Kuratorin Christine Macel

Gegen die Angst

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Christine Macel kuratiert die kommende Biennale in Venedig. Was ist von der Französin zu erwarten?

Die Wahl der künstlerischen Leitung der Venedig-Biennale vollzieht sich geheimer als eine Geheimlogensitzung. Wer ist in der Jury? Nach welchen Kriterien wird ausgewählt? Am Ende des Prozesses steht eine nebulöse Begründung des Biennale-Präsidenten. Bei der Berufung in diesem Jahr fällt allerdings auf, dass Paolo Baratta die neue Leiterin in den wenigen Sätzen, die ihm zur Verfügung stehen, mit ihrem Vorgänger vergleicht: Während Okwui Enwezor 2015 in den Fokus gerückt habe, dass "wir in einem Zeitalter der Angst leben, hat die Biennale mit Christine Macel eine Kuratorin gewählt, die herausstreicht, dass Künstler eigene Universen erfinden und generöse Vitalität verbreiten". Klingt, als wolle die älteste Biennale der Welt die Last der Konflikte und Krisen abschütteln, nachdem die letzte Ausgabe bei vielen Kritikern durchgefallen ist.

Tatsächlich ist Macel in den 16 Jahren als Chefkuratorin des Pariser Centre Pompidou eher mit Ausstellungen aufgefallen, die tief in der Kunstgeschichte und -theorie verwurzelt sind, die zwar Gegenwartskunst zeigen, aber nicht die unmittelbare politische Gegenwart kommentieren. Die Französin hat eine viel beachtete Gruppenschau zum Tanz des 20. und 21. Jahrhunderts kuratiert, die Ausstellung "Airs de Paris" versammelte die großen zeitgenössischen Künstler ihrer Geburtsstadt, "Les Promesses du passé" Kunst aus Ost­europa seit 1956. Macel verneint im Gespräch eine Vorliebe für ein bestimmtes Medium, Material oder eine bestimmte künstlerische Praxis. Aber sie präsentierte doch viele Künstler, die einen Raum beherrschen und mit sinnlich fassbarer Kunst füllen können. So hat sie wiederholt mit Anri Sala, Jeppe Hein, Gabriel Orozco, Sophie Calle und Philippe Parreno zusammengearbeitet.

Auch wenn die 1969 Geborene häufig auf Künstler ihrer Generation zurückgreift, verliert sie mit dem von ihr eingerichteten experimentellen "Espace 315" innerhalb des Centre Pompidou die Jüngeren nicht aus dem Blick und bewies ein Händchen für Trends, ohne ihren kulturwissenschaftlichen Ansatz zu verraten.

Zu Berlin hat die Kuratorin, die fließend Deutsch spricht, engen Kontakt: Seit Mitte der 90er ist sie immer wieder in der deutschen Hauptstadt, 1998 arbeitete sie als Beraterin an der Entstehung der legendären ersten Berlin Biennale mit, 2011 saß sie in der Jury zu "Based in Berlin", einer "Leistungsschau junger Kunst". Als Deutschland und Frankreich auf der Venedig-Biennale 2013 die Pavillons tauschten, hat sich Macel mit ihrer Präsentation von Anri Sala sicher gern darauf eingelassen.
Mag die Biennale, die am 13. Mai 2017 ­eröffnet, auch nicht so politisch werden wie die letzte Ausgabe – die Berufung von Christine Macel ist an sich ein Politikum: Seit Einführung der Position eines künstlerischen Leiters 1962 wurde diese Stelle bisher nur dreimal von einer Frau besetzt.

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