Abwesenheitsnotiz: Nora Al-Badri

Ein Hoch auf das Chaos des Meeres!

ANZEIGE

Was machen Künstler im Sommer? In unserer Serie "Abwesenheitsnotiz" bitten wir um ein Lebenszeichen. Nora Al-Badri fühlt mit dem Atlantik

Was machen Künstlerinnen im Sommer? Tolle Idee einer Reportage-Reihe für das alljährliche Sommerloch im Kunstmagazin. Ich dachte: nette Einladung zur Content-Produktion, das Schreiben macht mir ja Spaß, gut fürs Marketing allemal, Stift gezückt (natürlich vielmehr Notebook aufgeklappt), aber bevor ich loslege, erst mal so überfliegen, was die anderen zuvor geschrieben haben. Sicher ist sicher.

Ich war perplex, wie viele von uns Künstlerinnen doch immerzu arbeiten oder von der Arbeit schreiben. Oder sind das nicht doch auch teils fiktive Arbeits- äh Urlaubsgeschichten? Entschuldigen wir das mal mit dem Marketinggedanken. Ich bin auch nicht besser, und jetzt bloß nicht den Flow verlieren. Außerdem denken die meisten anderen Menschen ja ohnehin, dass Kunst mehr Vergnügen als Arbeit ist.

In diesem Sinne steht der Sommer für mich ganz unter einer Songline von Helge Schneider und Sido: "Arbeit is gut, wenn sie ganz weit weg is." Wahnsinnslied, unbedingt hören, gerne auch im Büro auf der Arbeit. Und ja, als wahre Medienkünstlerin träume ich schon die eine oder andere Nacht davon, dass Roboter mir meine Arbeit wegnehmen und ich einfach nur noch jeden Tag am Strand spazieren könnte mit einem Eis, das schneller schmilzt, als ich es essen kann, und ich nie wieder einen slicken Bildschirm anstarren muss wie jetzt gerade. Aber soweit ist es ja leider noch nicht.

Ich bin gerade zurück von den Azoren, meinem Sommerurlaub. Kennen die meisten von dem "Azoren-Hoch" aus den Wetternachrichten – so ist es da allerdings nicht. Wechselhaftes Wetter, aber dafür kaum Touristen … Man kann halt nicht alles haben. Viele Wale, mehr Kühe als Menschen auf den Inseln. Man nennt sie auch "meat-cows", aber vielleicht finde auch nur ich das eklig. Und ein Einhorn habe ich auch gesehen, der Beweis als Foto.


Natürlich gibt es einen Grund (Achtung: Kunst!) warum ich dort war: eine reizende Einladung von Dani Admiss, die eigentlich das Abandon Normal Devices Festival (wie eine britische Transmediale, allerdings mit unfassbaren Publikumszahlen) kuratiert, zum Walk & Talk-Festival mit anderen wunderbaren Medienkünstlerinnen. Aber ich habe dort auch eine Woche Urlaub gemacht. Sowas machen wir Künstlerinnen oft. Noch ein paar Tage dranhängen, damit sich der schlechte ökologische Footprint, den die Kunst-Bubble hinterlässt, auch lohnt. Ich habe dort eine neue Arbeit angefangen, ein healing piece, wie ich es nenne. Heilung und care sind die Themen des Sommerurlaubs, aber nicht à la Gwyneth Paltrow Self-care-Business sondern tiefer, reflexiver à la Frantz Fanon und als Dekonstruktion bestehender Machtverhältnisse, nachdem einige meiner Arbeiten zu energieraubenden, durchaus politisierten (das meine ich absolut positiv, denn damit auch real und relevant) Diskussionen rund um Technoheritage und die ungeliebte koloniale Gegenwart Deutschlands geführt haben.

Dieses Bedürfnis nach Pausen, Energie und Heilung kennen engagierte Aktivist*innen besser als die meisten Künstler*innen, und die (Ab-)Scheu, seine Kunst auch als aktivistisch zu bezeichnen abseits jenes "linken verbalradikalen Chics", wie es ein Freund mal treffend beschrieb, habe ich ohnehin noch nie verstanden. Die künstlerische Befragung über das eine oder andere deutsche Museum war effektiv, aber das Leben ist zu kurz, um sich nur mit konservativen deutschen Museumsdirektor*innen rumzuärgern, die immer noch glauben, dass sie ihre Sammlungen mittelfristig behalten werden. Pro-Tip: Restitute it all! Und vielleicht sollten sie mehr Urlaub in den Herkunftsländern der Sammlungsobjekte machen.

Zurück zu den Azoren, zur Heilung und vor allem Urlaub. Meine neue Arbeit, die ich dort begonnen habe, hat mit dem Ozean zu tun und mit Technologie natürlich. Keine Angst, kein Ocean Engineering oder Deep Sea Mining oder sowas, das machen andere. Nein, und auch keine Kritik am Ocean Engineering oder Deep Sea Mining. Diesmal jedenfalls.

Mich fasziniert die Entspannung, die bei jedem eintritt, sobald der Blick auf das Meer gerichtet ist. Wir sind gebannt von den unvorhersehbaren Bewegungen der Wellen, der sanften, floatenden Schaum-Ästhetik und der urzeitlich anmutenden Kraft zerberstender Wellen (ja, der Atlantik kann Dir weh tun; Stichwort Wasser, Immersion und Heilung). Allem voran aber von dem chaotischen Muster des Ozeans.

Jedenfalls habe ich mir im Urlaub und bei dem Projekt viel Zeit genommen, den Atlantik und sein Chaos zu betrachten, mehr mitfühlend als beobachtend, Welle für Welle, und um mit Klimawissenschaftlerinnen und Seefahrerinnen zu sprechen. Zugegebenermaßen, ich mag das Gefühl, sich klein zu fühlen im Angesicht des Ozeans. Und wenn man mit den Inselbewohnern über das Meer spricht, spürt man viel Demut (etwas, was den meisten Städtern und technologiefixierten Menschen so im Laufe der Zeit abhanden gekommen zu sein scheint).

Ich habe Daten mit Bojen der Azoren-Universität gesammelt. Es ist schon kurios: Die westliche Naturwissenschaft versucht, alles zu verstehen und zu berechnen. Und vieles davon klappt auch, wichtige Dinge wie Tsunamis voraussagen zum Beispiel. Aber die nächste Welle, die kann auch der beste Algorithmus nicht vorhersagen, egal mit wie vielen Daten von vergangenen Wellen man ihn füttert. Jahre vergangener atlantischer Wellen! Grandioses spekulatives Datenmaterial in so einer Boje! Was erzählen uns die gestrigen Wellen? Und keiner weiß wann die nächste Welle kommen wird, erst recht keine künstliche Intelligenz.

Ich reise von Snack Bar zu Snack Bar, bis ich sogar die wahnsinnig zarten Thunfisch- oder Rinderfilets nicht mehr sehen kann, und von Rock Pool zu Rock Pool, einer schöner als der andere oder wie die Online-Rezensionen klingen: fünf Sterne und "spektakulärer geht es nicht!" Am Ende des Urlaubs ist klar, es wird ein poetisches, algorithmisches piece über den Umgang mit Zeitlichkeit und Kontrollverlust. Ein Hoch auf das Chaos und die Unvorhersagbarkeit des Pulses des Meeres!

 

Foto: Nora Al-BadriFoto: Nora Al-Badri
Snackbar auf den Azoren
Foto: Nora Al-BadriFoto: Nora Al-Badri
Blumen der Azoren
Foto: Nora Al-BadriFoto: Nora Al-Badri
Ein random Rock Pool

Drucken

Zurück zur Übersicht

Weitere Artikel aus dem Dossier