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Museumsdirektor Kries über Rafael Horzon

"Gekonnter Regelbruch"

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Der Unternehmer Rafael Horzon ist in Berlin weltbekannt. Er weigert sich, seine Möbel und Geschäfte als "Kunst" zu bezeichnen. Jetzt aber kommen vier seiner Entwürfe ins Museum. Wir haben mit Mateo Kries, dem Direktor des Vitra Design Museums, über das Phänomen Horzon gesprochen

Herr Kries, wie viele Entwürfe von Rafael Horzon kaufen Sie für die Sammlung des Vitra Design Museums? So groß ist sein Oeuvre doch gar nicht.
Wir kaufen einen Prototyp des Regals "Modern", zwei Sitzmöbel aus einer Kleinserie und das Fertighaus "Hausbau", ein Einzelstück. Zum Werk zählen natürlich viele andere Dinge: seine Wanddekorationsobjekte und seine Unternehmen.

Die neueren Entwürfe in der Sammlung Ihres Museums zeichnen sich meist durch die innovative Verwendung von Materialien oder durch neue Techniken aus. Aber was macht diese vier Stücke so besonders? 
Naja, wir haben auch Möbel in der Sammlung, die unspektakulär aussehen, aber für eine bestimmte Haltung stehen. Horzons Stücke sind relativ simpel, aber in der Designgeschichte gab es ja immer wieder extrem reduzierte Möbel. Das kann man bei Donald Judd genauso sehen wie bei Gerrit Rietveld. 

Wo liegt dann das Neue?
Natürlich ist der formale, ästhetische Aspekt nur ein Teil dessen, was an Horzon interessant ist. Er entwickelt ein Gesamtkunstwerk und hinterfragt die Mechanismen, mit denen Design heute entwickelt und produziert wird. Er bringt auch Humor ins Design. Natürlich würde er das selbst nie so nennen. 

Humor ist bei Designern bekanntlich eher selten. 
Es gibt nichts Schlimmeres als Möbel, die witzig sein sollen, mit Farbe oder ausgefallenen Formen. Das ist nicht die Art von Humor, die man im Design brauchen kann. Aber bei Horzon würde ich es vielleicht weniger als Humor bezeichnen, sondern eher als Distanz und als Reflexion über das Design als System. Er sieht, welche Marketingsprüche kursieren und greift das auf. Am Ende kommen aber eben auch ansprechende Objekte heraus, denn er kann gut entwerfen.

Aber es sieht doch aus wie eine Parodie auf die Säulenheiligen der Moderne — das Bauhaus oder Dieter Rams.
Es ist eine Mischung. Rams oder Marcel Breuer findet er großartig, aber seine Helden verschont Horzon eben auch nicht. Den Bauhaus-Schriftzug kehrt er um und macht daraus Hausbau. Das ist vielleicht die einzige Möglichkeit, an diese Reihe anzuschließen. Mit dieser Leichtigkeit kann er dem noch etwas Neues abgewinnen.

Horzon wurde einmal nach dem Einfluss des Bauhaus gefragt. Er antwortete, dass der "Bauhaus"-Baumarkt wichtig für seine ersten Entwürfe gewesen sei.
Er entzieht sich eben immer den Erwartungen. Wenn man denkt, man hat ihn auf das Bauhaus festgelegt, dann sagt er, dass er den Baumarkt meint.

Der Galerist Johann König hat das Werk zu Kunst erklärt, Horzon will aber Unternehmer sein. Und jetzt ist er Designer und kommt auch noch ins Museum. Wie kann das denn sein?
Er hat jedenfalls nicht protestiert. Außerdem haben wir Möbel von anderen Unternehmern, zum Beispiel Jean Prouvé, der sich auch nie als Gestalter bezeichnet hat. Der Wunsch, sich von ästhetischen und künstlerischen Fragen fernzuhalten, gab es immer wieder. Aber wahrscheinlich selten so wie bei Rafael Horzon. 

Damit ist er ein bisschen wie ein umgekehrter Duchamp. Alles, was er zu Nichtkunst erklärt, ist es auch. 
Genau. Es ist keine Kunst mehr, etwas zu Kunst zu erklären, das ist nicht mehr provokant. Aber etwas zu einem simplen Möbelhaus zu erklären, was offensichtlich mit Konzeptkunst zu tun hat – das schafft neue Sichtweisen und eine wunderbare Spielwiese für jemanden wie Horzon. Auch damit entzieht Horzon sich den Klischees und gewinnt neue Glaubwürdigkeit, ohne angestrengt originell zu sein.

Ist das Kritik? Wie steht er zur Selbstvermarktung der creative class?
Klar ist Kritik dabei. Er würde das aber nie so bezeichnen. Das erledigen wir, die Kuratoren und Journalisten. Es ist ja schon fast trivial, dieses Social Media-Marketing zu kritisieren. Das hat schon jeder versucht. Stattdessen macht Horzon mit: Sein Laden produziert ein einziges Regal, und er macht ein Riesenmarketing. So eine Haltung kann zeigen, wie absurd der Hype ist. Man erkennt sich selbst darin, und es kommen auch noch Objekte dabei heraus. Diese vielen Ebenen faszinieren mich.

Halb Berlin spielt das Spiel ja auch mit.
Weil alle irgendwie in die Maschine eingebunden sind und froh sind, wenn sie die eigene Position im Kulturbetrieb mal mit einem Augenzwinkern betrachten können. Deshalb wollten wir die Objekte für die Sammlung: um ihn außerhalb dieses Mikrokosmos bekannt zu machen. Denn auch darüber hinaus hat er eine Bedeutung.

Jetzt kommt er in den Kanon?
Nein, so weit ist es noch nicht. Aber er wird bekannter. Das ist auch unsere Aufgabe als Museum. Was sind Positionen, die mehr Leute kennen sollten, weil sie im Design einzigartig sind? Vielleicht ist diese Verbindung von untergründigem Humor und großer Ernsthaftigkeit ein spezifisch deutsches Phänomen. Manchmal denke ich bei Horzon auch an Kurt Schwitters.

Das findet man ja so ähnlich bei Autoren wie Christian Kracht, Eckhart Nickel oder Ingo Niermann. Auch in Horzons Memoiren "Das weisse Buch".
Klar. Er gehört zu der Generation dieser Pop-Literaten, die Ende der 90er sozialisiert sind und sich untereinander kennen. Der eine schreibt Romane, Horzon erzählt seine Geschichte mit Design. Das ist eine Art Schelmenroman, eine humorvolle Reise. Und dabei nimmt er gegenwärtige Erfolgsversprechen aus Marketingratgebern oder der creative class aufs Korn. Es geht darum, den gekonnten Regelbruch zu erhalten, also den ursprünglichen Kern von Kreativität.

Die vier Objekte, die in die Museumssammlung wandern, werden jetzt zwei Monate im "Moebel Horzon"-Laden gezeigt: Torstrasse 94, 10119 Berlin

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