"Facing India" in Wolfsburg

Indische Nachtstücke

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Mit "Facing India" zeigt das Kunstmuseum Wolfsburg den Subkontinent aus einem weiblichen Blickwinkel

Sechs Frauen, nackt, auf Hockern zu Gericht sitzend als gipsweiße Anklägerinnen: Bharti Kher, die Bekannteste aus der Künstlerinnenriege im Kunstmuseum Wolfsburg, hat die Leiber und Gesichter von Sexarbeiterinnen aus Kalkutta abgeformt. Auch Tejal Shah zeigt Randständige. Auf ihren Fotos sind es die indischen Hijras, sogenannte Eunuchen, Inter­sexuelle oder Transgender-Menschen, die Gewalt erfahren.

"Facing India" heißt die Schau aus weiblichem Blickwinkel. Sechs Künstlerinnen, das bedeutet eine Frauenquote von 100 Prozent! Im Kontext Indiens ist das fraglos berechtigt, dort werden Frauen viel stärker benachteiligt als in Europa.

Reaktionäre Kräfte möchten Inderinnen am Herd halten. Prajakta Potnis, die jüngste Künstlerin der Schau, reagiert so: Auf ihren Fotostillleben lässt sie die Grenzen zwischen privat und öffentlich, Küche und Staat einfach verschwinden. Ein Blumenkohl im Kühlschrank wirkt wie eine Explosionswolke. Mit zwei Minirolltreppen verwandelt Potnis ein Gefrierfach in eine Abflughalle. Darin steckt utopische Kraft, während sich andere am schlimmen Istzustand abarbeiten: Vibha Galhotra zeigt, wie sich die rasante Entwicklung Indiens auf die Umwelt auswirkt. Bewohner Neu-Delhis, das mit Luftverschmutzung kämpft, porträtiert sie mit Sauerstoffmasken.

Reena Saini Kallat blickt auf Narben der Geschichte, indem sie in einer Fotoserie die zehn Stufen der Grenzziehung zwischen Indien und Pakistan seit dem Ersten Kaschmirkrieg mit roter Farbe auf einen Frauen­rücken zeichnet. Ästhetisch wirkt das banal, anders als Mithu Sens "Border Unseen", ein skulptu­raler Ring aus Zahnfleisch-Imitat und 1000 Zähnen. Ein Werk mit Biss und Assoziationsspielraum.

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