Kunstfestival Barents Spektakel

Die Mitte am Ende der Welt

Das norwegische Kirkenes ist einer der nördlichsten Punkte Europas, liegt aber durch seine Nähe zu Russland mitten in den Konflikten der Gegenwart. Das Festival Barents Spektakel stellt Fragen nach Grenzen und Gemeinsamkeiten - inklusive weinender Männer in der Sauna

Für skandinavische Verhältnisse ist die Sauna nicht besonders warm. Aber die Jacke muss man auch nicht unbedingt anbehalten. An einem frostigen Freitagnachmittag sitzen rund 30 Personen auf Holzbänken um zwei knackende Steinöfen herum. Die Luft hier drin hat erträgliche 70 Grad, auf Armen, Beinen und Bäuchen zeigen sich die ersten Schweißperlen. Es ist keine ungewöhnliche Szene im hohen Norden, wären da nicht die acht Männer im Anzug, die sich ohne erkennbare Regung zwischen den anderen, weit luftiger gekleideten Saunierenden eingerichtet haben. 

Plötzlich beginnen die inzwischen ebenfalls schwitzenden Sakkoträger zu sprechen. Ähnlich einer ungewöhnlich aufgeheizten Selbsthilfegruppe sagt jeder von ihnen seinen Namen, und den seiner Eltern und Großeltern gleich dazu. Die Genealogien wabern durch den Raum wie der Dampf nach dem ersten Aufguss. Das Murmeln steigert sich zu Schlachtrufen - ich bin Tuomo, ich bin Janne, ich bin Antti -, und schließlich stehen die Männer im Kreis beieinander und scheinen die anderen mit ihren jeweiligen Herkünften und Verwandten vernichten zu wollen. Sie schreien, knurren und zischen, während das Publikum zwischen Lachen und Einschüchterung zu schwanken scheint. Wenn das mal keine immersive Erfahrung oder Kunst für alle Sinne ist.

Die Sauna-Performance "Weeping Men" mit dem finnischen Männer-Brüllchor Huutajat gehört zum diesjährigen Barents Spektakel. Das Kunstfestival findet seit 21 Jahren im norwegischen Kirkenes statt, einem 3500-Einwohner-Ort am nördlichsten Zipfel Europas, das sich aufgrund seiner strategisch wichtigen geografischen Lage immer wieder im Zentrum des Weltgeschehens wiederfindet. Zum Nachbarn Finnland ist es nicht weit, und auch die Grenze zu Russland ist nur rund zehn Kilometer entfernt.

"Es kann nicht mehr so weitergehen wie vorher"

Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Stadt an der Küste der Barentssee von den Nazis als Militärbasis und "Festung" genutzt, immer wieder wurde sie bombardiert und schließlich von den Deutschen auf dem Rückzug vor der Roten Armee niedergebrannt. Im Kalten Krieg war Kirkenes einer der letzten Zipfel der westlichen "freien Welt" und nach dem Fall des Eisernen Vorhangs plötzlich ein wichtiges Verbindungsglied zu Russland. Vor genau drei Jahren hat die vollumfängliche Invasion der Ukraine durch Russland die arktische Region erneut erschüttert. Zwar gibt es noch immer persönliche und wirtschaftliche Verbindungen, ungefähr zehn Prozent der Einwohner von Kirkenes haben russische Wurzeln. Doch die offiziellen norwegischen Kooperationen mit Putins Staat sind auf Eis gelegt. "Es kann nicht mehr so weitergehen wie vorher, aber wir müssen auch versuchen, in Verbindung zu bleiben", sagte Kulturministerin Lubna Jaffery von den Sozialdemokraten (Arbeiderpartiet) bei der Eröffnung des Barents Spektakels. 

Anders als bei anderen Biennalen oder Festivals besteht also hier keine Gefahr, dass man vergessen könnte, wo man ist. Nicht nur, weil man zwischen den Locations ständig durch hohen Schnee stapft (die Profis kommen mit dem Tretschlitten) und nachts auf Nordlicht am Himmel lauert. Sondern auch, weil sich die Kunst immer wieder mit dem Thema der Grenze und deren Überwindung auseinandersetzt. Das diesjährige Motto "Remote Control" fragt danach, was Abgelegenheit bedeutet, wer hier das Sagen hat und wer überhaupt darüber bestimmt, was Zentrum und was Peripherie ist. 

Auch bei der "Weeping Men"-Sauna-Performance, die von Tone Haldrup Lorenzen, Aris Papadopoulos und Lise Johansson entwickelt wurde, mischt sich schließlich die Landschaft ein. Nach kriegerischen bis zärtlichen Selbstbefragungen im heißen Dampf folgt das Publikum den inzwischen entkleideten Huutajat-Chormitgliedern nach draußen zur rituellen Waschung im Fjord. Wenn zwei Grad kaltes Wasser einem den Atem nimmt, ist es unmöglich, weiter über die Austreibung alter Männlichkeitsbilder nachzudenken. An der Stelle übernimmt der eigene Körper die Regie. 

Spektakel im besten Sinne

Überhaupt bietet das Festival viele sinnliche Erlebnisse, die sich auch ohne viel kunsttheoretische Vorarbeit erschließen. Schon die Eröffnung der 2025er-Ausgabe war ein sprichwörtliches Spektakel auf einem zentralen öffentlichen Platz, zu dem sich gefühlt die ganze Stadt einfand. In einer eindrucksvollen Choreografie aus Musik und Theater erklommen fackelschwingende Performer zu Glockenspielklängen ein Holzgerüst und brachten dort Banner mit Slogans aus der Bevölkerung an. 

Das Repertoire der Botschaften reichte von politischen Forderungen wie "Öffnet die Grenze" bis zu allgemeinen Lebensratschlägen wie "Sagt mehr Ja" und dem halbernsten Anspruch "Make The North Great Again". Als auf der Spitze der Kunst-Konstruktion auch noch eine Feuerschale entzündet wurde, hatte man kurz das Gefühl, einer schamanisch angehauchten Olympia-Eröffnung beizuwohnen. Ein konspiratives Ritual der Gemeinschaft. "15 Minuten Revolution", wie es das Programmheft beschrieb. 

Eröffnungszeremonie Barents Spektakel, Kirkenes, 2025
Foto: Saskia Trebing

Eröffnungszeremonie Barents Spektakel, Kirkenes, 2025


Die Hauptausstellung "Reach Out, Stand By, Repeat" beschäftigte sich dann ein bisschen weniger laut mit verschiedenen Blickwinkeln auf den Zustand des Abgeschiedenseins. Fast schon camoufliert wirkt das Projekt der Künstler Jérémie McGowan und Amund Sjølie Sveen, die ihre Installation "Real Arctic" als Souvenir-Shop in der Innenstadt tarnen. Hier steht alles zum Verkauf: von Rentierfiguren über US-Deodorant mit "arktischer Frische" bis zu Protest-Shirts mit dem Ruf nach Landrechten für die indigene Sámi-Bevölkerung. Die ökonomische Ausbeutung ist sowieso ein omnipräsentes Thema im höchsten Norden. Nicht nur wegen der wachsenden Tourismus-Industrie, sondern vor allem wegen der internationalen Begehrlichkeiten, die durch die Bodenschätze der zunehmend auftauenden Arktis geweckt werden. Es ist kein Zufall, dass Donald Trump immer wieder damit kokettiert, Grönland kaufen zu wollen. 

Diesen imperialen Gedankenspielen setzt die samische Künstlerin Lada Suomenrinne einen ganz anderen Zugang zum Land entgegen. In ihrem Projekt "Emergency Weather" hält sie sich selbst, die Natur und das sich verändernde Wetter in ihrem Heimatort an der norwegisch-finnischen Grenze fest. Die Erzählung von der fernen und abgelegenen Arktis diene vor allem denen, die diese Gebiete "erschließen" wollten, sagt Suomenrinne. Als gäbe es hier keine gewachsenen Strukturen, keine indigene Bevölkerung, für die diese Landschaft seit Jahrhunderten ihre Mitte ist. 

Dass Teile der Ausstellung in einem umgebauten deutschen Küstenbunker stattfinden, lenkt den Blick wieder auf die Geschichte. Aber Narrative aus dem Zweiten Weltkrieg sind nicht die einzigen, denen man hier begegnen kann. Das Kollektiv Sasusu Radio erinnert mit seiner Installation an die Community tamilischer Arbeiter in den Fischfabriken im nahen Vardø, die auf ihrem Höhepunkt zehn Prozent der Gesamtbevölkerung ausmachte und sich ihre eigene Infrastruktur für Nachrichten und Kultur aufbaute. Astrid Ardagh begleitet in ihrem Film betagte Amateurfunker aus der Region, die plötzlich mit ihrem altmodischen Wissen wieder hochrelevant werden. Mit Putins Einmarsch in die Ukraine gingen auch Cyberattacken einher, die die Inselgruppe Svalbard von Telefon und Internet abschnitten. Die Radiorentner wurden extra eingeflogen, um eine analoge Verbindung zum Rest der Welt herzustellen, die plötzlich aller modernen Technik überlegen war.

Erst Politik, dann Karaoke

Es ist eine große Stärke des Festivals, dass es lokale und internationale Themen konsequent zusammen denkt - und damit sowohl Besuchern von außen als auch den Menschen vor Ort viele Anknüpfungspunkte bietet. Man kann zuerst eine Panel-Diskussion zum norwegisch-russischen Verhältnis besuchen und danach dieselben Experten beim Karaoke-Singen in der Tankstellen-Bar oder beim akustischen Parcours durch ein stillgelegtes Krankenhaus treffen.

Begegnungen zu schaffen, ist dem verantwortlichen Kuratorinnenkollektiv Pikene på Broen offensichtlich ein großes Bedürfnis. Eine künstlerische Aufgabe, die in einer zersiedelten Kommune wie Kirkenes deutlich wichtiger ist als in einer Großstadt, in der ständig etwas passiert. 

Es geht viel um Werte, Demokratie und Gemeinsamkeiten in diesen vier Tagen, aber natürlich spielt auch der Ukraine-Krieg im Programm und in der Rezeption des Festivals eine große Rolle. Am 24. Februar 2022 fiel der Beginn der vollständigen russischen Invasion genau auf den zweiten Tag des Barents Spektakels - und sorgte auch dort für eine Zäsur. Grenzüberschreitende Kooperationen mit russischen Institutionen oder Schulen sind beendet, und auch das Konzept des kulturellen Brückenbauens als Friedenssicherung hat eine Bruchlandung erlitten. 

Austausch statt Boykott

Ähnlich wie in Deutschland fragte man sich, ob die umfangreichen Investitionen in soft power wie Kunst oder Sport naiv gewesen waren. Doch die Pikene på Broen, die ihren Namen ursprünglich vom Munch-Gemälde "Mädchen auf der Brücke" geliehen haben, sprechen sich gegen den generellen Boykott russischer Künstler aus und wollen jahrelang aufgebaute Verbindungen in die freie Szene weiter pflegen. So sind im diesjährigen Programm mehrere Kulturschaffende vertreten, die inzwischen im Exil arbeiten. Auf einem Panel zum Thema Vertrauen und Kontrolle sitzt eine Investigativ-Journalistin der regimekritischen russischen Zeitung Novaya Gazeta. 

In ihrem neuen Zuhause Rennes in Frankreich vermeide sie es manchmal zu sagen, dass sie Russin sei, erzählt die Sängerin Katia Gilman beim Konzert ihres Duos Annabelle Billiard am letzten Festival-Nachmittag. Aber hier in Kirkenes sei es ihr wichtig, auch Lieder in ihrer Muttersprache zu singen. "Wenn man russische Kultur cancelt, führt das nicht zu Frieden", sagt sie. "Sondern wahrscheinlich zu noch mehr Krieg."

Motorisierte Anti-Putin-Botschaft in Kirkenes
Foto: Saskia Trebing

Motorisierte Anti-Putin-Botschaft in Kirkenes