Anika Meier

Trump-Protest von Künstlern und Fotografen

Instagram wird politisch

12/19/2016 - 14:27

2016 war kein gutes Jahr: Brexit, Trump, Aleppo – überall herrschen Trauer, Angst, Hilflosigkeit und Wut. In den sozialen Medien werden Fotografen und Künstler aktiv

2016 war ziemlich schlimm, es brachte uns den Brexit, die Mannequin Challenge, postfaktisch als Wort des Jahres und dann auch noch Trump. Es nahm uns David Bowie, Prince, Leonard Cohen, Daniel Josefsohn, Muhammad Ali, Zaha Hadid und viel zu viele, die wir hier noch dringend gebraucht hätten. Und jetzt Ende des Jahres überall Wut, Ratlosgikeit, Hilflosigkeit und viel zu viele wütende, ratlose und hilflose Jahresrückblicke.

Zugegeben, 2016 hatte auch ein paar gute Seiten: Bob Dylan bekam den Nobelpreis für Literatur verliehen, es gab vier neue Folgen "Gilmore Girls", Einhorn-Schokolade, ein Avocado-Emoji, einen unterhaltsamen Rant von Jarett Kobek außerhalb des Internets über das Internet und "Stranger Things" auf Netflix.

Seltsame Dinge, die man auch viel lieber nur in einer Serie sehen und hören würde, passieren auch außerhalb von Netflix. Trump will eine Mauer bauen, Trump will das Internet abschalten, Trump und Kanye West sind jetzt BFF 4 life. Klingt verrückt! Es ist verrückt. Kanye fällt das nicht weiter auf, er will nur eins, ein Foto mit Trump machen und dann weiter.

 

Trump derweil will noch viel mehr, angeblich auch Sylvester Stallone als Chef der US-Kulturstiftung. Stallone hat sich bekanntlich als Sammler und Kunstsachverständiger einen Namen gemacht, der sogar Kunstwerke restaurieren kann, wenn es drauf ankommt. Der Kiefer an seiner Wand haart, Stallone greift wie Anselm Kiefer zum Klebstoff und pappt das abgefallene Stroh einfach wieder an das 1,7 Millionen teure Gemälde. Irgendwann musste er das Bild dann verkaufen, weil seine Frau fürchtete, die Kinder könnten depressiv werden – zu groß und absolut finster sei es gewesen, erzählte Stallone im Interview mit der "Süddeutschen Zeitung".

Vielen geht es inzwischen mit Trump wie Stallone einst mit dem haarenden Kiefer. Täglich lag Stroh unter dem Bild, jeden Tag ein neuer Halm, beschwerte sich Stallone – irgendwann sieht man es einfach nicht mehr ein und unternimmt etwas. Beispielsweise gegen die Tweets von Trump. Jeden Tag ein neuer Tweet, jeden Tag neuer Unfug. Was ist das nur für 1 Wort "unpresident"? Ein Freudscher Verschreiber? Die "Washington Post" antwortet mit einer Google-Chrome-Erweiterung, die einen Faktencheck der Tweets von Trump möglich macht und Kontext liefert. So muss man nicht zu jedem Tweet von The Donald das Netz nach Artikeln absuchen, um abschätzen zu können, wie grob der Unfug tatsächlich ist.

Auf Irrsinn mit Vernunft, Fakten und Argumenten zu antworten, das hat sich auch die Halt Action Group zur Aufgabe gemacht. Zu deren Mitgliedern gehören die Kuratorin Alison Gingeras und der Künstler Jonathan Horowitz. Seit dem 21. November bespielen sie auf Instagram den Account @dear_ivanka, auf dem auch fast jedes Posting – mittlerweile sind es 123 – mit den Worten "Dear Ivanka" beginnt. Beiträge können außerdem eingereicht werden. Kanye schlurft lässig durch das Foyer des Trump Towers und posiert vor Kameras mit Daddy Trump, Tochter Ivanka erhält einen besorgten Brief.

 

Trump trifft sich nicht ohne seine Tochter mit Japans Ministerpräsident Shinzo Abe in Manhattan, Ivanka bekommt einen Brief voller Fragen. Wo verlaufen eigentlich die Grenzen zwischen Präsidentschaft und Familiengeschäft?

 

Oder sie bekommt Bittbriefe, deren Grundhaltung immer Verständnis und Offenheit ist, die aber auch ganz deutlich machen, dass etwas passieren muss, dass sie agieren muss. Mit dem Appell "Make America Feel Again" endet einer dieser Briefe.

 

Ivanka Trump betreibt eine eigene Schmuck- und Modefirma, sie ist Vize-Chefin der Trump Organization, gemeinsam mit ihrem Ehemann Jared Kushner ist sie eine wichtige Beraterin im Übergangsteam Trumps und aktuell wird darüber spekuliert, ob sie nicht gleich ein Büro im Westflügel des Weißen Hauses beziehen und gesellschaftliche Funktionen der First Lady übernehmen wird. Denn Melanie Trump hat es alles andere als eilig, ins Weiße Haus zu ziehen. Ivanka Trump hat also Macht, im Zweifel wird sie noch mächtiger und sie, so glaubt man, hat Einfluss auf ihren Vater und auf die Menschen, die er nicht erreicht. Und einige eben dieser Menschen richten sich jetzt via Instagram an die Präsidententochter. "She frequents the art world, what's sometimes called 'the New York liberal bubble,'" sagte Gingeras im Gespräch mit dem "New Yorker". "So we already know we can speak with her, and we want to appeal to her personal stakes." Man wisse also, dass man mit ihr sprechen könne, weil sie in New Yorks Kunstkreisen unterwegs sei; außerdem sammeln sie und ihr Ehemann zeitgenössische Kunst. Und vielleicht, so hofft man, ist sie ja doch heimlich eine von ihnen.

 

Der amerikanische Fotojournalist Benjamin Lowy kommentiert ebenfalls das politische Tagesgeschehen in Amerika. In den vergangenen Tagen hat er auf Instagram und Twitter die ersten Bilder aus seinem neuen Buch "The Comment Section. An American Cartoon Story" veröffentlicht. Während des Wahlkampfs und der Wahlen hatte er unter anderem für das "Time Magazine" und das "New York Times Magazine" fotografiert. Aus seinen Fotos hat er Illustrationen gemacht, die er mit den absurdesten Zitaten kombiniert, die er den Wahlkampf betreffend in den sozialen Medien finden konnte. "These days the rhetoric has gotten so extreme that we have been transformed into caricatures of ourselves", schreibt er unter jedem Posting über sein neues Buch auf Instagram.

 

Die Phrasen seien mittlerweile so extrem, sagt Lowy, wir seien nur noch Karikaturen unserer selbst. Deshalb macht er aus seinen Fotos von Trump und Clinton Karikaturen. Über Clintons Gesicht legt er einen Snapchat-Filter.

 

Justin Bieber hat sich vor Kurzem wieder einmal über Instagram aufgeregt. Instagram sei der Teufel, sagte er, Instagram sei die Hölle. Da mag er recht haben. Instagram ist gerade aber auch eines der sozialen Netzwerke, in denen Künstler und Fotografen politisch aktiv werden – wie Ben Lowy und die Halt Action Group zeigen. Das "Time Magazine" hat aktuell wieder den Instagram-Fotografen des Jahres ausgezeichnet. Die Wahl fiel auf Ruddy Roye, der sich in seiner Profilbeschreibung selbst als "Humanist/Activist" bezeichnet, als Fotografen mit einem Gewissen. Als schwarzer Fotograf dokumentiert er das Leben der Schwarzen in seiner Nachbarschaft und überall in Amerika. Er fotografiert den Mann an der Straßenecke, an dem er jeden Tag vorbeikommt und den niemand zu beachten scheint, genauso wie die Menschen in Baton Rouge nach dem Tod von Alton Sterling. Er will ihnen ein Gesicht geben, ihre Geschichte erzählen. Deshalb lässt er sie selbst zu Wort kommen, schreibt ihre Geschichte auf und postet Text und Bild.

 

Können Bilder wirklich etwas verändern, fragt sich Swantje Karich in der "Welt". "Wir sind wieder einen Schritt weiter in der medialen Teilhabe an den Kriegen dieser Welt – und die meisten haben es nicht bemerkt", schreibt sie. Kinder, Familienväter, weinende Mütter, junge Männer, Jounalisten und Aktivisten schicken an uns alle aus Aleppo Nachrichten, die ihre letzten sein könnten. Hashtag #finalmessage. Sie sprechen in die Kamera ihres Smartphones, halten es ganz nah vor ihr Gesicht, wie es sonst unsere Freunde tun, wenn sie uns eine Nachricht über Snapchat schicken. Sie flehen uns an zu helfen, während im Hintergrund Bomben einschlagen, Häuser brennen und alles in Schutt und Asche liegt. Das ist die Hölle.