Grada Kilomba stellt in Berlin aus

"Wir leben in einem Zirkel der Gewalt"

Grada Kilomba "Storyteller", 2020
Courtesy the artist

Grada Kilomba "Storyteller", 2020

Die Künstlerin Grada Kilomba überführt die griechische Mythologie in die post-koloniale Gegenwart. Ein Gespräch über Antigone und "Black Lives Matter", die Wurzeln des Rap und das Geheimnis der Sphinx

Grada Kilomba, bevor Sie Künstlerin wurden, haben Sie Psychoanalyse studiert und mehrere Jahre in diesem Feld gearbeitet. Stammt ihre Faszination für die griechische Mythologie aus dieser Zeit?

Ich habe schon als Kind das Geschichtenerzählen geliebt und die Sagen der griechischen Mythologie. Später waren sie dann tatsächlich Teil des universitären Curriculums. Ich habe Psychoanalyse studiert - da ist an Antigone und Ödipus, Echo und Narziss und all den anderen Figuren definitiv kein vorbeikommen! Die griechische Mythologie erzählt von der Komplexität des menschlichen Schicksals, von Konflikten, denen wir uns stellen müssen. Sie schildert die Notwendigkeit, uns in einem steten Prozess der Selbsthinterfragung immer wieder neu zu erfinden. Dieser Gedanke inspiriert mich und gibt mir ein Gefühl der Ermächtigung: dass unsere Identitäten nicht festgelegt sind, sondern wir uns in konstanter Transformation befinden können, sei es durch Wissen, durch Freundschaft, durch Liebe.

An amerikanischen Universitäten herrscht derzeit ein Streit über den Umgang mit den Altertumswissenschaften, weil diese Rassismus transportieren sollen. Die renommierte Howard University in Washington hat jetzt bekannt gegeben, dass sie ihr "Department of Classics" auflöst. Was halten Sie davon?

Ich denke, diese Debatten verdeutlichen vor allem die Dringlichkeit, Geschichte neu zu erzählen und andere Perspektiven zuzulassen. Die griechische Mythologie gilt als universell, und das Universelle gilt als weiß – und da liegt das Problem. Denn dadurch werden so viele andere Wissenssysteme, so viele andere Mythologien vom Kanon und vom Curriculum ausgeschlossen. Es gibt eine Hierarchie des Wissens, und es gibt eine Hierarchie verschiedener Kulturen und Menschen. Wir dürfen nicht vergessen, dass Jahrhunderte der Kolonisierung alle andere Erzählungen und Kulturen unterdrückt oder ausgelöscht haben. Es ist schizophren, wenn in dieser Gesellschaft einmal im Jahr zum Karneval Kostüme der First Nation People getragen werden, die wir jahrhundertlang verfolgt und vernichtet wurden. Es ist schizophren, dass wir alle heute Capoeira lieben und davon schweigen, dass dieser Afrodiasporische Kampftanz als Widerstand gegen Vefolgung und Vernichtung entwickelt wurde, und bis in die 30er-Jahre hinein ein Capoeira-Verbot galt. Oder dass Hip-Hop geliebt wird ohne das Wissen, dass Rap auf afrikanischen Formen des Geschichtenerzählens beruht, auf der Figur des Griot, der als Sänger und Dichter kritisches Wissen weitergibt. Wenn ich in meiner Arbeit neue Aspekte der klassischen Mythologie sichtbar mache, geht es gerade darum, vorherrschende Hierarchien zu hinterfragen.

Ihre neue Arbeit greift jetzt die Sage von Antigone und Kreon auf. Was genau interessiert sie an diesen Figuren?

Antigone fasziniert mich schon lange. Ihr Mythos ist einer der wenigen, bei denen eine Frau im Zentrum steht, die das patriarchale System – in Gestalt von Kreon – herausfordert. Antigone ist die Tochter von König Ödipus, ihre Brüder haben sich im Streit um die Erbfolge getötet. Sie selbst darf als Frau keinen Machtanspruch geltend machen, daher wird ihr Onkel Kreon König von Theben. Kreon verbietet eine ordentliche Bestattung ihres Bruders, seine Leiche soll schmachvoll "beseitigt" werden, wogegen sich Antigone wehrt. Diese Geschichte wird üblicherweise als Lehrstück über Macht und Widerstand erzählt. Meine Lesart fokussiert aber vielmehr auf das Thema der Erinnerung und die Bedeutung von Ritualen und Zeremonien.

Grada Kilomba "Heroines, Birds and Monsters. Antigone, Act I", 2020
Courtesy die Künstlerin

Grada Kilomba "Heroines, Birds and Monsters. Antigone, Act I", 2020

Kreon will alle Spuren des Bruders tilgen, weil der sich gegen ihn aufgelehnt hatte. Antigone hingegen versucht, das Gedenken an ihren Bruder aufrecht zu erhalten.

Sie gerät dabei in den Konflikt zwischen der weltlichen und der göttlichen Macht. Soll sie den Regeln eines Mannes folgen – wissend, dass jeder Herrscher seine eigenen Regeln aufstellt? Oder soll sie den Regeln der Götter folgen, die ein anständiges Begräbnis vorschreiben? Welche Regeln repräsentieren Humanität und Würde? Dürfen einige Leichen bestattet werden und andere nicht? Wer hat das Privileg der Trauer und der Erinnerung, wem wird es verwehrt? Das sind alles natürlich sehr aktuelle Fragen.

Worin genau sehen sie die Aktualität?

Hinter uns liegen Monate der Pandemie, die die Schwächeren dieser Welt weit stärker trifft als die Mächtigen. Im Mittelmeer sterben Woche für Woche Menschen, deren Namen wir nicht einmal kennen, von denen sich kein Angehöriger verabschieden kann. Die Polizeigewalt gegen People of Colour in den USA, aber auch in vielen anderen Ländern, hält an. Wir leben – ganz wie Kreon – in einem Zirkel der Gewalt, und immer mehr Menschen wird klar, dass sich die Geschichte wiederholt, wenn wir nicht aktiv werden. Bewegungen wie "Black Lives Matter" oder Initiativen für Gender-Gerechtigkeit zeigen, dass wir uns dringend fragen müssen, welche Körper in unserer Gesellschaften als "vollwertig" menschlich erachtet werden und welche nicht. Wer ein Begräbnis bekommt und wer nicht. Kreon verweigert Antigone jedes Bestattungsritual, er will jedes Gedenken auslöschen, und das entspricht genau jener Logik, die etwa auch während der Sklaverei, in Diktaturen oder anderen oppressiven Systemen praktiziert wird. Diese Dimension am Mythos der Antigone hat mich am meisten fasziniert, gerade weil er in den üblichen Interpretationen meist übersehen wird.

Als weitere weibliche Figur taucht in einer Arbeit die Sphinx auf. Mit welcher Lesart gehen Sie an diese Figur heran?

Die Sphinx wird von den Göttern in eine Stadt entsandt, in der etwas Furchtbares geschehen ist. Sie sitzt auf der Stadtmauer und stellt jedem, der hinein oder heraus will, ein Rätsel. Kann der Mensch es nicht lösen, wird er oder sie von der Sphinx verschlungen. Mit diesem hybriden Wesen aus Frau, Vogel Löwen mahnen uns die Götter, dass wir unsere Geschichte kennen müssen, da uns dieses Monster, diese Geister der Vergangenheit, sonst stets heimsuchen und vernichten werden. Das Rätsel, das erst Oedipus zu lösen vermochte, lautet: "Welches Wesen ist am Morgen vierfüßig, am Mittag zweifüßig, am Abend dreifüßig?" Ödipus’ richtige Antwort lautet: "Du meinst den Menschen, der am Morgen seines Lebens, solange er ein Kind ist, auf zwei Füßen und zwei Händen kriecht. Ist er stark geworden, geht er am Mittag seines Lebens auf zwei Füßen, am Lebensabend, als Greis, bedarf er der Stütze und nimmt den Stab als dritten Fuß zu Hilfe." Das also ist die Aufgabe, die uns die Götter geschickt haben: Zu erkennen, dass wir menschliche Wesen sind! Die ethischen Konsequenzen daraus reichen bis heute: Wen erkennen wir als Menschen an? Sind wir wirklich alle gleich?

Grada Kilomba "Heroines, Birds and Monsters. Sphinx, Act II", 2020
Courtesy die Künstlerin

Grada Kilomba "Heroines, Birds and Monsters. Sphinx, Act II", 2020

Würden wir heute vor der Sphinx bestehen?

Ich denke, viel von dem politischen Backlash der vergangenen Jahre liegt genau darin begründet, dass wir fünf hundert Jahre koloniale Geschichte eben nicht kennen, dass wir sie eben noch nicht verarbeitet haben. Wir haben sie nicht anständig bestatten können, daher sucht sie uns, in der Gestalt von Rassismus, wie ein Gespenst heim. Aber gerade die junge Generation will ihre Geschichte kennen, sie will sich nicht mit dem Schweigen abfinden.

Spielt auf dieses Schweigen auch der Titel Ihrer aktuellen Berliner Ausstellung an: "The words that are missing"?

Ohne Zeremonien, ohne einen Ort der Bestattung gibt es auch keine Erinnerung. Du hast keine Worte und keine Erzählungen, du hast keine Geschichte und damit keine Zukunft. Wir sprechen heute vermehrt über racial equality, über LGBTQ-equality, über Gender-Gerechtigkeit. Aber meine Generation und viele vor mir wuchsen buchstäblich ohne Worte auf, um die eigene Lebensrealität auszudrücken. Oder, was noch schlimmer ist, man wächst auf mit Wörtern, die dich außerhalb der Menschheit platzieren. Mit Wörter, die dich als orthografischen Fehler markieren. Vielleicht ist es deshalb heute Aufgabe der Künstlerinnen und Künstlern, Wörter, Bilder, Erzählungen zu finden. Denn die vermeintlich universelle Ordnung schließt nicht alle ein. Und genau diese Ordnung wird von Antigone hinterfragt.