Fotografie aus Hongkong

Stadt mit Paranoia

Im Frühjahr 2020 reiste die Fotografin Elisabeth Neudörfl nach Hongkong – und traf auf eine Gespensterstadt zwischen abflauenden Protesten und aufkommender Pandemie. Ihre Serie "Out in the Streets" ist jetzt in Berlin zu sehen

Es erinnert fast an abstrakte Malerei, an ein großes Kunstprojekt im öffentlichen Raum, wie sich die weißen, grauen und braunen Farbschichten am Straßenpfeiler übereinander lagern, die Treppen einer Metrostation erklimmen oder eine Einfahrt zieren. Doch geht es hier nicht um Ästhetik, sondern um Politik, und hinter den Farbaufträgen steckt kein Künstler und keine Künstlerin, sondern der chinesische Sicherheitsapparat.

Im Sommer 2019 brachen in der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong Massenproteste gegen die Peking-nahe Regierung aus, gigantische Demonstrationszüge mit mehr als einer Millionen Teilnehmer zogen durch die Straßenschluchten von Hongkong Island, bei den Kommunalwahlen im November 2019 konnte das Pro-Demokratie-Lager einen Erdrutschsieg gegenüber den Peking-nahen Parteien verzeichnen. Doch Verhaftungswellen und der Beginn der Corona-Pandemie im Frühjahr 2020 sorgten für ein Abflauen der Proteste.

Als die Fotografin Elisabeth Neudörfl im Februar 2020 nach Hong Kong reiste, traf sie auf eine Gespensterstadt. Neudörfl fotografierte auf den Demonstrationsrouten, die jetzt menschenleer waren, an den Universitäten, deren Zugänge mit Sicherheitszäunen abgesperrt waren. Geschlossene Geschäfte, Straßen ohne Verkehr, verlassene Metrostationen – Neudörfls Bilder zeigen eine dystopische Szenerie. Von den Protesten ist nichts mehr zu sehen. Vordergründig zumindest.

Auf den Straßen Hongkong herrschen Leere und eine Ereignislosigkeit

"Wir können nicht nur über das sprechen, was wir sehen; wir müssen auch über das sprechen, was wir nicht sehen und darüber, was die Bilder andeuten können", sagt Neudörfl. Und so haben ihre Aufnahmen mit Henri Cartier-Bressons Konzept des "entscheidenden Augenblicks", in dem sich der Kern einer Szene manifestieren soll, so wenig zu tun wie mit gängigen journalistischen Nachrichtenbildern. Wir sehen keine Banner, keine Schlagstöcke, keine explodierenden Molotowcocktails, keine Verhaftungen – keines jener üblichen Demo-Stereotype.    

"Out in the Streets" hat Neudörfl ihre Serie genannt, ein bitter ironischer Anklang an das wilde freie Leben in der Stadt, den Austausch mit anderen. Denn draußen auf den Straßen Hongkong herrschen Leere und eine Ereignislosigkeit, dem staatlichen Versuch des Auslöschens und Verschweigens ist nichts mehr entgegenzusetzen, außer einem Spiegel. Da ist das stolze Wappentier auf einem Sockel, das auf eine Polizeiabsperrung blickt. Die Überreste abgekratzter Sticker und Plakate. Hier und da doch mal ein der Zensur entgangenes Graffito. Und da sind eben jene endlosen Übermalungen, mit denen die Polizei die Slogans der Demokratiebewegung wieder und wieder zu übertünchen versucht und doch nie ganz den treffenden Farbton erwischt. Nichts hat eine Diktatur so wenig unter Kontrolle wie die eigene Paranoia.