Fotograf Wang Qingsong über China gestern und heute

"Der Kommunismus ist wie eine Marke"

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Der Fotograf Wang Qingsong nimmt in seinen Arbeiten Bezug auf die chinesische Kulturrevolution, die er als Kind erlebte. Eine Ausstellung im Berliner Museum für Fotografie zeigt nun eines seiner Werke. Monopol sprach mit ihm über die Rolle von Bildern in der chinesischen Gesellschaft und die Bedeutung von Kommunismus für die jungen Generationen.

Wang Qingsong, Ihre großformatige Fotografie, die in der Ausstellung zu sehen ist, heißt "Wettbewerb" und visualisiert eine streng hierarchische Gesellschaft. Die Menschen auf Ihrem Bild versuchen, Werbeplakate aufzuhängen, obwohl schon längst kein Platz mehr an den Wänden ist. Manche klettern auf Leitern ganz bis nach oben, andere sitzen resigniert auf dem Boden, wo sich der Müll türmt. Ist das ein direktes Abbild der chinesischen Gesellschaft?
Ich nehme in dieser Arbeit Bezug auf die "Wandzeitungen", mit denen Mao 1966 die Kulturrevolution einleitete. Seine Anhänger produzierten sie massenhaft, um die Propaganda der Regierung zu verbreiten. Sie nutzten die Wandzeitungen aber auch, um ihre eigene Meinung in Bezug auf die Politik zu äußern. Auf meinem Bild jedoch ist jedes Plakat Reklame für ein bestimmtes Produkt. Heute ist jeder am eigenen Profit interessiert, jeder macht Werbung für sich selbst. In meinem Bild reißen die Leute andere Plakate herunter und werfen sie auf den Boden, um ihre eigene Werbung anzubringen.

Werbung ist also die Propaganda unserer Zeit.
Genau. Auf der anderen Seite ist auch Politik Profitgier. Man möchte die eigene Meinung durchsetzen – alle sollen hören, was ich sage! Politiker wollen die Massen kontrollieren. Politische Meinungsmache und kapitalistische Werbung haben beide einen betrügerischen Charakter.

Wer sind die Leute ihren Bildern? Mit wem arbeiten Sie zusammen, und wie entstehen Ihre Fotografien?
Ich arbeite größtenteils allein. Die Plakate an den Wänden habe ich alle selbst geschrieben. Für das Alltagsgeschäft habe ich fünf Assistenten. Die Menschen in "Wettbewerb" sind meine Assistenten und Bekannte von mir, sowie Leute, die gerade vor Ort waren.

Bei anderen Arbeiten wie "UN Party" oder "Follow You" involvierten Sie bis zu 1400 Menschen – wie bekamen Sie die zusammen?
Bei großen Installationen arbeite ich mit Statisten, die ich selbst bezahle. Vor zehn Jahren waren die Produktionskosten extrem niedrig – ich konnte damals 1000 Leute für insgesamt 10 Dollar am Tag buchen, inklusive Mittagessen für die Statisten. Heute ist sowas auch in China viel teurer.

Beeinflussen die Statisten mit ihren individuellen Geschichten den Inhalt Ihrer Bilder?
Nein. Die Statisten posieren regelmäßig bei solchen Massenevents. Sie werden sehr kurzfristig gebucht. Zwar bringen sie oft ihre ganzen Verwandten mit, doch nur, um mehr Geld für die Familie zu verdienen. Sie interessieren sich nicht für den Inhalt der Bilder, auf denen sie zu sehen sind.

Man hört oft, dass Mao immer noch ein großes Ansehen in der chinesischen Gesellschaft genießt. Stimmt das? Welche Unterschiede gibt es zwischen den Generationen?
Die Generationen, die die Kulturrevolution selbst erlebt haben, halten die Erinnerung wach. Die Oberschicht spricht noch immer von ihrem harten politischen Kampf. Die ländliche Bevölkerung hatte mit der Gesellschaftsmoral der Kulturrevolution eher wenig zutun – sie war für die materielle Produktion zuständig. Diese Leute nehmen deshalb die praktischen Aspekte wahr und denken, es sei damals besser gewesen als heute. Für sie gab es damals keine Korruption, keinen Diebstahl, keine Prostitution. Die junge Generation dagegen hat überhaupt keinen Bezug mehr zu der Zeit und interessiert sich auch nicht dafür.

Aus westlicher Sicht war die Kulturrevolution sehr gewalttätig, viele Menschen starben. In Arbeiten wie "Iron Man" und "123456 chops" reflektieren Sie diese Gewalt. Sind Chinesen eher an solche Bilder von Gewalt gewöhnt als ein westliches Publikum?
Nein, aber sie sind an Autoritäten gewöhnt. Schon die Eltern organisieren alles für ihr Kind und zeichnen die Konturen vor, in denen es leben wird. Das ist normal. Auch die kommunistische Partei handelt wie diese Eltern. Das war zur Zeit der Kulturrevolution so und es ist noch heute so. Die Menschen sind daran gewöhnt, dass jemand ihnen sagt, was sie tun sollen. Und gleichzeitig haben alle tief im Inneren Angst – sie haben die Hysterie der Massen erlebt. Viele Menschen schicken ihre Kinder ins Ausland. Sie haben Angst davor, dass wieder eine unkontrollierbare Situation kommt. Deshalb gibt es auch langsam wieder linke Tendenzen in der chinesischen Gesellschaft, unabhängig vom offiziellen Kommunismus.

Was bedeutet dieser Kommunismus noch für die jungen Generationen in China?
Der Kommunismus ist wie eine Marke. Einerseits glaubt man nicht mehr an die Ideale der Kommunistischen Partei, andererseits nutzt man sie für sich. Junge Menschen treten in die kommunistische Partei ein, um ihren zukünftigen Arbeitgebern zu vermitteln, dass sie "brave Jungs" sind, dass sie immer auf den Chef hören.

Während der Kulturrevolution kam die universitäre Lehre zum Erliegen, Professoren wurden auf offener Straße erschlagen. Wie hat das später Ihr Studium an der Kunsthochschule beeinflusst?
Ich habe Ende der 80er-Jahre angefangen zu studieren, da war an der Uni von der Kulturrevolution nichts mehr zu spüren. Es wurde noch viel davon erzählt, aber es wurde nicht mehr gelebt.

In der Ausstellung sind ausschließlich männliche Künstler vertreten, mit Ausnahme von Mu Chen, die aber mit ihrem Künstlerduo-Partner, Shao Yinong, verheiratet ist. Ist es in China für Frauen schwieriger als für Männer, mit Kunst erfolgreich zu sein?
Ich kenne sehr viele begabte Künstlerinnen, die großes Potenzial haben. Viele geben jedoch ihre künstlerische Karriere auf, sobald sie heiraten und eine Familie gründen – sofern der Ehepartner nicht auch Künstler ist. Das liegt auch daran, dass es schwieriger geworden ist, in China von seiner Kunst zu leben, weil die Lebenshaltungskosten rasant gestiegen sind.

Könnte die Ausstellung so auch in China gezeigt werden?
Alleinstehend können die Werke gezeigt werden, aber in ihrer Gesamtheit wäre die Ausstellung zu politisch. Sie wäre verboten.

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