"Ausschaltung aller zuständigen Gremien"

Peter Weibel kritisiert Haltestellen-Pläne von Markus Lüpertz

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Peter Weibel, Direktor des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medien (ZKM), kritisiert das Vorhaben, Haltestellen in Karlsruhe mit religiösen Kachelbildern von Markus Lüpertz zu gestalten.

Ihn störe "alles" an diesen Plänen, sagte er der "Süddeutschen Zeitung" (Freitagsausgabe): "Gerhard Richter hat ein abstraktes Kunstwerk für den Kölner Dom geschaffen, ein Fenster mit nach Zufallsprinzip ausgewählten Farbflächen. Das ist säkulare, autonome Kunst im sakralen Raum. Lüpertz will das Gegenteil machen, wenn er U-Bahnstationen mit Bildern der Schöpfungsgeschichte sakralisiert."

Lüpertz will sich in sieben Haltestellen der unterirdischen Straßenbahn, die in Karlsruhe gerade gebaut wird, auf großen Keramiktafeln mit dem Themenkreis der "Genesis" auseinandersetzen. Der Gemeinderat hat sich für das privat finanzierte Vorhaben ausgesprochen, das rund eine Million Euro kosten soll. "Das ist ein Eingriff in den öffentlichen Raum unter Ausschaltung aller zuständigen Gremien. Bei solchen Entscheidungen berät eigentlich eine Kunstkommission die Politik, auch als Schutz gegen Versuche der Einflussnahme durch Lobbyisten. Alle Vertreter der Karlsruher Kunsteinrichtungen, von der Kunsthalle bis zum Badischen Kunstverein, sind entschieden gegen diese Umwidmung der Werbetafeln als Ausstellungsflächen für Lüpertz."

Die Belegung von öffentlichen Raum mit religiösen Symbolen unter Umgehung demokratischer Verfahren erinnert den 73-jährigen Weibel, der im ZKM zurzeit eine Lüpertz-Ausstellung zeigt, an das Vorhaben, die Kuppel des Berliner Humboldt Forum mit einem Kreuz auszustatten.

Lüpertz selbst hatte sich in dieser Woche zur anhaltenden Kritik geäußert: "Seit wann dürfen Prediger nicht mehr in den öffentlichen Raum?" Er verstehe "Genesis" auch viel offener und weiter, als es in der Bibel steht. Er wisse noch gar nicht, wie die Arbeiten aussehen werden. "Das könnte ja sogar antichristlich sein."

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