Angelika Platens Porträts

Veränderter Fokus

Seit 50 Jahren fotografiert Angelika Platen berühmte Persönlichkeiten der Kunstszene. Jetzt hebt sie die hervor, die früher oft fehlten: die Frauen

Welches ist wohl ihr ikonischstes Bild? Der junge Sigmar Polke im übermütigen Sprung, mit absurd großer Brille und fliegendem Fusselhaar? Der nachdenkliche Joseph Beuys, hinter ihm die bronzene Hand einer Skulptur von Rodin? Oder die Sequenz mit Land-Art-Künstler Walter De Maria, der mit seinem Körper die Linien auf der Startbahn eines Flughafens nachzeichnet, im Stehen, im Liegen? Ein Jahrzehnt lang, nach dem Abschluss ihres Fotografiestudiums in Hamburg 1968, hat Angelika Platen alle fotografiert, die in der Kunst in Deutschland wichtig waren, traf Warhol und Beuys auf Vernissagen, porträtierte Gerhard Richter, Blinky Palermo, Christo und viele andere. Mit ihren Bildern für die "Zeit" und andere Medien verdiente sie ihr Geld, die Kunstszene war ihre Heimat.

Dass vor ihrer Kamera mit überwältigender Mehrheit Männer standen, sei ihr damals gar nicht aufgefallen, sagt Platen heute. "Ich kam wunderbar mit denen klar. Ich war jung, die flirteten immer ein bisschen mit mir." Die wenigen Frauen in der Szene waren etwas komplizierter zu fotografieren, erzählt sie: mehr auf ihr Aussehen bedacht, weniger entspannt. Umso schöner sind die Porträts, die Platen gelangen, wenn sie das Vertrauen der anderen Frau errungen hatte – so gibt es eine frühe Aufnahme von Hanne Darboven, die die scheue Hamburgerin als ihr bestes Porträt wertschätzte. Und die Amerikanerin Dorothy Iannone erwischte Platen mit glamouröser Pelzmütze und Muff beim Werber Charles Wilp in Düsseldorf, der gerade eine Fotosession mit der Clique um Iannones damaligen Partner Dieter Roth veranstaltete.

Ende der 70er legte Platen die Kamera zur Seite und ging mit ihrem zweiten Mann nach Paris. Erst Ende der 90er, nach ihrer Rückkehr nach Deutschland, verfolgte sie ihr fotografisches Werk weiter. "Mit der Farbe habe ich erst gefremdelt", sagt sie. "Für mich ist Schwarz-Weiß auch schon farbig." Doch zunehmend schwang sie sich auf die digitale Farbfotografie ein – wie früher ausschließlich mit natürlichem Licht, ohne Scheinwerfer und Blitz. Und sie stellte fest, dass ihre alte Fähigkeit sie nicht verlassen hatte: in intensiven Kontakt zu kommen zu den Künstlern. Oder auch: den Künstlerinnen. Denn längst sind in der Kunstszene genauso viele interessante Frauen wie Männer unterwegs, und Angelika Platen hat Spaß daran, die Frauen, die früher fehlten, herauszuheben.

Objektifizierung von der Kunst der Person

Ihre Künstlerinnenporträts sind eine Serie für sich geworden. Die Technik aber bleibt immer gleich: "Wenn ich in ein Atelier komme, suche ich immer nach Objekten und Dingen, die mit der Kunst der Person zu tun haben. Dabei reden wir, und schon ist das Gegenüber ein bisschen entspannt", sagt Platen. So imitiert am Ende die Malerin Cecilia Edefalk die Geste des Engels auf einem ihrer Gemälde, und Pola Sieverding spiegelt die Haltung eines jungen Mannes auf ihrer Fotografie, Sofia Hultén schmiegt sich an eines der Gitter, die sie für ihre Installationen verwendet, und Monica Bonvicini sitzt friedlich hinter ihrer Kettensäge.

Auch Hanne Darboven, die Platen am Ende ihres Lebens noch einmal zu sich einlud, trägt ihr unverzichtbares Accessoire, die Zigarette: "Das Porträt ist ein Vanitas-Motiv geworden", sagt Platen. Der geschützte Raum im Atelier ist für die erfahrene Fotojournalistin allerdings kein Muss für ein gutes Bild. Marina Abramović zum Beispiel erwischte sie 1999 bei einer Performance in den Berliner KunstWerken. "Ich konnte nicht glauben, wie sie da stundenlang auf diesem Fahrradsattel an der Wand ausharrte", berichtet Platen. "Die anderen im Raum sind herumgelaufen, aber ich bin sitzen geblieben und habe sie nur angeschaut." Und fotografiert natürlich.