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Tresor-Gründer Hegemann über Detroit-Berlin

"Was Subkultur war, heißt heute Kreativwirtschaft"

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In Berlin untersucht das Festival "Detroit – Berlin: One Circle", wie Musik und Kunst Stadtentwicklung beeinflusst – und was beide Orte voneinander lernen können. Der Berliner Techno-Pionier Dimitri Hegemann über eine ungewöhnliche Städtefreundschaft

Dimitri Hegemann, das Festival "Detroit – Berlin: One Circle" geht der Beziehung zweier Städte nach, die seit den 80er-Jahren untrennbar durch die rasante Entwicklung der Techno-Bewegung miteinander verbunden sind. Aktuell diskutiert wird in Berlin aber vor allem das Clubsterben und die Kommerzialisierung der Ausgehkultur. Ist Techno nicht eigentlich tot?
Auf keinen Fall. Erst am vergangenen Wochenende haben Zehntausende die AfD weggebasst. Und auch zum 1. Mai gab es viele Raves in Berlin, zu den Technotürken in der Arena kamen ein paar Tausend Leute, bei mir um die Ecke haben zwei DJs ein kleines Soundsystem aufgebaut und da haben ein paar Hundert getanzt, auch am Spreewaldplatz oder im Görlitzer Park waren Partys. Das alles hat sicherlich dazu geführt, dass die Gewalt rund um den 1. Mai in diesem Jahr deutlich zurückgegangen ist. Techno bringt die Leute auf andere Gedanken. Lieber tanzen als Straßenzüge zerstören! Mittlerweile hat Techno die dritte oder vierte Generation erreicht. Die alten Helden der frühen 90er-Jahre sieht man nicht mehr so oft, aber die haben das nicht aufgegeben. Ich merke das selber ja auch – das Lebensgefühl bleibt schon im Herzen.

Was erklärt den Erfolg von Techno?
Techno war zur richtigen Zeit abrufbar, die Musik kam zu einem historischen Moment. In Detroit entwickelten junge Musiker ab den späten 80er-Jahren einen speziellen Sound: schwere Rhythmen und industrial beats, deren Ursprünge man oft mit der industriellen Prägung und dem Maschinensound der Autostadt Detroit erklärt hat. Von dort schwappte die Welle nach Berlin und kam hier gerade zur richtigen Zeit an. Die Mauer war gefallen, die Love Parade ging 1989 los, es gab schon Clubs wie das UFO und musikalische Vorformen wie Acid House. Detroit-Techno traf Berlin dann so richtig mächtig 1991, 1992 – der Beginn einer großen musikalischen Erfolgsgeschichte. In den Clubs traf sich die verrutsche Intelligenz, Leute aus allen Genres und Hintergründen, die irgendwie bei diesem europaweiten Aufbruch dabei sein wollten. Jeder brachte eine Idee mit und konnte was auf die Beine stellen, aber am Ende war die Stadt der Sieger, in dem sie einen Hinweis für eine Entwicklungsrichtung bekam: Was damals Subkultur war, heißt heute Kreativwirtschaft.

Sie machen seit Jahren gemeinsame Austauschveranstaltungen mit Detroit unter dem Titel "subcultural exchange for urban development". Worum geht es?
Die Idee ist, Detroit etwas zurückzugeben. Es gibt viele Ideen, aber das Wichtigste ist zunächst einmal, Türen zu öffnen und die unterschiedlichen Leute in der Stadt zusammenzubringen. Bei unserer ersten Konferenz habe ich im Museum of Contemporary Art in Detroit unsere Ideen vorgestellt und danach im Stadtrat vor Politikern. Da sagten die Ratsmitglieder: Ja, was meinen Sie denn mit diesem Techno? Und ich: Na, diese gigantische Musikbewegung, die junge Leute in aller Welt begeistert! Und die: Sie meinen Motown. Und ich: Nein, Techno. Die hatten noch nie davon gehört! Im letzten Jahr haben sich dann erstmals Mike Banks, Chef des Labels Underground Resistance, und Adrian Tonon, die rechte Hand des Bürgermeisters von Detroit, zusammengesetzt. Die haben über Autos und über die Stadt gesprochen, und dann geschah Folgendes: Zwei Wochen später schlug der Bürgermeister in den Büros von Underground Resistance auf, also quasi in der Höhle des Löwen. Das war schon ein Paukenschlag.

Was kann Detroit von Berlin lernen?
Dass die sogenannte night-time economy Sinn macht, dass man das zulässt. Ab 2 Uhr nachts gibt es in Detroit definitiv keinen Alkohol mehr, einige Clubs bieten dann noch noch was an. Aber die durchschlagenden Ideen, die oft in einem kleinen angenehmen Rausch entstehen, werden nicht zu Ende gedacht, werden nicht kommuniziert. Die Ausgehkultur verbessert die Sicherheit einer Stadt, Gewalttaten gehen zurück. Clubs sind Kommunikationsorte, an denen Diversität herrscht und Neues entstehen kann. Wir denken, dass es Detroit gut täte, einen städtischen Ausgehbereich einzurichten, in dem die Läden länger geöffnet sind und sich die Querdenker versammeln und forschen können. Als Pilotprojekt haben wir den Stadtteil North End im Auge, der so eine Art Kreuzberg werden könnte. Denkbar sind aber Formate wie ein Galerienwochende oder eine Digitalkonferenz wie die Re:publica. Letztens habe mich auch mit der Choreographin Sasha Waltz getroffen, die im nächsten Jahr mit ihrer Kompanie in den USA ist und jetzt vermutlich auch nach Detroit kommt.

Detroit steht seit Jahren vor massiven wirtschaftlichen, sozialen und urbanen Problemen. Kann man Berliner Formate einfach so übertragen?
Natürlich kann man so nicht alle Probleme lösen. Aber Detroit ist für mich das Mekka der Musik in Amerika. Da kommt alles zusammen, von Bebop bis Hip-Hop, von Iggy Pop bis Techno, von Motown bis Madonna. Eine besondere Geschichte, eine besondere Energie. Und dann gibt es Raum, bezahlbaren Raum in der Innenstadt – so wie es damals auch in Berlin war. Vieles dort erinnert mich an die Wendezeit in Berlin, Thema Zwischennutzung, Thema Öffnung der Nacht. Wenn Detroit morgen die Aufhebung der Sperrstunde verkünden würde, wären übermorgen schon die ersten Nonkonformisten da, die irgendwas machen würden.

Und übermorgen die Immobilienentwickler, die die Subkultur kapitalisieren?
Davon ist Detroit noch sehr weit entfernt. Es gibt dort mittlerweile einen Entwickler, der einiges aufkauft. Aber gerade deshalb braucht man jetzt Kräfte, die die Stadt schräg und anders halten und den Leuten dort Freiräume und Möglichkeiten geben. 

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