stets ab dem 1. Mai statt, ihnen zur Seite stehen nun ab dem 5. Mai 150 künstlerische Positionen in 17 Museen in 13 Städten. "Das größte städteübergreifende Kunstprojekt, das je zu diesem Thema umgesetzt wurde", so die Macher. Entsprechend breit aufgestellt ist das Programm in der sehr ausdifferenzierten Kunstlandschaft der Region.

Aufreger in der Lokalpresse war vor allem Ibrahim Mahamas "Coal Market". Der Ghanaer verhüllt auch nach der Documenta 14 weiter. Dass er sich dabei das Schloss Strünkede in Herne vorgenommen hat, dieses mit dreckigen, zusammengenähten, grob-braun-gelb-grauen Stoffsäcken aus Afrika, die einst Kaffee und Kohle transportiert hatten, verhängt hat, hat vor allem Brautpaare zur Verzweiflung getrieben, deren Hochzeitsfotos nun keinen Märchenschlosshintergrund mehr haben, sondern ein Großsymbol über die globale Zirkulation von Rohstoffen. Der Himmel über der Ruhr ist zwar wieder blau – wie es Willy Brandt 1961 versprochen hatte, doch jetzt kommen die Künstler und machen wieder alles dreckig.

Das mit 2,5 Millionen Euro ausgestattete Projekt, geleitet vom kürzlich abgetretenen Chef der Recklinghäuser Kunsthallen, Ferdinand Ullrich, hat den 17 teilnehmenden Häusern thematisch recht freie Hand gelassen. So ist die Beteiligung des Folkwang Museums in Essen recht überschaubar (einige Grafiken von Hermann Kätelhön (1884-1940) zur Ideallandschaft Industriegebiet in zwei Räumen), während anderswo zentrale Ausstellungen des Jahresprogramms dem Thema gewidmet werden.

Manches im Programm ist naheliegend, wie etwa die Fotografieserie "Bergwerke" von Bernd und Hilla Becher in Bottrop, die buchstäblich verkohlten Skulpturen von David Nash in Herne oder die Auseinandersetzungen der Konkreten Kunst und der Minimal Art mit "Schwarz" im Museum unter Tage in Bochum. Ungewöhnlicher schon die olfaktorische Annäherung von Helga Griffith, die einerseits eine Duft-Essenz der Kohlegewinnungsgeschichte als Parfüm hergestellt hat, andererseits einen echten 1,2 Karat-Diamanten im Labor gezüchtet hat. Essenzen des "Schwarzen Goldes", Verdichtungen von Natur- und Gesellschaftshistorie. Präsentiert werden Duft und Diamant in aufwändigen multimedialen Installationen im Mülheimer Kunstmuseum.

Arbeiten von Alicja Kwade (in Gelsenkirchen), Andreas Golinski (in Bochum), Collagen von Gert & Uwe Tobias (Recklinghausen) und neue Lichtkunst-Arbeiten von Diana Ramaekers, Dorette Sturm und Nicola Schrudde (in Unna) sind kleine Touren wert. Fußläufig verbunden sind die jeweils prominent besetzten Schauen im Lehmbruck-Museum und im DKM in Duisburg (hier ein sehr schöner Raum mit drei Bodenarbeiten von Richard Long). Hier in Duisburg findet auch der einzige Nachzügler statt: erst ab dem 8. Juni wird die Schau "Hommage an Jannis Kounellis" eröffnen. Die zuweilen raumgreifende Material-Kunst des Arte-Povera-Pioniers trifft im Museum Küppersmühle am Innenhafen auf Werke von Anselm Kiefer, Berner Venet oder Sun Xun.

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