Flüchtlingspolitik

Hiwa K und die "fiktive Nichteinreise"

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Was ist eigentlich die "Fiktion der Nichteinreise", von der jetzt alle sprechen? Auf der Documenta 14 präsentierte der Künstler Hiwa K eine Arbeit, die sich heute wie eine eigene Auslegung dieses Begriffes liest

Man könnte meinen, die Kunst habe nicht mehr viel zu sagen in diesen Tagen und Nächten der Regierungskrise, des bröckelnden Europas und der Pulverisierung dessen, was im Grundgesetz mal als Grundrecht auf Asyl verankert war. Doch dann taucht da diese schillernde, fast poetische Formulierung auf in dem Tweet, den die CSU-Staatsministerin Dorothee Bär mit einem frohlockenden "Habemus Einigung" in die Welt twitterte: "Zurückweisung auf Grundlage einer Fiktion der Nichteinreise."

Bewundernswert, wie exakt diese Formulierung den Sachverhalt trifft. Die Festung Europa offenbart sich als Luftschloss, gebaut aus irrationaler Angst und der irrigen Meinung, die Menschen draußen gingen sie nichts an. Den Selbstbetrug wenden die Festungsbewohner nach außen, in einer imaginären Auslöschung: "Fiktion der Nichteinreise." Ihr seid gar nicht da, ihr Menschen an den Grenzen. Ihr seid nur Zahlen, eigentlich: Schmeißfliegen, oder auch einfach Staub. Und falls ihr wider Erwarten dann doch existiert, dann gilt eben die reale Zurückweisung auf Grundlage der fiktiven Nichteinreise.

Das Kunstwerk zu dieser Fiktion gibt es bereits. Es stammt von Hiwa K, der es im vergangenen Jahr als Teil der Documenta 14 im Kasseler Stadtmuseum gezeigt hat. In dem Film "View from Above" lässt der im Irak geborene Künstler die Kamera langsam über das Modell einer zerstörten Stadt wandern. Dazu erzählt er die Geschichte des Flüchtlings M, dessen Asylantrag abgelehnt wurde, weil die Stadt in Kurdistan, aus der er stammte und wo er mit dem Tode bedroht wurde, den Gerichten als sicher gilt. Der Flüchtling M ging also in ein anderes Schengen-Land und legte sich eine andere Herkunft in einem offiziell unsicheren Gebiet zurecht. Er merkte sich Straßen und Plätze, erschuf sich eine neue Kindheit und eine neue Familie, bis er vergessen hatte, wer er wirklich gewesen war. Ihm wurde Asyl gewährt. Sein Leid war real. Aber sein Ich war nun eine Fiktion.

Hiwa K wird wahrscheinlich sofort verstehen, was ein fiktiv Nichteingereister ist. Die Formulierungs- und Verhandlungsmeister des Europas der Fiktionen sollten ihn dringend mal an ihren Tisch bitten, damit er ihnen die Schrift auslegt.

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