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11 Kunst-Filme, die sich im Januar lohnen

Balmain-Designer Olivier Rousteing mit seinen Großeltern im Film "Wonder Boy"
Foto: Netflix

Balmain-Designer Olivier Rousteing mit seinen Großeltern im Film "Wonder Boy"

Unsere Filme im Januar begleiten ein Wunderkind der Modewelt, schauen hinter die Kulissen des Leonardo-Hypes und fragen nach dem "Wir" in der Kunst
 

Ein "Wonder Boy" der Mode sucht Heimat

2011 wird Olivier Rousteing mit nur 24 Jahren der neue Creative Director des französischen Modehauses Balmain und ist damit der jüngste seiner Art seit Yves Saint Laurent. Er trifft die Mode-Elite, wird gefeiert für seine Shows und versechsfacht den Umsatz des französischen Luxusunternehmens. Er lebt für seinen Job - und doch ist es nicht die glamouröse Modewelt, die Rousteings Gedanken dominiert. Ab der ersten Sekunde des Dokumentarfilms "Wonder Boy" (auf Netflix) sind es seine leiblichen Eltern, die er nie kennengelernt hat.

Der Modedesigner wurde als Baby zur Adoption freigegeben und wird bei der Suche nach seiner unbekannten Familie begleitet. So geht es nicht nur, wie man es von dieser Art Film gewöhnt sein könnte, um das Drama vor der nächsten Show, sondern um einen jungen, erfolgreichen Mann, der abends allein in einem riesigen Zimmer Sushi isst, zu seinen geliebten Großeltern fährt und mit ihnen die neuesten Entdeckungen der Adoptionsagentur bespricht, die ihm hilft, Informationen über seine leibliche Mutter zu sammeln.

Rousteing wirkt wie ein verlorener Junge, wenn er Claudia Schiffer begrüßt und im nächsten Moment schluchzend Details über seine Geburt erfährt. Nachts wird er von seinem Chauffeur durch die weiten Straßen von Paris gefahren und vertraut ihm an, was ihn wirklich beschäftigt. Er habe gelesen, er sei ein "Wonder Boy". Was das ist? Ein Junge, der erfolgreich ist, ohne besonders viel Glück in seiner Vergangenheit gehabt zu haben.

"Wonder Boy", auf Netflix

Balmain-Designer Olivier Rousteing im Film "Wonder Boy"
Foto: Netflix

Balmain-Designer Olivier Rousteing im Film "Wonder Boy"

 

Erinnerungen an die Könige der Magier

"Siegfried und Roy waren Meister der Illusion. Nicht nur im Sinne des Täuschens, sondern auch im Kreieren von fantastischen Bildwelten. Ganz Las Vegas ist ein eigener Kosmos, eine Kulisse. Das Duo hat zur richtigen Zeit erkannt, dass viele Menschen ein großes Bedürfnis nach Wunschwelten als Reaktion auf unsere entzauberte Welt haben.", schrieb der Berliner Künstler und Zauberer Tobias Dostal im Frühjahr 2020 nach dem Tod der Magierlegende Roy Horn im Alter von 75 Jahren. Inzwischen ist auch dessen Partner Siegfried Fischbacher (1939-2021) gestorben. Doch ihre glamourösen Shows, die man heute durchaus als queer oder im besten Sinne camp bezeichnen kann, bleiben unvergessen.  

Der Film "Siegfried und Roy – Ein Leben für die Illusion" verfolgt die Karriere der beiden von ihren Anfängen im kriegszerstörten Deutschland bis zu dem Tag, als Roy 2003 in Las Vegas von einem seiner Tiger schwer verletzt wurde und die Erfolgsstory ein jähes Ende fand. Ihr Einsatz von Raubkatzen und anderen Tieren in ihren Shows würde die beiden heute sicher in größere Schwierigkeiten bringen als es im vergangenen Jahrhundert der Fall war. Doch ihr unbedingter Wille zu Perfektion und Glamour hat die visuelle Kultur und unser Bild von Magiern nachhaltig geprägt. Spätestens der riesige Erfolg der Netflix-Produktion "Tiger King" hat gezeigt, dass es nach wie vor ein großes Bedürfnis nach der Zähmung  und Verglitzerung des "Wilden" gibt.

"Siegfried und Roy – Ein Leben für die Illusion", Arte-Mediathek, bis 23. Januar

Siegfried und Roy mit weißem Löwen 
Foto: Getty Images / Courtesy Arte

Siegfried und Roy mit weißem Löwen in Las Vegas, zu sehen im Dokumentarfilm "Ein Leben für die Illusion"


Sind Maschinen die besseren Liebhaber?

Die auf Keilschrift spezialisierte Wissenschaftlerin Alma (Maren Eggert), die am Berliner Pergamon-Museum arbeitet, hat sich als Teilnehmerin einer Studie mit künstlicher Intelligenz und artifizellem Sexappeal verpflichtet. Drei Wochen lang darf, soll, muss die Menschenfrau in ihrer Wohnung einen attraktiven Maschinenmann mit britischem Akzent austesten, der ganz auf die Erfüllung ihrer Bedürfnisse programmiert ist. Sie wird sich wundern, vor allem über sich selbst.

Mit "Ich bin dein Mensch" hat Maria Schrader, einem breiten Publikum vor allem als Schauspielerin bekannt, ihren dritten Film als Regisseurin gedreht. Ihre RomCom wurde als deutscher Kandidat für die sogenannten Auslands-Oscars 2022 nominiert und ist gerade in der ARD-Mediathek zu sehen. Auf der diesjährigen Berlinale gewann Maren Eggert für ihre Darstellung der Alma verdient den Silbernen Bären.

Der Film behandelt ein Thema, das die Menschen weltweit zunehmend beschäftigt: Künstliche Intelligenz. Wie Alma den humanoiden Roboter Tom behandelt, den sie erstmal in die Rumpelkammer schiebt und als "Ausstülpung meines Ichs" bezeichnet, so hat sie mutmaßlich auch die echten Männer in ihrem Leben abserviert. Und was ist mit ihrem dementen Vater, der mehr schlecht als recht allein in seiner Stadtrand-Wohnung vegetiert? Ist ihr alter Herr auch nur noch eine Maschine mit Aussetzern, die aus Gewohnheit noch gewartet wird? Alma kümmert sich, doch ein bisschen mehr Wärme könnte sie schon aufbringen.

Es ist eine nicht gänzlich lieblose, aber eine von Stress und Routine doch ausgelaugte Welt, in die Tom hineinplatzt. Perfekt, mit einem gewissen Hannibal-Lecter-Augenaufschlag, spielt Dan Stevens den gut vernetzten Alleskönner, der Almas Leben aus den Angeln hebt. Denn der Rechenkünstler ist nicht berechenbar. Und das System Alma ist absturzgefährdeter, als es der ach so kontrollierten Anthropologin lieb sein kann.

Eine ausführliche Rezension zum Film lesen Sie hier. 

"Ich bin dein Mensch", ARD-Mediathek, bis 22. März

Dan Stevens in einer Szene aus "Ich bin dein Mensch" ("I’m Your Man"). Der Film von Regisseurin Maria Schrader gehört zu den Wettbewerbsfilmen der Berlinale 2021
Foto: Christine Fenzl/Berlinale/dpa

Dan Stevens als Roboter Tom in einer Szene aus "Ich bin dein Mensch" ("I’m Your Man"). Der Film von Regisseurin Maria Schrader gehörte zu den Wettbewerbsfilmen der Berlinale 2021


Das Schöne und das Böse bei Helmut Newton

Helmut Newtons provokante Fotografien von Frauen haben den deutsch-australischen Künstler (1920 - 2004) weltweit bekannt gemacht. Sein Werk und das Frauenbild, das er darin vermittelte, waren und sind heute immer noch sehr polarisierend. Während er nach eigenen Angaben aus der Überzeugung heraus arbeitete, zur Emanzipation von Frauen beizutragen und sie mit seinen häufig erotischen Inszenierungen zu stärken, werden seine Aufnahmen von außen oft auch als sexualisierende und erniedrigende Darstellungen wahrgenommen.

Dieser Zwiespältigkeit will Gero von Boehm im Dokumentarfilm "Helmut Newton – The Bad und The Beautiful" (2020) auf den Grund gehen. Dafür lässt er die Personen erzählen, die Newtons Arbeit ausmachten: Frauen. Auftraggeberinnen, zum Beispiel "Vogue"-Chefin Anna Wintour, und Models wie Grace Jones und Nadja Auerman kommen ebenso zu Wort wie seine 2020 verstorbene Ehefrau June Newton. Ergänzt werden deren Berichte mit Ton- und Filmaufnahmen von Helmut Newton selbst. Dieser Dokumentarfilm berichtet zwar größtenteils aus einer zu subjektiven Perspektive, um ein umfassendes und differenziertes Bild zu zeichnen, gibt aber einen intensiven und intimen Einblick in Werk und Leben des Künstlers.

"Helmut Newton – The Bad and The Beautiful", ZDF-Mediathek, bis 14. Januar

Helmut Newton, Selbstporträt, Monte Carlo, 1993
Foto: ZDF / Helmut Newton, Helmut Newton Estate, Courtesy Helmut Newton Foundation

Helmut Newton, Selbstporträt, Monte Carlo, 1993

 

Leonardo oder nicht Leonardo, das ist hier die Frage

Ob Leonardo da Vinci wirklich den "Salvator Mundi" gemalt hat, fragt sich seit der Rekordversteigerung des Bildes im Herbst 2017 für 450 Millionen Dollar die ganze Welt (gerade ist ein Kinofilm über das rätselhafte Kunstwerk im Netz aus Gier und Macht angelaufen). Um das kleine Gemälde "Madonna mit der Spindel" gab es nicht annähernd so viel Rummel, doch auch hier stellen sich interessante Urheberfragen. Lange wurde eine Öltafel in der Schottischen Nationalgalerie in Edinburgh, die die Jungfrau Maria mit dem Jesuskind und einer Spindel zeigt, als Original bewertet, an dem Leonardo zumindest mitgearbeitet hat. Doch dann taucht in Paris eine weitere Version des Motivs auf, die zuerst als Kopie aus der Werkstatt des Meisters galt, nun jedoch erneut untersucht werden soll.

Die Dokumentation "Leonardo, or not Leonardo", die gerade auf Arte zu sehen ist, zeigt die Arbeit der renommierten Restauratorin Cinzia Pasquali und ihres Teams, die drei Jahre lang dem Geheimnis des Vielleicht-Meisterwerks auf den Grund gehen und dabei in Archiven überraschende Entdeckungen machen. Der Film versucht keineswegs, ein Kunst-Krimi zu sein - was seine große Stärke ist. Vielmehr geht es um die akribische Arbeit der Kunsthistoriker, die Verflechtungen von Kunst und Politik in der Renaissance und die faszinierenden Möglichkeiten, alte Bilder mit modernster Technik zum Sprechen zu bringen. 

"Leonoardo, or not Leonardo", Arte-Mediathek, bis 1. Februar

Ist das jetzt ein Da Vinci? Das Gemälde "Madonna mit der Spindel" wird im Film "Leonardo, or not Leonardo?" neu untersucht
Foto: CC via Wikimedia Commons

Ist das jetzt ein Da Vinci? Das Gemälde "Madonna mit der Spindel" wird im Film "Leonardo, or not Leonardo?" neu untersucht


Ikone oder Kunst-Ruine?

Apropos Kunst-Krimi: Wer sich dann doch lieber die spektakuläre Leonardo-Story rund um Geld, Hype und politische Verwerfungen geben möchte, kann sich gerade den Dokumentarfilm "Der letzte Da Vinci – Das teuerste Kunstwerk der Welt" in der ZDF-Mediathek ansehen, der schon vor Andreas Koefoeds "The Lost Leonardo" erschienen ist. Darin erzählt der französische Autor Antoine Vitkine die Geschichte des "Salvator Mundi", der von einem Ramschkunstwerk in desolatem Zustand zum teuersten Gemälde aller Zeiten avancierte. 

Viele der offenen Fragen rund um den Vielleicht-Leonardo bleiben auch nach dem Film offen - beispielsweise, wo sich das 450-Millionen-Dollar-Bild heute befindet (die Yacht des saudischen Kronprinzen, ein Banktresor und ein Zollfreilager sind drei der Vermutungen). Aber der Film kitzelt die unvorteilhaftesten Seiten des Kunstbetriebs hervor. Es entsteht ein Bild einer Gruppe von Menschen, die unbedingt wollte, dass das Werk aus einem kleinen Auktionshaus in Louisiana ein Leonardo ist - und dafür Gefühle und Subjektivität über kunsthistorische Expertise stellten.

Interessant ist auch das Kapitel über den geplanten Auftritt des "Salvators" bei der großen Leonardo-Ausstellung im Louvre. Das Bild wurde dort nie gezeigt - und die verschiedenen Auffassungen über die Urheberschaft des Werkes führten zu handfesten Verwerfungen zwischen Frankreich und Saudi-Arabien. 

 "Der letzte Da Vinci – Das teuerste Kunstwerk der Welt", ZDF-Mediathek, bis 26. Januar

Salvator Mundi
Foto: Seth Wenig/AP/dpa

Sicherheitskräfte decken im Auktionshaus Christie's 2018 das Gemälde "Salvator Mundi" (deutsch "Heiland der Welt") von Leonardo da Vinci auf

 

Kubrick macht Lust auf Kubrick

Auf den Venedig-Filmfestspielen lief einem der große französische Filmkritiker Michel Ciment auch 2021 wieder über den Weg. Über den berühmten amerikanischen Filmregisseur Stanley Kubrick hat Ciment nicht nur mehrere Bücher geschrieben, er war auch mit ihm befreundet und konnte über einen langen Zeitraum Gespräche mit dem Filmemacher aufzeichnen, was eine rare Angelegenheit war. Denn Kubrick hielt sich zumeist bedeckt, konnte Pressevertreter eher nicht leiden und weigerte sich standhaft, seine Filme zu erklären.

In der kürzlich mit einem Emmy-Award ausgezeichneten Dokumentation "Kubrick erzählt Kubrick" ist ausnahmsweise seine Stimme zu hören, was nicht heißt, dass der Regisseur Selbstinterpretationen lieferte. Trotzdem ist via Tonband Interessantes über die Praxis des Filmemachers zu hören, der nach der Fertigstellung der Verfilmung von Arthur Schnitzlers "Traumnovelle" (bei ihm "Eyes Wide Shut", 1999) im Alter von 70 Jahren überraschend starb.

Wie ein Detektiv, "der Indizien sammelt", sei er bei der Bearbeitung von Stoffen für "Wege zum Ruhm", "Dr. Seltsam" oder "Full Metal Jacket" vorgegangen, spricht Kubrick in Ciments Mikrofon. Dass er an anderer Stelle seine Vorbereitungs-Manie mit Napoleons Detailwut bei der Planung militärischer Aktionen vergleicht – "Dreharbeiten und Feldzüge haben einiges gemeinsam" – ist ebenso interessant wie fehlende Aussagen zu Kubricks gescheitertem Napoleon-Filmprojekt bedauerlich sind.

Überhaupt ergeben die gesammelten O-Töne ein sehr lückenhaftes Bild von Kubricks Kino. Mitunter gibt der Regisseur auch eher fragwürdige Statements ab, etwa zur angeblich gescheiterten Kunst des 20. Jahrhunderts, weil "sie vom Gedanken der absoluten Originalität besessen war. Innovation heißt: sich weiterzuentwickeln, aber deswegen muss man in seiner eigenen Kunst nicht gleich auf klassische Formen verzichten." Nimmt man Kubricks Perspektive ein, versteht man den Satz allerdings besser. Der Filmemacher fühlte sich vor allem in der Kultur des 18. Jahrhunderts Zuhause. In dieser Epoche spielt "Barry Lyndon" (1975), ein Film, dem sich die Dokumentation ausführlich widmet, nicht zuletzt wegen der bahnbrechenden Ausleuchtung einiger Innenszenen allein mit Kerzenlicht.

Kubrick hatte als Fotograf angefangen, das spürt man in diesem Werk besonders, das wie der Dokumentarfilm eines Zeitreisenden gefilmt ist. Die Darstellerin Marisa Berenson erzählt von der Tortur, sich beim Dreh der Nachtszenen keinen Millimeter aus dem Fokus bewegen zu dürfen, wegen der geringen Tiefenschärfe des lichtstarken Objektivs, welches im Kerzenschein benutzt wurde.

Im Unterschied zu der (insgesamt stärkeren) Dokumentation "Stanley Kubrick: A Life in Pictures" von 2001, setzen die Schauspielerinnen und Schauspieler, die als Talking Heads auch in "Kubrick erzählt Kubrick" auftreten, den notorischen Perfektionisten in ein milderes Licht. Hollywood-Veteran Sterling Hayden, der in "Dr. Seltsam" den General Jack D. Ripper spielte, geht mit sich selbst kritisch ins Gericht: "Ich konnte mir den Text nicht merken, Stanley konnte nichts dafür". Die "Eyes Wide Shut"-Stars Nicole Kidman und Tom Cruise sind voller Bewunderung über Kubrick.

Bei den ergänzenden Interviews handelt es sich allerdings um Archivmaterial. Offenbar waren Kubricks Äußerungen dann doch zu sporadisch, um ein rundes Porträt zu ergeben. Auch Michel Ciment springt einmal ein, um die Grundzüge "des" Kubrick-Films zu beschreiben (was Kubrick selbst nie getan hätte): Unter der dünnen Schicht einer zunächst als aufgeklärt und besonnen geschilderten Zivilisation würden im Filmverlauf von "A Clockwork Orange", von "2001 – Odyssee im Weltraum" oder "Shining" irrationale, animalische und gewalttätige Unterströmungen sichtbar, so der Kritiker.

So sensationell die Existenz von O-Ton-Material mit der Stimme des Regisseurs also ist: Die Überschrift "Kubrick erzählt Kubrick" wird hier nicht wirklich eingelöst. Auf der visuellen Ebene arbeitet Dokumentarfilmer Gregory Monro wiederholt mit einem verkleinerten Modell des barocken Raums, in dem "2001"-Astronaut Bowman am Ende seiner "Odyssee im Weltraum" rätselhafterweise landet. In diesem oft zitierten Set mit Louis-Quinze-Mobiliar und leuchtendem Milchglasboden werden ikonische Objekte aus anderen Kubrick-Filmen verteilt (unter anderem die brennenden Wachskerzen aus "Barry Lyndon"), um das jeweils angeschnittene Thema zu markieren. "Kubrick erzählt Kubrick" ist (auch) deshalb lohnend, weil er wieder Lust weckt, die Filme des Meisters anzuschauen.

"Kubrick erzählt Kubrick", Arte-Mediathek, bis 26. Januar

Kubrick erzählt Kubrick
Foto: Courtesy Arte

Kubrick erzählt Kubrick


Die Rolling Stones und die Umbrüche der späten 60er

Gerade hatten die Beatles in Peter Jacksons Mammut-Dokumentarfilm "Get Back" über die Endphase der Band noch einmal einen großen Auftritt. Wer dann doch eher der Rolling-Stones-Typ ist, kann auf Mubi ab sofort die experimentelle Collage "Sympathy For The Devil" (1968) von Regie-Legende Jean-Luc Godard streamen. Darin werden die Stones bei den Aufnahme-Sessions zum gleichnamigen Song in den Olympic Studios in London begleitet, doch das energetische Stück ist gleichzeitig ein Ausgangspunkt, um sich den politischen Umbrüchen der Zeit zu widmen. 

Proben-Material der Band wird mit Szenen von Straßenprotesten und der Black-Power-Bewegung kombiniert und mit fiktionalen Szenen der Schauspielerin Anne Wiazemsky verknüpft. Ein teils sperriger, aber aufregender Ritt durch Rock'n'Roll-Geschichte, Bürgerrechtsbewegung und politischen Utopien. 

"Sympathy For The Davil (One Plus One)", auf Mubi

"Sympathy For The Devil (One Plus One)", Filmstill, 1968
Foto: Mubi

"Sympathy For The Devil (One Plus One)", Filmstill, 1968


Kunst im Plural 

Egotrip in der Kunst war gestern - zumindest ist das die These dieser Folge des Arte-Kulturmagazins "Twist". Darin geht es um die neue Sichtbarkeit von Kollektiven in der Kulturwelt und Kreativität als gemeinschaftliche Praxis jenseits von Geniekult. Dazu besucht Moderatorin Bianca Hauda die Macherinnen und Macher der Zukunftswerkstatt "Floating University" in Berlin, die bei der diesjährigen Architekturbiennale in Venedig einen Goldenen Löwen gewonnen haben. Das Kollektiv Raumblabor spricht dabei über die Entstehung von gemeinschaftlichen Räumen und die Rolle von Architektur und Design für ein produktives Miteinander.

Auch die kommende Documenta wird von Kollektiven geprägt sein, denn die Kuratorinnen und Kuratoren von Ruangrupa haben vor allem Kunstgemeinschaften aus der ganzen Welt eingeladen. "Twist" besucht in diesem Fall exemplarisch das Nest Collective aus Nairobi und stellt dessen Praxis zwischen Kunst, Mode, Musik und Partys vor. 

Außerdem kommt auch Monopol-Chefredakteurin Elke Buhr zu Wort. Sie spricht über die Herausforderungen von gemeinsamer Ideenfindung und erklärt, warum sich der Kunstmarkt mit Kollektiven schwertut. 

"Twist: Egotrip war gestern! Kunst im Kollektiv", Arte-Mediathek, bis 11. Dezember

Monopol-Chefredakteurin Elke Buhr im Kulturmagazin "Twist"
Foto: Screenshot via Arte

Monopol-Chefredakteurin Elke Buhr im Kulturmagazin "Twist"


Kunsthistorikerin als Detektivin

Da sage nochmal jemand, ein Studium der Kunstgeschichte mit Spezialisierung auf die Renaissance würde zur Armut oder zum Verschwinden in staubigen, dunklen Archiven verdammen. Die Kunsthistorikerin Florence Chassenge (Eléonore Bernheim) arbeitet (immer hervorragend gekleidet) im Louvre, wandelt in lichtdurchfluteten Hallen unter der Pyramide und löst nebenbei Kriminalfälle mit Fantasie (ihr erscheinen tote Maler) und konzentrierten Blicken in ihre schlauen Bücher. Durch Zufall wird sie zu Beginn der französischen Serie "Art of Crime" Zeugin eines Mordes im Schloss von Amboise nahe des Grabes von Leonardo da Vinci und arbeitet sich mit dem betont kunstbanausigen Polizisten Antoine Verlay (Nicolas Gob) durch die Indizien, die alle mit einem verschollenen Gemälde des Meisters zu tun haben.

In der Serie "Art of Crime", von der gerade die dritte Staffel in der ZDF-Mediathek verfügbar ist, führt die Geschichte großer Kunstwerke auf die Fährte von großen Verbrechern. Ein bisschen "Da-Vinci-Code" mit weniger Verschwörung und mehr Menschelndem. Die Dramaturgie ist ziemlich klassisches und definitiv nicht klischeefreies Krimi-Handwerk, und die Dynamik zwischen der kunstsinnigen Florence und dem grummeligen Antoine, der in die Abteilung Kunst-Kriminalität strafversetzt wurde, läuft etwas vorhersehbar auf Romantik hinaus - nein, nicht die Epoche. Aber für eine Unterhaltungsserie nimmt "Art of Crime" die Kunst ungewöhnlich ernst, und die Liebe zu ihr lässt Menschen extreme Dinge tun. Nebenbei kann man durch die ausführlichen Dialoge zu realen Werken auch noch ein paar Einführungskurse Kunstgeschichte nachholen.

"Art of Crime", Staffel 3, ZDF-Mediathek, bis 8. Januar, alle Staffeln bei Amazon Prime

Der Polizist Antoine Verlay (Nicolas Gob) und die Kunsthistorikerin Florence Chassagne (Eléonore Bernheim) in der Serie "Art of Crime"
Foto: ZDF

Der Polizist Antoine Verlay (Nicolas Gob) und die Kunsthistorikerin Florence Chassagne (Eléonore Bernheim) in der Serie "Art of Crime"


Ein Leben für den Film

Roger Ebert (1940 - 2013) aus Chicago war einer der profiliertesten Filmkritiker der USA. 1975 gewann er als erster Vertreter seines Fachs einen Pulitzerpreis. Die Dokumentation "Life Itself" von Steve James, die auf Eberts Memoiren basiert und 2014 auf dem Sundance Festival Premiere feierte, spürt dem Leben und der Leidenschaft eines außergewöhnlichen Cineasten nach. In Interviews aus seinen letzten Lebensmonaten spricht Ebert selbst über Filme, die ihn geprägt haben, sein Schreiben und seine eigenen Auftritte in der Öffentlichkeit. Auch Familienmitglieder und prominente Freunde wie Werner Herzog oder Martin Scorsese kommen zu Wort.

"Life Itself" ist ein warmherziges Porträt und erinnert daran, was es heißt, Film wirklich zu lieben: Auf jeden Fall mehr, als ab und zu einen auf der Couch zu streamen. 

"Life Itself", auf Mubi 

Roger Ebert (rechts) mit Regisseur Russ Meyer 1970
Foto: CC via Wikimedia Commons

Roger Ebert (rechts) mit Regisseur Russ Meyer 1970