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Whitney-Biennale in New York

Politik wiegt schwerer als formale Fragen

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In New York trifft die Whitney-Biennale präzise den Puls der Zeit

Künstler verstehen es ja bekanntlich gut, Stimmungen einer Zeit einzufangen. Und auch wenn eine Schau wie die Whitney-Biennale natürlich immer nur ein Schnappschuss sein kann von dem, was eine neue Generation von Künstlern gerade bewegt, so hat man doch das Gefühl, dass die diesjährige Ausgabe den Puls der Zeit besonders gut getroffen hat.

Während die letzte Biennale 2014 noch im alten von Marcel Breuer errichteten Gebäude an der Madison Avenue zu sehen war, findet die aktuelle Ausgabe erstmals in dem großen Neubau von Renzo Piano in Manhattans Meat­packing District statt. Mit 63 Künstlerpositionen auf zwei Etagen ist die Schau angenehm übersichtlich. Die Kuratoren Christopher Y. Lew und Mia Locks, beide asiatisch-amerikanischer Abstammung, setzen ein deutliches Zeichen, indem sie mit der Schau vor allem nicht-weißen und weiblichen Künstlern die Aufmerksamkeit schenken, die in letzter Zeit zu Recht immer wieder eingeklagt wurde.

Die Ausstellung erscheint wie der Spiegel einer zutiefst verunsicherten, verbitterten und gespaltenen Nation. Viele Künstler thematisieren Probleme, die sie selbst erlebt haben: Armut, Ausgrenzung, Rassismus, Gewalt. Dies wird deutlich in Frances Starks kluger Reflexion zu Redefreiheit und kreativem Ausdruck ("Censorship Now", 2017), in Lyle Ashton Harris' intimer fotografischer Betrachtung von sexueller Identität oder in Celeste Dupuy-Spencers witzig kühlem Kommentar zur gegenwärtigen Trump-Politik ("Trump Rally (And Some of Them I Assume are Good People)", 2016).

Es ist überraschend viel Malerei zu sehen, darunter fallen vor allem figurative Arbeiten der in Los Angeles lebenden iranischen Künstlerin Tala Madani auf. Ihre tragisch-komischen Bilder von oft unbeholfen ejakulierenden und kackenden Männern machen dem Betrachter auf peinliche Weise das radikale Ausmaß bewusst, mit dem Verlangen und Scham unser menschliches Verhalten bestimmen.

Politik wiegt hier viel schwerer als formale Fragen. Das Gemälde "The times that ain't changing fast enough" des Kaliforniers Henry Taylor etwa thematisiert den durch einen weißen Polizisten verursachten Tod des Afroamerikaners Philando Castile, wie ihn seine Verlobte 2016 live im Internet streamte.

Bei Jordan Wolfsons Virtual-Reality-Kunstwerk "Real Violence" (2017) ist man schließlich nicht mehr sicher, woher leichter Schwindel und Übelkeit kommen: von den rasanten 360-Grad-Loopings zwischen den Hochhäusern von Manhattan, oder von der völlig ungebrochenen, abstraktionsfreien Animation des brutalen Typen, der mit dem Baseballschläger auf den Kopf eines anderen einschlägt. Wenn Kunst zu wirklichkeitsgetreu wird, ist sie manchmal nur noch sehr schwer zu ertragen.

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