Es blühen schon die Mandelbäume, als die achte Ausgabe des Designfestivals in Madrid eröffnet. Das Festival, das sind zwei Hauptausstellungen, verschiedene Events, sowie um die 60 Studios von lokalen Designern und Firmen, die ihre Türen für hunderttausende Besucher geöffnet haben.
Da zeigt zum Beispiel Lucas Muñoz Muñoz, wie er für die Möbelfirma Sancal eine 60er-Jahre Büroetage entkernt und die Materialien für die Renovierung genutzt hat. Da führt Álvaro Catalán de Ocón seine PET-Lampen vor, die in Ghana, Chile oder Äthiopien auf lokale Plastikflaschen geflochten werden. Und Preise werden verliehen, zum Beispiel an den großen katalanischen Industriedesigner André Ricard, bei dessen Werksvorstellung man immer mal wieder aufschreien muss, weil derart ikonische Entwürfe dabei sind.
Als Gaststadt ist in diesem Jahr Berlin dabei, und das ist nicht ganz uninteressant, weil so ein versammelter Gesamtauftritt fernab der Heimat immer gleich ganz anders wirkt als wild verteilt zu Hause. Die deutsche Hauptstadt hat es bisher ja weder in der Mode noch im Design hinbekommen, eine identitäre Erzählung aufzubauen. Dabei hat Berlin in Sachen Produkt- und Interieurdesign einiges mehr zu bieten als im Bereich Mode. Und das sieht man spätestens in Madrid.
Eine Leitspur aus Berlin
Das dortige Festival hat Berlin schon mehrmals eingeladen. Für 2025 hat die Senatsverwaltung für Wirtschaft, Energie und Betriebe (ja, die kümmert sich um Design in Berlin) dann samt Finanzierung zugesagt. Das sei auch mit dem Hintergedanken geschehen, dass Berlin im nächsten Jahr seit 20 Jahren den Titel Unesco City of Design trage, sagt Lutz Henke, der für VisitBerlin als Leiter der Stabsstelle Kultur arbeitet. Und der hat mit Team Folgendes kuratiert.
In der auf Leuchten und Lichtinstallationen spezialisierten Gruppenausstellung "La Linea Suena" sind zwei Berliner Designer vertreten. Einmal ist da die "Lola"-Lampe des Studios Gonzalez Haase, ein Dreieck aus polierter Aluminiumoberfläche und mundgeblasenem Glas, die über Analog Glas erhältlich ist.
Und dann werden die Ideen des Lichtkünstlers Frank Oehring ausgestellt. Der hat unter anderem die ikonischen Lampen im Berliner ICC entworfen. Und zum ersten Mal werden nun seine Arbeiten international gezeigt. Zu sehen sind eine Lichtskulptur, Modelle, Zeichnungen und ein Video. Unter den Ausstellungsstücken ist auch das Modell "Leitspur", das zum ersten Mal öffentlich in Erscheinung tritt.
Als wären sie von heute
Wie eindrücklich die Arbeit des Künstlers ist, dessen Schätze im seit 2014 geschlossenen Internationalen Congress Centrum Berlin schlummern, zeigte das Interesse der anwesenden internationalen Presse an ihm und seinem Werk. Die Pläne seiner Skulpturen mit Neon und computergesteuerten Schaltkreisen wirken, als wären sie von heute; darunter sind auch "Informations- und Leitsystem" und "Grosse Lichtplastik", die in den 70er-Jahren für das ICC entstanden.
Oehring ist auch in einer zweiten Ausstellung in Madrid zu sehen. Nämlich in der Gruppenschau "Panorama Berlinés" auf der Fiesta Design. Die hat Lutz Henke zusammen mit Gonzalez Haase AAS entwickelt. Die Teilnehmer wurden ebenfalls gemeinsam kuratiert und durch Beiträge aus einem offenen Aufruf ergänzt.
Das führt zu einer Mischung aus etablierten Namen und "aufstrebenden Talenten". Hier sind zum Beispiel ein Regal oder ein "Raumerhellungsobjekt" von Designer, Autor und Museumsbetreiber Rafael Horzon, eine Skulptur von Designerin und Kuratorin Matylda Krzykowski, eine Vase von Pascal Hien, eine Blumenhalterung von Sam Chermayeff Office oder eine Decke von Lohr Studio und dem Designduo Teuber Kohlhoff zu sehen. Auch Stühle von Gonzalez Haase AAS oder Illya Goldman Gubins Schuhe für Ecco finden sich ein. Und die "Poledancing Architecture"-Performerin FRZNTE kam zum leicht bekleideten Stangentanz, was in Madrid sogar noch die ein oder andere Besucherin empören konnte.
Vom ICC zu Balenciaga
Vielen ausgestellten Arbeiten ist gemein, dass sie mit Aluminium oder polierten Metallen gefertigt wurden. Das wird auch in der Ausstellungsarchitektur aufgefangen. "Grundidee von 'Panorama Berlinés' war – wie der Name schon sagt –, temporär ein Stadtpanorama zu schaffen, das als abstrakte Szenografie die Stadt Berlin nachempfindet", sagt Lutz Henke. Dafür hängen zum Beispiel große Fotodrucke vom Palast der Republik von Andreas Gehrke an den Wänden, eigens gefertigte Lampen stehen als reduzierte Laterne auf Aluminiumbahnen, was einen Bogen zu Frank Oehring und dem ICC schlägt.
Dessen Hülle wurde mit gleichem Material umfasst - und das war vielleicht zukunftsweisender, als man bisher annahm. Denn die Interieur-Projekte von zum Beispiel Gonzales Haase greifen genau das auf und haben es mit internationalen Marken wie Balenciaga in die Welt getragen. Apropos hinaustragen: Der Boden des Ausstellungsraums bestand aus schwarzem Konfetti, das sich nicht nur innerhalb des Gebäudes, sondern bald auch bis auf die Straße verteilte.
Lutz Henke sieht das als ein erfolgreiches interaktives Element, das sich verändert und Besucherinteraktion ermöglicht. "Deshalb haben wir den Asphalt der 'Straße' aus Konfetti gegossen." Und der löste sich langsam auf. "Als Fußnote verweist das auch auf den situationistischen Slogan 'Unter dem Pflaster der Strand'. Darum geht es natürlich auch im Kern bei den Berliner Qualitäten: Wie transformiert man die harte Realität zu einem Sehnsuchtsort?"
Experimentierfeld und Trendsetter
Und Berlin ist eben – wer hätte das gewusst? – seit 2006 Unesco City of Design und Teil des Netzwerks der kreativen Städte. Im Rahmen dieser Mitgliedschaft laufen einige Projekte im In- und Ausland, zu dem nun auch dieses gehört. Warum das bisher eher unbekannt ist, erklärt Henke so: "Berlin ist so vielfältig und beweglich, dass die Stadt sich oft selbst auf den Füßen steht. Es ist nicht einfach, in so einer eklektischen Kreativszene und in so einem weiten Feld wie Design klar zu kommunizieren. Vor allem, wenn man oft der Zeit der voraus ist – wie zum Beispiel Frank Oehring im ICC vor 50 Jahren." Rückblickend gäbe es enorm viele ikonische Schöpfungen und Bewegungen in Berlin. Die gern totgesagte Metropole sei immer noch Experimentierfeld und Trendsetter.
Inwieweit das stimmt, wird sich auch an der Zukunft des verwaisten ICC-Gebäudes messen lassen. Dafür ist Stephan Schwarz in Madrid. Der ehemalige Senator für Wirtschaft, Energie und öffentliche Unternehmen ist mittlerweile ehrenamtlicher Botschafter für das Architekturmonster und stellt hier den derzeit laufenden Konzeptprozess für die Nachnutzung vor.
"Das ICC ist nicht nur Designikone und herausragendes Beispiel für Berlins Architekturgeschichte, sondern auch ein Symbol für die Zukunftsfähigkeit unserer Stadt", sagt er. Gerade werden nämlich Konzepte für eine neue Nutzung gesucht. Investoren, Projektentwickler und Architekturstudios sollen sich an diesem internationalen Wettbewerb beteiligen. Hoffentlich wird das gut!