Medienschau

"Rein finanziell betrachtet sind einige der Museen inzwischen Zombies"

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Kommentare zum Abschlussbericht zur Documenta-Organisationsstruktur, die "wildesten Kunstgeschichten des Jahres" und Berliner Museen brauchen Geld: Dies ist unsere Presseschau am Mittwoch

Antisemitismus-Debatte

Ganz zufrieden zeigt sich Sophie Jung in der "taz" mit dem Abschlussbericht zur Documenta-Organisationsstruktur. "Bemerkenswert ist, wie die Unternehmensberater die besonders diffizile Stelle zwischen künstlerischer Leitung und Institution lösen, wenn politischer Dissens herrscht. An dieser war die documenta fifteen sichtlich gescheitert, als eine indonesische Kuratorengruppe aus dem sogenannten 'globalen Süden' auf einen deutschen Diskurs über Antisemitismus stieß. Ohne Bevormundung, 'auf Augenhöhe', wie es im Bericht heißt, solle fortan zu Beginn der Zusammenarbeit zwischen künstlerischer Leitung und der documenta gGmbH ein Verhaltenskodex erarbeitet werden, der als eine Art ethischer Maßstab für die Ausrichtung der öffentlichen Ausstellung gelte." Stefan Trinks findet in der "FAZ", dass es auf eine "Ausbalancierung der Gewährung der notwendigen Kunstfreiheit einerseits und der ebenso bitter nötigen ethischen Haltung hinter der in Kassel gezeigten Kunst andererseits"ankomme. "In der Praxis umsetzbar scheint dies für die 2027 kommende Documenta 16 im Grunde nur, wenn das Primat wieder wie bei den früheren erfolgreichen Ausgaben der Weltkunstschau nicht der Illustrierung politisch-agitatorischer Ziele ('Guernica Gaza'), sondern jener Kunst gehört, die nicht in erster Linie Polit-Kunst sein will."

Kunstmarkt

Der französische Fernsehsender BFMTV berichtet von einem Prozess um eine wertvolle Holzmaske aus Gabun, der nun in Frankreich zu eine gegangen ist. Ein Trödelhändler hatte einem älteren Ehepaar, das Objekt auf dem Dachboden gefunden hatte, 150 Euro dafür bezahlt, um es später für 4,2 Millionen Euro weiterzuverkaufen. Das Gericht sah es nicht als erwiesen an, dass der Gebrauchtwarenhändler "vom einzigartigen Wert" der Maske wusste, weshalb den Erlös aus dem Verkauf des Artefakts behalten darf. Er gewann damit sowohl gegen die Vorbesitzer als auch gegen den Staat Gabun.

Über Jahrzehnte hatte sie eine bedeutende Kunstsammlung zusammengetragen, doch erst in den vergangenen Jahren machte Heidi Goëss-Horten diese auch der Öffentlichkeit zugänglich. 2022 wurde in Wien das Privatmuseum Heidi Horten Collection eröffnet, kurz vor dem Tod der Sammlerin und Ehefrau deutschen Kaufhaus-Königs Helmut Horten (1909-1987). An dessen Rolle in der NS-Zeit erinnert Olga Kronsteiner im "Standard": "Als Profiteur und NSDAP-Mitglied (1937–1944) hatte er gezielt die 'Übernahme' von Kaufhäusern aus jüdischem Vorbesitz betrieben und sich an Unternehmen in der Rüstungsindustrie beteiligt, die Zwangsarbeiter beschäftigten. Zu Lebzeiten verlor Heidi Horten darüber öffentlich kein Wort, wiewohl diese Geschäftstätigkeit ihres 1987 verstorbenen ersten Ehemannes die Grundlage für das Milliardenvermögen bildete, das untrennbar mit ihrer Kunstsammlung, jedem Neuankauf und dem Betrieb des Museums verknüpft bleibt." In einer neuen Ausstellung bekennt man sich nun zu einer "historischen Verantwortung". Ergebnisse von Nachforschungen sollen aber erst 2024 sukzessive veröffentlicht werden. 

Jahresrückblick

"Hyperallergic" blickt auf "die wildesten Kunstgeschichten des Jahres 2023" zurück: "Außergewöhnliche Entdeckungen, Touris auf Abwegen und Momente institutionellen Versagens und Machtmissbrauchs prägten ein turbulentes Jahr der visuellen Kultur."
 
Museen

Die Staatlichen Museen zu Berlin sind unerhört arm, schreibt Tobias Timm in der "Zeit": "Rein finanziell betrachtet sind einige der Museen inzwischen Zombies, halb tot, halb lebendig. Umso absurder, dass nun ein weiteres Kunsthaus dazukommen soll. Man hat schon jetzt kein Geld und gibt es umso großzügiger aus." Timm wünscht sich, dass die Politik trotz Haushaltskrise die Förderung erhöht. Oder sie müsse die Baupläne für das Museum des 20. Jahrhunderts neben der Neuen Nationalgalerie radikal überdenken. 

Streaming

US-Schauspieler Robert De Niro (80, "The Irishman") hat für seine erste Netflix-Serie prominente Verstärkung bekommen. Neben dem zweifachen Oscar-Preisträger ("Wie ein wilder Stier", "Der Pate II") werden in der Serie "Zero Day" unter anderem auch Angela Bassett (65, "Tina - What's Love Got To Do With It?") und Dan Stevens (41, "Ich bin dein Mensch") mitspielen. Die Dreharbeiten für die Polit-Thriller-Serie rund um bedrohliche Verschwörungstheorien sind laut "Hollywood Reporter" in New York angelaufen. De Niro spielt einen früheren US-Präsidenten, der nun einen Ausschuss leitet, der eine Cyberattacke aufklären soll. Bassett ist als amtierende US-Präsidentin an Bord, Stevens mimt einen TV-Moderator. De Niro wirkte bisher nur in wenigen TV-Produktionen mit, darunter 2017 in dem Fernsehfilm "The Wizard of Lies" in der Rolle des Milliarden-Betrügers Bernie Madoff. Sein Auftritt in "Zero Day" ist seine erste Serien-Rolle. Der Schauspieler ist auch als ausführender Produzent beteiligt.