Surrealistische Bildhauerinnen in Hamburg

Körper, die atmen

Das Bucerius Kunst Forum Hamburg bringt Arbeiten der surrealistischen Bildhauerinnen Sonja Ferlov Mancoba, Maria Martins und Isabelle Waldberg zusammen. Die Schau bezaubert auch durch ihre spezielle Ausstellungsarchitektur

Ausgestreckte Arme halten sich gegenseitig, die Köpfe der zwei abstrakten Figuren verbinden sich zu einem stützenden Körper. Die Bronze "Effort commun (Gemeinschaftliche Anstrengung)", die Sonja Ferlov Mancoba in den frühen 1960er-Jahren geschaffen hat und die heute als eines ihrer Hauptwerke gilt, zeigt ein Miteinander. 

Direkt im Eingangsbereich platziert, eröffnet sie gerade die Schau "In Her Hands: Bildhauerinnen des Surrealismus" im Bucerius Kunst Forum in Hamburg. Diese entdeckt das dreidimensionale Werk von Mancoba (1911–1984), Maria Martins (1894–1973) und Isabelle Waldberg (1911–1990) wieder. Erstmals werden die Skulpturen der drei Künstlerinnen, die Teil der internationalen Avantgarde zwischen Paris und New York waren, in einer Ausstellung zusammengebracht. Dabei wird auch ihre Bedeutung für den Surrealismus beleuchtet.

Das Konzept der beiden Kuratorinnen Katharina Neuburger und Renate Wiehager ist ein besonderes, denn es basiert auf Präsentationsformen, die das gezeigte Trio einmal selbst für seine Objekte erdacht hat. Ein als offenes Display konzipierter Raumteiler, individuell angefertigte Sockel und lichtdurchlässige Vorhänge gliedern die Ausstellungsfläche, die zum ersten Mal in der Geschichte des Kunst Forums am Alten Wall Tageslicht erblickt.

In subtilen Gesten wird Geschlechtlichkeit verhandelt

Neuburger und Wiehager haben einen Parcours entwickelt, der die Werke von Mancoba, Martins und Waldberg jeweils konzentriert erfahren lässt, der aber eine Offenheit erzeugt, die auf ihr Agieren in den künstlerischen Netzwerken des Surrealismus rund um Marcel Duchamp, Alberto Giacometti und Peggy Guggenheim verweist.

Neben den Hauptwerken der Künstlerinnen lassen sich sowohl ihre skulpturalen Formentwicklungen als auch grafische und bildhauerische Vorstudien entdecken. Isabelle Waldbergs feingliedrige "Constructions", die frei im Raum hängen und auf schmalen Sockeln befestigt sind, erhalten so zum Beispiel ein besonderes Augenmerk und rücken ihre Entstehungsgeschichte in den Blick. Denn Waldberg fertigte sie aus gebogenem Holz oder Metall in Anlehnung an Seekarten, wie sie im 19. Jahrhundert auf den Marshallinseln genutzt wurden. 

Zarte Linien zeichnen sich vom Objekt ausgehend auf einer der Wände ab, bilden grafische Schatten. Ergänzt werden die fragilen Körper durch surreale Porträtbüsten aus Bronze, die in subtilen Gesten Geschlechtlichkeit verhandeln. Auge und Vulva verschmelzen in einer einzigen Form.

Existenzielles in verdichteter Form

Die bodennah gesetzte "Skulptur 1940–1946" von Sonja Ferlov Mancoba erhält zentrale Aufmerksamkeit: Es ist die einzige, die Mancoba zwischen 1940 und 1946 unter prekären Verhältnissen in Paris realisierte, während ihr Ehemann im Internierungslager gefangen war. Die Bronze verdichtet Existenzielles. Mancoba fertigte in dieser Zeit vielfältige Entwürfe auf Papier an, die sie nach dem Krieg als Objekte umsetzte. Masken und amorphe Figuren, in denen sich ihr Wunsch nach Solidarität spiegelt, finden in der Ausstellung viel Raum: Sie gliedern den gesamten hinteren Bereich, sodass sich Mancobas Werk zwischen zwei Fensterfronten entfaltet, vom Tageslicht durchflossen wird und beim Umschreiten ihrer Arbeiten auch körperlich erfahrbar ist.

Zu Maria Martins' eindrücklichsten Werken zählt die Bronze "The Impossible (Das Unmögliche)", die sie in den 1940er-Jahren anfertigte und die noch heute in ihrer Direktheit überwältigt: Zwei überlebensgroße Figuren, ein weiblicher Torso und eine phallisch-amorphe Gestalt, sitzen sich gegenüber. Ihre als Venusfliegenfalle ausgestalteten Köpfe drohen sich gegenseitig zu verschlingen. Martins' Vokabular, das auch Grafik und Malerei umfasst, ist vielschichtig. Denn die Autodidaktin suchte sich weltweit gezielt Lehrende, um eine radikal individuelle künstlerische Sprache zu entwickeln, die von der Befreiung von geschlechtlicher Rollenzuschreibung und von selbstbestimmter Sexualität kündet.

"In Her Hands" wirkt durch die bewusst gesetzte Ausstellungsarchitektur enorm, gibt den ausnahmslos hochkarätigen Skulpturen einen Raum, durch den ein freier Atem weht. Es ist, als stünde man in einem Museum oder in einer Galerie in Paris, in Kopenhagen, in New York oder in Rio de Janeiro: den Orten, an denen Sonja Ferlov Mancoba, Maria Martins und Isabelle Waldberg wirkten. Die Ausstellung vermittelt Authentizität, und gerade das macht es so interessant wie mühelos, in die plastischen Bildwelten dieser ins Bewusstsein zurückgeholten Bildhauerinnen einzutauchen.